Donnerstag, 26.11.2020
 
StartseiteBüchermarktEine Parabel über Durst und Ruin07.09.2020

Nicolas Mathieu: "Rose Royal"Eine Parabel über Durst und Ruin

Für seinen Roman "Wie später ihre Kinder" wurde Nicolas Mathieu vor zwei Jahren mit dem wichtigen französischen Literaturpreis Prix Goncourt ausgezeichnet. Jetzt liegt sein zweites Buch auf Deutsch vor: ein kurzer Text über eine Paarbeziehung, der auch die französische Gesellschaft in den Blick nimmt.

Von Nora Karches

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Collage des Kollektivs Féminicide par compagnon ou ex auf dem Sockel der Statue "Lion de Belfort" mit dem Schriftzug "À NOS SOERS ASSASSINÉES", Place Denfert-Rochereau im Pariser Stadtviertel Montparnasse. (Nora Karches, Deutschlandradio)
"Für unsere getöteten Schwestern" - Das Kollektiv "Féminicide par compagnon ou ex" prangert mit diesem Schriftzug auf der Pariser Place Denfert-Rochereau Gewalt gegen Frauen durch ihre (Ex-)Partner an (Nora Karches, Deutschlandradio)
Mehr zum Thema

Armut in der französischen Literatur Scheiternde Versuche des Aufstiegs

Tristan Garcia: „Das Siebte“ Und täglich grüßt der Niedergang

Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“ Ein hasserfülltes, versoffenes Frankreich

Schriftststeller und die "Gilets Jaunes" Kritischer Blick auf den Zustand in Frankreich

Eine blonde Frau richtet einen Revolver in die Kamera, die Zähne fest zusammengebissen, ihr Blick ist der einer Wölfin. Es ist Gena Rowlands in dem Thriller Gloria. In "Rose Royal" wollte er die Geschichte dieser Frau erzählen, schreibt Nicolas Mathieu auf Instagram neben dem Foto. Doch anders als die Killerin Gloria stelzt seine Protagonistin Rose nicht durch das New York der Achtzigerjahre, wo alles möglich zu sein schien, sondern durch das heutige Lothringen, wo das Leben seit dem Niedergang der Schwerindustrie von Schweigen und Groll bestimmt ist. Hier lebt Rose, eine willensstarke Frau Ende vierzig, die fest entschlossen ist, der Männerwelt fortan von der Höhe ihrer Absätze aus mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Doch in ihrer Handtasche versteckt auch sie einen Revolver.

"Ein wirrer Streit, im Hintergrund der Fernseher, und Rose spürte, dass Thierry gleich ausholen würde. Sie hatte so ein Zucken in seinem Gesicht gesehen, die Hässlichkeit überforderter Männer. Es war immer das Gleiche."

Illusionen lösen sich in Luft auf

Die Waffe hat sie sich zugelegt, um Männern nie mehr derart ausgeliefert zu sein wie in ihrer letzten Affäre. Ihre Abende verbringt Rose bevorzugt in der Bar Royal. Dort sitzt sie hinter einer staubigen Fensterfront am langen Tresen und sieht ihren Illusionen dabei zu, wie sie sich mit dem Rauch der Zigaretten in Luft auflösen.

"Der Suff überzog alles mit einem Schleier ewiger Gegenwart",

schreibt Mathieu dazu. Die eigentliche Handlung setzt ein, als eines Nachts Luc die Bar betritt. Im Arm hält er seine von einem Auto zerfetzte Hündin. Kurzerhand erschießt Rose das Tier an Ort und Stelle, und Luc ist derart beeindruckt, dass er sie wiedersehen möchte. So werden Rose und Luc ein Paar.

