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StartseiteBüchermarktPlädoyer für eine wirklich afrikanische Literatur10.07.2018

Ngugi wa Thiong'o: "Dekolonisierung des Denkens"Plädoyer für eine wirklich afrikanische Literatur

Der Kenianer Ngugi wa Thiong’o ist eine der wichtigsten Stimmen der Literatur aus Afrika. Immer wieder wurde er als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Sein einflussreichster Essay "Decolonizing the mind" wurde jetzt, mehr als 30 Jahre nach dem Erscheinen, ins Deutsche übersetzt.

Von Antje Deistler

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Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o (picture alliance / dpa / Unrast Verlag)
Ngugi wa Thiong'o, Dekolonisierung des Denkens (picture alliance / dpa / Unrast Verlag)
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Für Ngugi wa Thiong’o schließt sich mit der deutschen Übersetzung seines Essays zur Dekolonisierung des Denkens ein Kreis. Denn hier in Deutschland begann er mit der Arbeit daran. Ngugi lebte 1984 für kurze Zeit in Bayreuth, wo er an der Universität als Gastprofessor lehrte. Danach sollte er an der Universität von Auckland in Neuseeland eine Vorlesungsreihe halten. Das Thema durfte er frei wählen, hatte damit aber seine Schwierigkeiten, wie er sich erinnert:

"Ich musste diese vier zusammenhängenden Vorlesungen halten, und mir fiel nichts ein. Aber in der Stille von Bayreuth nahm die erste Vorlesung, die später zu 'Dekolonisierung des Denkens' wurde, in meinem Kopf Gestalt an. Deshalb ist mir die Verbindung nach Deutschland sehr wichtig."

Die Herabwürdigung der afrikanischen Sprachen

In diesem Text zeigt Ngugi, wie sich der Imperialismus selbst nach der offiziellen Befreiung von den europäischen Kolonialherren und nach der Erklärung der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten in den Köpfen der Menschen fortsetzte. In Ngugis Heimat Kenia war es das "metaphysische Imperium des Englischen", in anderen Regionen Afrikas das des Französischen oder Portugiesischen, das die weitere Unterdrückung der Afrikanerinnen und Afrikaner durch die Herabwürdigung ihrer Sprachen sicherstellte. Ngugi wa Thiong’o schreibt:

"Der Nacht des Schwertes und der Gewehrkugel aber folgte der Morgen der Kreide und der Schultafel. Die physische Gewalt des Schlachtfeldes wurde von der psychischen Gewalt des Klassenzimmers abgelöst. (...) Die Gewehrkugel war Mittel der physischen Unterwerfung. Die Sprache war Werkzeug der geistigen Unterwerfung."

Jahrzehntelang wurden und in manchen Staaten werden noch heute afrikanische Kinder in der Schule bestraft und beschämt, wenn sie ihre Muttersprache gebrauchen. Nicht mehr von den britischen, französischen, belgischen oder portugiesischen Besatzern, sondern von einheimischen Lehrern. Die damit wiederum die Richtlinien der jeweiligen Regierungen umsetzen. Die Haltung, dass afrikanische Sprachen minderwertig seien, haben diese Nachfolger der ehemaligen Herrscher vollkommen verinnerlicht. Die koloniale Gehirnwäsche war also überaus erfolgreich und anhaltend in ihrer Wirkung, wie sich auch in den ersten Reaktionen vieler afrikanischer Intellektueller auf Ngugis Appell zur Dekolonisierung des Denkens zeigte.

"Als ich diesen Begriff zum ersten Mal benutzte, erntete ich einiges an Widerspruch, sogar Feindseligkeiten von afrikanischen Intellektuellen. Manche von ihnen beurteilten meine Argumentation zugunsten der afrikanischen Sprachen als eine Art Rückfall in die Vergangenheit, sogar als 'Rückzug in die Wildnis'. Man könne doch das Englische nicht aufgeben oder die anderen europäischen Sprachen. Obwohl ich gar nichts davon gesagt hatte, dass wir diese Sprachen aufgeben sollten, sondern dass wir unsere Wurzeln in den afrikanischen Sprachen wiederfinden müssen. Und dass nur afrikanische Intellektuelle ihre eigene Sprache entwickeln können, das kann niemand anders für uns tun."

