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StartseiteCorsoAltersweisheit zu perlenden Synthesizern20.07.2019

Neues Lloyd Cole-Album "Guesswork"Altersweisheit zu perlenden Synthesizern

Seit sechs Jahren hat Lloyd Cole, Kult-Songwriter der 1980er-Jahre, kein Album veröffentlicht. "Guesswork" - zu deutsch Rätselraten, Mutmaßen oder Spekulieren - heißt das neue Werk des Engländers. Sein neuer Sound wird vermutlich nicht allen alten Fans gefallen.

Von Eric Leimann

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Lloyd Cole singt und spielt Gitarre  (dpa-Zentralbild (Britta Pedersen))
"Meine Musik kreiste jahrelang um diesen Ansatz: Pop mit Gitarren." - Nun hat Llyod Cole den Synthesizer für sich wiederentdeckt (dpa-Zentralbild (Britta Pedersen))
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Nein, das ist nicht die neue Single der Pet Shop Boys, wie Kenner der prägnanten Gesangstimme Lloyd Coles schnell und wohl ein bisschen irritiert feststellen werden. Der Text zum fröhlichen Popsong mit den künstlichen Geigen ist eigentlich ziemlich bitter: Lloyd Cole singt von Kriegsbildern wie einschlagenden Raketen - und die Reaktion seines Protagonisten darauf, der seine Kopfhörer aufsetzt und den Geigen lauscht. "Violence" - Gewalt, sollte dieser Song mal heißen, aber das war Lloyd Cole zu offensichtlich. "Violins", also Geigen, heißt er jetzt.

Dachboden als Kreavtivzelle 

"Elektronische Musik ist Teil meines Lebens, seit ich ein Junge war. Das ist nichts Neues für mich. Mein erster Versuch, Musik mit meiner Band The Commotions zu machen, war ein elektronischer Ansatz. Aber die Commotions fanden einen anderen Sound, der zu ihnen passte, wenn wir zu fünft Musik machten, und der war von Gitarren dominiert. Meine Musik kreiste jahrelang um diesen Ansatz: Pop mit Gitarren. In den letzten acht oder zehn Jahre habe ich mehr Zeit damit verbracht, mit meinen Synthesizern zu arbeiten, hier auf meinem Dachboden. Das ist so ein bisschen mein Hobby geworden. Ich genieße es, Sounds und Töne zu kreieren."

Nun wäre es ein wenig billig zu behaupten, der 1980er-Jahre-Künstler Lloyd Cole wäre bei seinem Versuch, ein elektronisches Popalbum zu produzieren, beim Sound alter Zeitgenossen wie The Human League oder Tears For Fears hängengeblieben - auch wenn diese Idee naheliegt.

Lloyd Cole: "Ich hoffe, dass das Album auf eine ähnliche Weise funktioniert wie einige Platten aus den 1980er-Jahren. Wenn wir ein Album wie Kraftwerks "Computerwelt" von 1981 heute anhören, klingt es so, als könne es auch gestern aufgenommen worden sein. Alles klingt exakt richtig, klassisch, zeitlos. Fügt man die menschlichen Stimme in eine künstlichen Klangumgebung ein, führt das zu dem Effekt, dass man die menschliche Stimme als noch menschlicher empfindet, weil sie gegen etwas ansingt, dass wir als fremd oder unnatürlich empfinden."

Mit "Rattlesnakes" veröffentlichte Lloyd Cole 1984 ein Debütalbum, das als eines der besten der 1980er-Jahre gefeiert wird. Der 23-jährige Cole sang damals schon Texte, die lyrisch so wortreich, anspruchsvoll, aber auch zweifelnd waren, als wäre der Autor eigentlich viel älter.

Leerstellen im Alter

Nun, was wird aus so jemandem im Alter? Zunächst mal ein liebevoller Familienvater. Seit fast 30 Jahren lebt Lloyd Cole an der amerikanischen Ostküste, mit seiner Frau hat er zwei Söhne großgezogen. Die sind nun zwischen 20 und Mitte 20. Viele Songs auf "Guesswork" scheinen davon zu erzählen, dass man als Paar nun wieder zu zweit lebt, mit neuen Freiheiten, aber auch Leerstellen.

The "Over Under" heißt dieses Lied, das angeblich das erste für "Guesswork" gewesen sein soll. Es ist ein sphärisches Bekenntnis, eine innere Akzeptanz des ewig Unsicheren "Now that I’m no longer chasing certainty" singt Lloyd Cole, "Jetzt, da ich nicht mehr der Gewissheit nachjage". Ein wenig Trost, ja sogar eine gewisse Freiheit im Alter, scheint es also doch zu geben. Wissen wir denn mehr, wenn wir älter werden, oder spekulieren wir einfach nur weiter?

Lloyd Cole: "Ich glaube, wir häufen mehr Daten an. Und wir haben mehr, über das wir uns Gedanken machen. Aber es wird immer schwerer mit dem Alter, zu eindeutigen Antworten zu gelangen. Also ja, da ist mehr "Guesswork". Leute, die sich immer absolut sicher sind, sind entweder Idioten oder Verkäufer. Beide Sorten Mensch finde ich in der Regel ziemlich gefährlich - vor allem, wenn sie in der Regierung arbeiten."

Die Angst, allein zu scheitern

Das neue Album von Lloyd Cole ist ein lyrisch sehr fein gedrechseltes Songwriter-Werk im ungewöhnlichen Soundgewand. Alte Fans könnten damit durchaus Probleme haben. Dabei lohnt es sich, in die sparsam instrumentierten, mal lustig perlenden, mal sphärisch wabernden Alters-Elegien einzusteigen. Je öfter man zuhört, desto mehr spürt man die Tiefe in dieser sparsam, leicht und ein wenig "retro" klingenden Synthieplatte, an der Lloyd Cole ein Jahr lang kontinuierlich auf seinem Dachboden gearbeitet hat.

Lloyd Cole: "Ein Grund, warum es so lange gedauert hat, bis ich mit diesem Projekt anfangen konnte, war Angst. Ich wusste nicht, ob ich die Belastung aushalten würde, für ein Jahr alleine mit mir in einem Raum zu sein. Egal wie viel Freude es manchmal bringt, etwas aufzunehmen, die Arbeit an sich zehrt mich aus. Wenn man älter wird, muss man sich fragen: Habe ich die Energie noch? Seit ich mit dem Projekt durch bin, habe ich verschiedene Dinge getan, um mein Energieniveau zu heben. Deshalb bin ich körperlich heute stärker als damals, als ich das Album aufnahm. Doch damals war "Guesswork" eine große Herausforderung. Es gab viele Tage, an denen ich mir nicht sicher war, ob ich das Ganze abschließen kann."

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