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StartseiteMusikjournalMeister der rebellischen Jazz-Operette19.07.2021

Neues Buch über Paul AbrahamMeister der rebellischen Jazz-Operette

Ein faszinierender Künstler, ein beeindruckendes Werk, eine zerstörte Karriere: Ein neues Buch erzählt das Leben des Jazz-Operetten-Komponisten Paul Abraham, der 1933 von den Nazis aus Deutschland vertrieben wurde – und nimmt sich dabei eines dunklen Kapitels der deutschen Musikgeschichte an.

Von Dieter David Scholz

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Der ungarische Komponist Paul Abraham (u.a. die Operette "Die Blume von Hawaii") gibt während seines Aufenthalts im Universitätskrankenhaus in Hamburg-Eppendorf am 28. Juni 1956 ein kleines Konzert für die Hamburger Presse. (picture alliance / Herold)
Steile Karriere, dann ein tiefer und tragischer Absturz: Paul Abraham, der unter anderen die Operette "Die Blume von Hawaii" schuf. (picture alliance / Herold)
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Paul Abraham war einer der originellsten, rebellischsten und frechsten Operet­ten­komponisten im Übergang von der Weimarer Republik zum Dritten Reich. Seine Musik spiegelt die Eu­phorie, die Hoffnungen, aber auch die Brüche dieser Zeit. Vergnügliches, Schmissiges, Pi­kantes, Frivoles mischt sich mit Nostalgie, mit ungarisch-österreichisch-berlinerischem Lo­kal­kolorit, aber auch mit amerika­nischem Jazz. Der Operetten-Spezialist Kevin Clarke vom Operetta Research Centre:

"Das Besondere an Paul Abrahams Operetten ist der Klang, diese Klangfarben, diese Klanggewalt, dieser Rausch, den er entwickelt, das ist natürlich der typi­sche Klangrausch der späten Zwanziger-, frühen Dreißigerjahre in der deutschsprachigen Operette, aber mir ist niemand bekannt, von den anderen Operettenkomponisten, der solche Wucht und solchen Drive in der Musik hat."

Kometengleiche Karriere vor 1933

Die Liedtexte und Dialoge der Abraham-Operetten sind sarkastisch, ironisch, gewagt und tagesaktuell, oftmals durchzieht sie aber auch Melancholie. Abraham hatte die besten Librettisten seiner Zeit, Fritz Löhna-Beda und Alfred Grünwald, sie verstanden sich auf feinen Humor der Ausgegrenzten. Und es geht in den Stücken immer darum, wie finden sich Mann und Frau, und wie wird man einander wieder los:

"Flitt­chen, Femme fatales und Mäuschen. Es sind hinter­sinnige Stücke von Liebesfreud und Liebesleid sowie Irrungen und Wirrungen zwischen den Geschlechtern, wie sie kein anderer so auf die Bühne brachte."

Paul Abrahams Karriere war kometengleich. Vom Nobody aus dem kleinen ungarischen Ort Apatin, kam er 1930 über Budapest nach Ber­lin und stieg innerhalb von nur drei Jahren zum europaweit bestbezahlten und meist bejubelten Operet­tenkönig seiner Zeit auf. Man kann das nachlesen bei Klaus Waller. Sein Buch liest sich wie ein Roman. Abraham wurde steinreich, lud zu Cham­pagner und Kaviar, besaß Limousinen, Butler und Chauffeur und kaufte sich in der noblen Berliner Fasa­nenstrasse eine schlossartige Villa. Doch so steil wie seine Kometenbahn 1930 aufstieg, so steil stürzte sie 1933 ins Nichts. Abraham floh über Budapest, Wien, Paris und Havanna nach New York. In den USA konnte er an seine Erfolge in Europa allerdings nicht anknüpfen, er­krank­te an Syphilis, war geistig verwirrt und verbrachte schließlich zehn Jahre – von der Welt ver­gessen – in einer psychia­trischen Klinik. Ein besonders tragischer Fall von deutschem Emigrantentum in den USA, das Klaus Waller ausführlich darstellt.

Rückkehr nach Hamburg als Patient

Durch einen Zeitungsartikel im New Yorker "Aufbau" aufmerksam geworden, überschrieben "Der Komponist im Irrenhaus", wurde 1956 Paul Abraham auf Betreiben von Freunden, organisiert in einem "Paul-Abraham-Komitee", vor allem aber auf Initiative des Neurologen Professor Bürger-Prinz am Eppen­dorfer Klinikum Hamburg nach Europa zurückgeholt. Abraham verbrachte in Ham­burg die letzten vier Jahre seines Lebens. Der renommierte Professor Bürger-Prinz hatte nach 1945 seine Nazi-Vergangenheit und seine Mitwirkung an Euthanasie-Projekten geleugnet. Das erschütternde Schlusskapitel aus dem Leben Paul Abrahams wird in der ungeschönten Biographie von Klaus Waller nicht verschwiegen:

"Der von den Nationalsozialisten verfolgte Paul Abraham wurde nun von einem Arzt behandelt, der im Dritten Reich unter anderem als Richter im 'Erbgesundheitsgericht' tätig war. Bürger-Prinz konnte der Patient nur Recht sein, denn er war dabei, sich in der Bundesrepublik ein neues Renommee zu verschaffen."

Das Buch von Klaus Waller beschreibt gewissenhaft die wesentlichen Werke Abrahams, ihre Aufführungsge­schichte und ihre Darsteller, unter denen die Soubrette Rosy Barsoni und der Buffo Oscar Denes zu den Lieblingen Abrahams gehörten.

Manischer Produktionszwang

Diese völlig unkitschige, ja angriffslustige Operettentradition der Drei­ßigerjahre wurde von den Nazis unwiederbringlich ausgelöscht. Klaus Waller spricht es deutlich aus. Seine Abraham-Biographie enthält darüber hinaus nicht nur einen auf­schlussreichen Beitrag des Arrangeurs Henning Hagedorn über die Rekon­struktion der Partituren Ab­rahams. Viele sind nicht vollständig erhalten. Abraham stand unter manischem Produktions­zwang. Er schrieb neben unzähli­gen Ope­retten auch Filmmusiken und Schlager für die Film- und Operetten­größen der Zeit.

Die Produktionen des Regisseurs Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin hatten geradezu Signalcharakter für die internationale Wiederentdeckung Abra­hams auf den Theatern. Kosky bricht denn auch in einem Gespräch mit dem Dirigenten und Pia­nisten Adam Benzwi, das im Buch abgedruckt ist, eine Lanze für Abraham als "Sinfoniker der Großstadt" und macht ungeniert Werbung für sein Haus. Er ist stolz darauf, in den letzten Jahren immerhin vier Operetten Abrahams an der Komischen Oper aufgeführt zu haben.

So wie Barrie Kosky mit seinen Inszenierungen an der Komischen Oper, trägt auch das Buch von Klaus Waller zur Wiederentdeckung Paul Abrahams bei, der im Gegensatz zu Franz Lehar, (der ihn seinen "Kronprinzen" nannte), im allge­meinen Bewusstsein nicht mehr vor­handen ist. Wallers Buch ist mit fabelhaftem Bildmaterial ausgestattet, darunter viele bewegende Foto-Raritäten. Ein Buch, das nicht nur außerordentlich informativ ist, sondern den Leser neugierig macht auf Paul Abraham und seine Musik.

Klaus Waller: Paul Abraham – Der tragische König der Jazz-Operette.
Starfruit Publications, 384 Seiten, 28 Euro.  

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