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StartseiteKultur heuteGisli Örn Gardarsson macht Kafka in Zürich03.12.2016

Neuinszenierung "Die Verwandlung" Gisli Örn Gardarsson macht Kafka in Zürich

Der isländische Regisseur Gisli Örn Gardarsson hat 2006 mit der englischsprachigen Version seiner Inszenierung von Franz Kafkas "Verwandlung" in London Furore gemacht. Nun wird die deutsche Version am Schauspielhaus Zürich gezeigt. Für unsere Kritikerin hat die mit Kafka nur wenig zu tun.

Von Cornelie Ueding

Der Schiffbau, eine der Spielstätten des Schauspielhauses Zürich (imago)
Der Schiffbau, eine der Spielstätten des Schauspielhauses Zürich (imago)
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Zwei Welten: Im Untergeschoß der zweistöckigen Bühne ist alles wie immer: alltäglicher Frühstücksmief. Mutter und Tochter adrett, der Vater mit dem Gestus des Familienoberhaupts, bescheidene Biederkeit, eine etwas verhuschte, stumme Gewohnheitsbehaglichkeit. Im Zimmer darüber aber ist die Welt aus dem Lot: Der Raum verrückt, um 90 Grad gekippt, sodass man seinen Bewohner, Gregor Samsa, dort eingenistet, eingesperrt, meist aus der Draufsicht erlebt.

Zugegeben, kein schlechter Einfall, wenn es um die Frage der Fragen geht: Wie stellt man auf der Bühne dar, was dank der virtuosen Erzählkunst Kafkas im Prosatext unausgesprochen, uneindeutig bleiben kann: hat tatsächlich eine körperliche Verwandlung stattgefunden oder ist alles nur ein böser Traum, Einbildung, Fantasie? Wessen Realitätsverhältnis ist gestört: Gregors – oder das der Familie?

In der Inszenierung des isländischen Regisseurs Gísli Örn Gardarsson geht Gregor einen seltsamen, etwas diffusen Zwischenweg: sowohl seine Sprache wie sein körperlicher Zustand sind völlig unverändert, ganz und gar unverwandelt. Lediglich sein Umfeld hat sich verändert. Man spielt zwar Normalität. Aber das funktioniert nicht. Denn alle haben etwas zu verbergen: vor sich selbst und vor den gebetenen und ungebetenen Gästen, die buchstäblich mit der Tür ins Haus fallen: Den eigenen Sohn und Bruder, ausgerechnet ihn, der mit seinem Verdienst die ganze Familie über Wasser gehalten hatte. Und jeder hat mit einem Mal Angst vor Gregor Samsa. Warum, bleibt in Zürich unklar. Alle sprechen dieselbe Sprache – einen inneren Monolog wie den Gregor Samsas im Prosatext kann es auf der Bühne nicht geben. So bleiben hier die Verständigungsschwierigkeiten bloße Behauptung.

"Gregor, mach die Tür auf, ich beschwöre dich!"
"Der nächste Zug geht um halb acht, den kann ich kriegen. Ich muss mich beeilen. Bring mir etwas zu essen, Mutter! Ich verhungere! – Und die Kollektion ist noch nicht eingepackt. - Wenn ich mich ungeheuer beeile, kann ich es schaffen!"
"Aber ich verstehe kein einziges Wort! Das macht mir Angst! Gre - gor! Ich verstehe dich nicht!"

Die Sprünge, Räder und Überschläge, die dieser bald von der Decke hängende, bald über die Wände kriechende Akrobat der Verwandlung de facto produziert, erregen zweifellos Bewunderung und Interesse für dessen turnerische Fähigkeiten, keinesfalls legitimieren sie das panikartige Entsetzen, das alle erfasst, wenn sie seiner ansichtig werden. Und was das Entsetzen betrifft, geht diese Inszenierung wahrlich in die Vollen: Man rutscht rücklings die Treppenstufen hinunter, sinkt ohnmächtig zu Boden, rennt fluchtartig aus dem Haus. Und genau daran leidet diese körpersprachlich perfekt durchchoreografierte Inszenierung letztlich: an ihrer choreografisch-akrobatischen Perfektion. Es ist Gardarsson nicht gelungen, sein Konzept, die Räume körperlich zu erforschen und die Spannungen in dem Stück räumlich darzustellen - um emotionale Beziehungen, also die familiären Binnenspannungen zu erweitern. So läuft die für Zürich neu inszenierte Aufführung wie eine wohleinstudiere Turnkür ab, strukturell offenbar im wesentlichen unverändert, seit der Regisseur 2006 mit der englischsprachigen Version in London Furore machte.

Oben "Akrobat schön!", unten ein Hauch von mittelprächtigem Boulevard mit viel zu viel forcierten Gesten und schrillen Tönen: Das ist allenfalls interessant – und hat mit Kafka wenig zu tun. Nichts gegen den Versuch, Kafka aus dem schwerblütigen Gefängnis des Tragischen zu erlösen – allerdings nicht um Preis, das Wesentliche durch Vergröberung aus dem Blick zu verlieren: die Perfidie und kaltblütige Systematik, mit der ein aus der Bahn Geratener ausgestoßen wird; und die verdeckte Skrupellosigkeit, mit der dieser allmähliche Prozess unheimlich einverständlich durchgezogen wird. Ein plattes, im turnerischen Eifer situativ unvorbereitetes "Er muss weg!" genügt nicht, um die Perfidie dieses kurzen Prozesses im trauten Kreis der Familie emotional auch nur ansatzweise spürbar zu machen.

So bleiben eine Reihe schöner Bilder. Und der Eindruck, sowohl den politischen wie individuellen Fluchtpunkt der "Verwandlung" verpasst zu haben. Ein erkennbarer Mehrwert, der das Experiment, diesen hochambivalenten Text auf die Bühne zu zerren, rechtfertigem würde, ist jedenfalls nicht erkennbar.

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