Eine wirkliche afrikanische Literatur

Ngugi ließ seinen Thesen damals sofort Taten folgen. Seit 1984 schreibt er seine Romane und auch seine Sachtexte nur noch in seiner Muttersprache, dem Kikuyu. Danach übersetzt er alles selbst ins Englische. Ursprünglich ging es ihm darum, eine wirkliche afrikanische Literatur zu schaffen, die tatsächlich in afrikanischen Sprachen geschrieben wurde. Eine Literatur, die die Sprache nutzt, in der die Mythen, die Denkweisen, die gesamte Kultur und die Mentalität der Menschen verankert sind, die sie sprechen. Das, was afrikanische Schriftstellerinnen und Schriftsteller auf Englisch, Französisch oder Portugiesisch schreiben, bereichere bisher vor allem Europa und Nordamerika, sagt Ngugi. Man könne es kaum als "afrikanische Literatur" bezeichnen, so die schmerzhafte Analyse. Und diese Beobachtung gilt bis heute.

Mehr als 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung hat der Widerstand gegen seine Thesen deutlich abgenommen, der Begriff der Dekolonisierung hat sich thematisch ausgeweitet und überall durchgesetzt, nicht nur in Afrika. 
 
"Heute, 30 Jahre später, ist die Idee der Dekolonisierung auf der ganzen Welt verbreitet. In Südafrika sprechen sie von der Dekolonisierung der Institutionen. Mein Text ist für diese Debatte zentral geworden. In Hawaii sagen die Leute, das sei ihr Buch. In Indien, da war ich in diesem Jahr noch, kennt man von mir vor allem dieses Buch, 'Dekolonisierung des Denkens'. Weil das Thema von Sprache und das Verhältnis der verschiedenen Sprachen zueinander überall wichtig ist. Man findet jetzt auch neue Felder der Dekolonisierung, Dekolonisierte Ästhetik, Dekolonisierungsstudien. Ich würde sagen, dass man heute, 30 Jahre später, versteht, was ich damals gemeint habe. Jede Idee braucht ihre Zeit."

Junge AutorInnen erkennen sich in Ngugis Essay wieder

Vielleicht ist die deutsche Übersetzung von Ngugi wa Thiong'os ehemals revolutionären, zunächst leidenschaftlich abgelehnten Thesen also doch zur rechten Zeit erschienen, pünktlich zum 80. Geburtstag des großen kenianischen Schriftstellers. Die beiden Herausgeberinnen – Christa Morgenrath vom Projekt "stimmen afrikas" in Köln und Anna Stelthove-Fend von der Afrika Kooperative in Münster - beließen es nicht beim ursprünglichen Text. Sie baten junge und auch ältere afrikanische Autorinnen und Autoren darum, niederzuschreiben, welche Wirkung Ngugis Appell von damals auf sie hatte. So schildert Petinah Gappah aus Zimbabwe, wie sie ihre Muttersprache, das Shona, in der Schule verlernte. Schockiert erkannte sie sich in Ngugis Essay wieder. Heute übersetzt Gappah europäische Literatur ins Shona, zum Beispiel George Orwells "Farm der Tiere". Sonwabiso Ngcowa aus Südafrika berichtet, dass seine Nachbarn im Township zwar stolz auf ihn als Autor seien, aber Texte auf Xhosa von ihm verlangen. Und Boubacar Boris Diop erzählt von Fortschritten, von ersten bilingualen Bildungseinrichtungen im Senegal, die auch Studien auf Wolof anbieten, nicht nur auf Französisch. Die meisten dieser Autoren allerdings schreiben und veröffentlichen weiterhin nicht in ihren Muttersprachen. Auch Ngugi wa Thiong’os Sohn Mukoma wa Ngugi, in Deutschland vor allem für seine Nairobikrimis bekannt: Der Professor an der Cornell Universität an der US-amerikanischen Ostküste fördert Literatur auf Kisuaheli. Selbst schreibt er aber auf Englisch, ebenso wie seine vier Geschwister. Sein Vater macht daraus niemandem einen Vorwurf.

"Das Problem ist, dass man kaum Verlage findet, die Literatur in afrikanischen Sprachen herausbringen wollen. Regierungen verhalten sich afrikanischen Sprachen gegenüber feindselig oder gleichgültig. Es gibt kein unterstützendes Klima, das hat sich noch nicht gebildet, und das müsste es erstmal geben, eine Allianz zwischen Verlagshäusern und fortschrittlicher Regierungspolitik. Ich bin überzeugt, dass es dann Schriftsteller geben wird, die in ihren Muttersprachen schreiben. Noch ist das kaum möglich. Es ist schwer genug, ein Buch zu schreiben. Aber wer heute als junger Mensch ein Buch in einer afrikanischen Sprache schreibt, sagen wir, in Kikuyu, der findet keinen Verlag, das Buch verschwindet in der Schublade, für lange Zeit. Jemand anders schreibt auf Englisch, und innerhalb eines Jahres ist dieses Buch veröffentlicht. Wer auf Englisch oder Französisch schreibt, bekommt sofort Aufmerksamkeit. Wer in einer afrikanischen Sprache schreibt, bleibt unsichtbar."

Kandidat für den Literaturnobelpreis

Auch wegen der Qualität und der großen Bedeutung von "Dekolonisierung des Denkens" wird Ngugi wa Thiong’o immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Vor einigen Jahren rechnete man ihm besonders hohe Chancen aus. Vor seinem Haus in Kalifornien standen bereits die Reporter und Fernsehteams, mitten in der Nacht. Doch dann bekam er den Nobelpreis wieder nicht. Was die Medienvertreter stärker enttäuschte als ihn, wie er, immer noch amüsiert, erzählt:

"Um vier Uhr morgens standen sie da, und als sie erfuhren, dass ich den Nobelpreis nicht bekomme, waren sie sehr enttäuscht. Es war sehr kalt draußen, also hat meine Frau die Reporter eingeladen, ins Haus zu kommen, und sie machte Kaffee für alle. Sie wurde zur Cheftrösterin. Wir haben die Reporter getröstet, nicht andersherum. Die waren so sicher! Und wollten unbedingt meine Reaktion fotografieren."

Man nimmt Ngugi wa Thiong’o den entspannten Umgang mit dem Trubel um den Nobelpreis ab. Die derzeitigen Verwerfungen und Skandale im Nobelpreis Kommittee mag er nicht kommentieren, dafür interessiert er sich nicht genug. Und ob man einen Preis bekomme oder nicht, darauf habe man als Autor sowieso wenig Einfluss, sagt er. Wichtig ist ihm etwas anderes.

"Man freut sich natürlich über jeden Preis. Aber man schreibt nicht für Preise. Man bekommt keine Literaturpreise, weil man sich angestrengt hat, wie bei einem Examen, für das man gelernt hat. Für mich ist die Wirkung, die mein Werk hatte, viel ausschlaggebender und erfreulicher. Ich war kürzlich in Indien, und auch in Neuseeland, in Katalonien, in Venedig. An all diesen sehr unterschiedlichen Orten gab es Menschen, die mir von dem Einfluss erzählten, den mein Buch 'Dekolonisierung des Denkens' auf sie hatte. Oder auch die anderen Bücher. Das ist besonders berührend und mir sehr wichtig. Das nenne ich den Nobelpreis der Herzen. Und den nehme ich immer an!"

Ngugi wa Thiong’o: "Dekolonisierung des Denkens". Herausgegeben von stimmen afrikas und Afrika Kooperative e.V. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Brückner. Übersetzung des Essays von Boubacar Boris Diop aus dem Französischen von M. Moustapha Diallo. Unrast Verlag, Münster. 272 Seiten, 18 Euro.

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