Buchcover: Nicolas Mathieu: „Rose Royal“ (Buchcover: Verlag Hanser Berlin)Buchcover: Nicolas Mathieu: „Rose Royal“ (Buchcover: Verlag Hanser Berlin)

Ein Damokles-Schwert

Die Beziehung mit dem Immobilienmakler bringt der Sekretärin den lang ersehnten sozialen Aufstieg. Doch schnell wird klar: Die Geschichte der beiden ist in Wahrheit eine Parabel über den Durst und den Ruin. Gemeinsam haben sie eigentlich nur ihre Schwächen. Seine Potenzprobleme ertränken sie im Alkohol. Obwohl Rose von Anfang an spürt, dass über ihr ein Damokles-Schwert hängt, gibt sie ihren Job auf und zieht zu Luc aufs Land. Was nun folgt, ist der Bericht einer Eskalation. Die Warnungen ihrer einzigen Freundin schlägt Rose in den Wind:

"Am Sonntag verabschiedete sich Marie-Jeanne mit den Worten: ,Wenn du diesen Kater überlebst, meine Liebe, dann hau ab, so weit du nur kannst.' Aber Rose war geblieben, und als sie am Montag Lucs Schlüssel im Schloss hörte, hasste sie sich selbst dafür, wie erleichtert sie war."

Nachdem mehrere Versuche, aus der Beziehung auszubrechen, gescheitert sind, kündigt Rose bei einem Abendessen im Fünf-Sterne-Hotel die endgültige Trennung an. Doch das Gespräch entgleist. In der folgenden Nacht stirbt Rose. Luc hat ihren eigenen Revolver gegen sie gewendet.

"Die Angst soll die Seiten wechseln"

In den deutschen Medien ist "Rose Royal" bisher als Schilderung eines Einzelschicksals rezipiert worden. In Frankreich war das im vergangenen Jahr anders. Von der überregionalen Zeitung "Libération" bis zum Lothringer "L’Est Républicain" wurde das Buch als literarisches Echo auf einen strukturellen gesellschaftlichen Missstand gelesen, der in Frankreich heftig debattiert wird. Allein im vergangenen Jahr sind 149 Frauen durch ihre Partner getötet worden. Diese Morde werden in zahlreichen französischen Städten durch schwarz-weiße Schriftzüge wie "Sie sagt nein, er tötet sie" öffentlich an Hauswänden angeprangert. Es sind diese realen Vorfälle, auf die sich Nicolas Mathieu in seinem Buch bezieht. Gerade starke Frauen werden häufig zu Opfern, und zwar genau in dem Moment, in dem sie versuchen, sich zu trennen. Mathieu legt Rose sogar einen Slogan der Protestbewegung in den Mund: "Die Angst soll die Seiten wechseln." Zu einem über die Maßen politischen Statement wird das Buch dadurch allerdings nicht, denn Mathieu verliert seine Protagonistin nie aus den Augen.

Ohne in gängige Geschlechterklischees abzudriften oder seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben, zeichnet der mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Schriftsteller die psychologischen Mechanismen innerhalb einer toxischen Beziehung nach. Und so folgt man der Protagonistin Rose bis in die feinsten Verästelungen ihrer emotionalen Abhängigkeit. Mathieus trockenen Ton fängt die Übersetzung dabei souverän ein.

Zwischen Novelle und Roman Noir

Sein kurzer Text erweist sich als beeindruckendes Amalgam zwischen Novelle und Roman Noir. Wie in der berühmten Falkennovelle aus Boccaccios "Decamerone" wird der zentrale Konflikt durch ein Symbol veranschaulicht. Es ist der Revolver, der die narrative Klammer der Erzählung bildet. Er ist auch das Bindeglied zum Roman Noir, in dem in einer Welt voller Gewalt selbst die Heldin als zwielichtige Figur erscheint. Etwa wenn Rose – den Revolver in der Hand – in ihrem Spiegelbild eine Mörderin zu erkennen glaubt. Dass die Novelle nach einem starken Auftakt aufgrund einiger Schwächen im Handlungsaufbau zeitweise wie eine einmal aufgezogene Spielzeugfigur allzu schnurgerade auf die Katastrophe zuschnurrt, ist dabei zu verkraften.

"Rose Royal" ist ein Polaroid in schwarz-weiß, ein literarischer Schnappschuss. Er fängt das Portrait einer beeindruckenden Frau ein, der man auf nur 96 Seiten in den Abgrund folgt.

Nicolas Mathieu: "Rose Royal"
aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen
Verlag Hanser Berlin. 96 Seiten, 18 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk