Neues Atomwaffenzeitalter
Das Ende der Nuklearabkommen

Am 5. Februar 2026 läuft der New-START-Vertrag aus. Er ist das letzte verbliebene internationale Abkommen zwischen den USA und Russland, das die Zahl strategischer Atomwaffen begrenzt. Droht nun ein neues atomares Wettrüsten?

    Blick von oben auf die Millitärparade. Man sieht ballistische Raketen und Soldaten.
    Generalprobe für die Siegesparade Russlands im Zweiten Weltkrieg 2022: Gezeigt werden auch ballistische Raketen, die mit nukleare Sprengköpfen bestückt werden können. (imago / SNA / Sergey Guneev)
    Abkommen wie New START sollten ein atomares Wettrüsten verhindern, Stabilität und Sicherheit geben. Diese Zeiten scheinen vorbei. Seit dem Überfall auf die Ukraine droht Präsident Wladimir Putin offen mit Russlands Atomstärke, um den Rückhalt für die Ukraine zu schwächen. Gleichzeitig rüsten auch Nationen wie China ihr Atomarsenal auf. Das atomare Abrüsten scheint in weiter Ferne.

    Übersicht

    Wie wahrscheinlich ist ein neues Abkommen?

    Der russische Präsident Wladimir Putin hat ein Interesse daran, das Verhältnis zu den USA zu normalisieren. Er hofft auf die Wiederaufnahme des zivilen Flugverkehrs zwischen Russland und USA, Handel und vieles mehr. Dafür stellte er bereits eine Wiederauflage der atomaren Rüstungskontrolle in Aussicht – zumindest wolle Russland den Status quo für ein weiteres Jahr einhalten.

    Das New-START-Abkommen kurz erklärt

    Der New-START-Abkommen hatte nach Ende des Kalten Krieges viele Vorgänger. Ziel war stets die atomare Abrüstung. New START sieht vor, dass jedes Land höchstens 1.550 Atomsprengköpfe besitzen darf. Zudem dürfen beide Seiten maximal 700 stationierte Trägersysteme wie land- und U-Boot-gestützte Raketen sowie Bomber besitzen. Die Obergrenze für Abschussvorrichtungen liegt bei 800. Ein Kernstück des Vertrags waren kurzfristig angekündigte Vor-Ort-Inspektionen, mit denen beide Seiten die Einhaltung der Regeln überprüfen konnten. Diese Kontrollen kamen bereits während der Coronapandemie zum Erliegen. 2023 setzte Russland das Abkommen aus. Nun steht es vor seinem offiziellen Auslaufen.
    Doch Putin knüpft die Verlängerung an Bedingungen: Die USA sollen Russlands Beispiel folgen und die bilateralen Beziehungen müssten wieder normalisiert werden. Russland will raus aus der Isolation und könnte die Fortführung des Abkommens zur Bedingung setzen.
    Ob die US-Regierung überhaupt eine Neuauflage des Abkommens anstrebt, lässt sich nicht klar beantworten. US-Präsident Donald Trump griff das Thema “Denuklearisierung” schon zu Beginn seiner Amtszeit auf, sendete allerdings in den vergangenen Monaten auch widersprüchliche Signale.
    Zu Putins Angebot, den Status quo aufrechtzuerhalten, erklärte Trump, das scheine eine gute Idee. Wenig später folgte die Meldung, die USA wolle wieder Atomwaffen testen.
    Zuletzt zeigte Trump sich in einem Interview mit der "New York Times" unbesorgt darüber, dass das Abkommen ohne Folgeabkommen auslaufen könne. Er würde dann ein besseres Abkommen aushandeln. Dafür allerdings läuft nicht nur die Zeit davon, sondern sind derzeit auch keine notwendigen Voraussetzungen gegeben.

    Die Gefahr Atommacht China

    Ein völlig neues Abkommen erscheint unrealistisch. Viele externe Beobachter halten derzeit eine Verlängerung des Status quo nach dem 5. Februar für realistischer, allerdings bleiben auch dann viele Fragen offen: Was nutzt dies, wenn es keine Überprüfungen gibt? Und wie ginge es in einem Jahr weiter?
    Auch steht die Frage im Raum, ob ein Abkommen mit Russland ausreicht. Auch China, das als strategischer Partner von Russland gilt, rüstet sein Atomwaffenarsenal auf – lehnte jedoch einen Vorschlag Trumps über ein gemeinsames Abkommen ab.

    Droht ein neues atomares Wettrüsten?

    Die Abrüstungsbemühungen scheinen Vergangenheit zu sein, die Gefahr einer nuklearen Eskalation ist nach Ansicht von Experten heute so groß wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr. Wir lebten längst in einem neuen „Atomwaffenzeitalter“, warnte die Politologin Nicole Deitelhoff bereits im Oktober 2025. Sie glaubt, dass es nach dem Auslaufen von New START so schnell keine Rüstungskontrollverträge in diesem Bereich mehr geben wird.
    Das Friedensforschungsinstitut SIPRI warnt vor einem gefährlichen neuen nuklearen Wettrüsten. Die seit Jahrzehnten rückläufige Zahl der Atomwaffen weltweit könnte bald erstmals wieder steigen, heißt es im aktuellen Jahresbericht des Stockholmer Instituts.
    Die USA und Russland besitzen rund 90 Prozent aller Atomwaffen. Beide Staaten haben den Experten zufolge umfangreiche Modernisierungsprogramme durchgeführt. Auch nahezu alle übrigen Atomwaffenstaaten – Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – setzten Programme zur Modernisierung von Atomwaffen fort. Am schnellsten wächst laut SIPRI das chinesische Atomwaffenarsenal.

    Was bedeutet das für Europa?

    Das Ende von New START bedeutet für Europa eine Rückkehr zu einer Ära der Ungewissheit und erhöhten nuklearen Bedrohung, in der Sicherheitsgarantien wegfallen.
    Europa müsse deutlich machen, dass es sich nicht auf eine atomare Eskalationsspirale einlasse, sagt Nicole Deitelhoff. Diplomatische Bemühungen müssten verstärkt werden. „Europa hat traditionell eine Rolle in der Beförderung von Initiativen der Rüstungskontrolle“, so die Politologin. Dafür müsse mehr Energie aufgewendet werden, um Neuanfänge anstoßen zu können.
    (nba)