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StartseiteSport am WochenendeFestanstellung als Sicherheit17.05.2020

Neues Athleten-Sponsoring-ModellFestanstellung als Sicherheit

Ein ambitionierter amerikanischer Sportartikelhersteller probiert ein neues Modell beim Sponsoring von Athleten aus: Wirtschaftliche Absicherung im Rahmen eines Angestelltenvertrags statt der üblichen Sponsorenverträge.

Von Jürgen Kalwa

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Mary Cain bei einem Wettbewerb (Paul J Sutton/PCN/imago)
Mary Cain, US-amerikanische Mittelstreckenläuferin (2014) (Paul J Sutton/PCN/imago)
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Es hat in den letzten Jahren nur wenige Leichtathleten gegeben, die das System einer hauptsächlich durch Werbeverträge finanzierten Karriere anprangern. So wie die Sprinterin Allyson Felix. Oder die Mittelstrecklerin Mary Cain. Beide hatten sich von Nike bezahlen lassen – dem Branchenführer weltweit. Und ließen sich dessen Konditionen aufzwingen. Felix, die sechsfache Olympiasiegerin, erkannte irgendwann, dass in diesem System Frauen nur Sportler zweiter Klasse sind – sobald sie schwanger werden:

"Strenge Bedingungen an unsere Rückkehr zum Wettkampfsport zu knüpfen, zwingt uns, unsere Mutterrolle zu vernachlässigen. Und es bedeutet gesundheitliche Risiken."

Cain war an den – inzwischen wegen seiner Doping-Praktiken gesperrten – Trainer Alberto Salazar geraten. Der nötigte sie, extrem viel Gewicht zu verlieren. Die Folge: Hormonelle Probleme, die für eine Reihe von Ermüdungsbrüchen verantwortlich waren.

"Ich bin zu Nike, weil ich die beste Athletin aller Zeiten werden wollte. Stattdessen wurde ich von Salazar emotional und körperlich misshandelt. Unterstützt von Nike", sagt Cain.

Salazar bestreitet das. Wer den Mund aufmacht, muss allerdings bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Allyson Felix unterschrieb deshalb im letzten Sommer bei einer anderen Ausrüsterfirma, die weibliche Freizeitsportler im Visier hat.

Allyson Felix bei der Leichtathletik-WM 2017 (imago/Colorsport) (imago/Colorsport)Eine Frage der Fairness - Schwangere US-Athletinnen fordern Mutterschutz
Die US-amerikanische Leichtathletin Allyson Felix hat mit einem Interview in der "New York Times" für Furore gesorgt. Sie machte öffentlich, dass namhafte Sponsoren Werbeverträge oft aussetzen, wenn Sportlerinnen schwanger werden. Nach Protesten könnte sich das nun ändern.

Auch Mary Cain sah sich nach einem neuen Partner um. Anfang der Woche wurde bekannt, dass sie von einem kleinen Bostoner Bekleidungsunternehmen verpflichtet wurde. Das vertritt nicht nur eine besondere Philosophie, wenn es um die Produkte geht. Cain muss nicht länger Leistungspräminen hinterherjagen. Sie erhält einen Angestellten-Vertrag und einen richtigen Job: Sie soll in New York den Tausenden von Amateuren, die in ganz normalen Sportvereinen aktiv sind, die noch junge Marke näher bringen.

Tracksmith bemüht sich seit Gründung um eine Außendarstellung, die sich von den Branchenriesen unterscheidet. Die Optik der Trikots, Jacken und Hosen? Retro. Die eingewebte Weltanschauung: Nostalgische Gefühle für eine vergangene Ära des Leistungssports in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Zielpublikum? Ambitionierte Amateure mit einer Abneigung gegenüber dem allgemeinen Markenwahn.

Der Mann hinter dem Projekt heißt Matt Taylor, ist studierter Hirnforscher, hat jedoch nach der Universität hauptsächlich im Bereich Sportmarketing gearbeitet. Taylor sagt:

"Wir haben ein völlig anderes Modell. Wir haben sie von Anfang als Angestellte betrachtet. Es gab gar nicht diesen Aha-Moment. Ich habe mit Usain Bolt gearbeitet, mit kenianischen Marathonläufern und mit amerikanischen Langstrecklern. Ich kenne deren Blickwinkel. Und den der Sponsoren. Wir hatten gar nicht das Geld, als wir Tracksmith gegründet haben und konnten also gar nicht mit den Großen in der Branche konkurrieren. Also haben wir mit Sportlern zusammengearbeitet, die ganz normale Jobs haben. Und die mit der Leichtathletik eine bestimmte Lifestyle-Idee verbinden. Daraus hat sich das entwickelt."

Seine Vorzeigesportler – neben Cain noch der neuseeländische Mittelstreckler Nick Willis – können so mit einer wirtschaftlichen Grundsicherung in ihre Wettkämpfe gehen. "Sie bekommen ein Gehalt, Belegschaftsaktien. Sie sind krankenversichert. Das sind viele Vorzüge", sagt Taylor.

Kaum machte die Nachricht in den amerikanischen Medien die Runde, klingelte bei Tracksmith das Telefon. Auch andere Athleten hätten gerne einen solchen Angestelltenvertrag. Aber Taylor schwächte gegenüber dem Deutschlandfunk alle allzu große Erwartungen ab:

"Unser Modell ist sehr spezifisch. Und es wird für andere Firmen so nicht funktionieren. Die haben hundert, zweihundert Sportler unter Vertrag. Die können das nicht einfach umstrukturieren. Und auch wir können nicht einfach mehr Athleten anstellen. Wir brauchen solche, die bei uns hineinpassen. Wir haben gerade mal 23 Mitarbeiter. Wir können den Stab nicht einfach auf 50 erweitern."

Die 24-jährige Mary Cain allerdings ist zufrieden. Sie landete bei einer Firma, die sie nicht länger auf ihre rein körperliche Leistung reduziert, sondern auch ihren Geist beansprucht. Das nächste Ziel: die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio.

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