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StartseiteSport am WochenendeNiedrige Ergebnisse gewollt?29.10.2011

Niedrige Ergebnisse gewollt?

Die Kolibri-Studie zum Doping im Breitensport ist offenbar staatlich gelenkt

Angeblich greifen nur ein Prozent der Deutschen zu Dopingmitteln. Das zumindest sagt eine im Mai vorgestellte Studie des Bundesgesundheitsministeriums. Dopingforscher Perikles Simon steht als externer Berater unter der Studie. Simon glaubt, dass bei Kolibri schon vorher klar war, was rauskommen soll. Und fühlt sich benutzt.

Von Daniel Drepper

Bodybuilding-Meisterschaft (picture alliance / dpa - Vassil Donev)
Bodybuilding-Meisterschaft (picture alliance / dpa - Vassil Donev)

Eine halbe Stunde lang beschäftigte sich Anfang Oktober das ZDF mit Doping im Breitensport. In der Dokumentation "Die tägliche Dröhnung" wird auch Ulrike Flach zitiert. Flach ist parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. Zum Doping im Breitensport sagt sie:

"Wir halten es natürlich für ein Thema, wo wir aufpassen müssen, aber wir halten es auch medial für deutlich überbewertet. Wir haben uns in der Vergangenheit natürlich bemüht, entsprechende Studien auf den Weg zu bringen – Kolibri zum Beispiel – und mussten feststellen, dass es natürlich ein Problem gibt, aber bei weitem nicht in der Größenordnung, wie es sehr oft berichtet wird."

Doping im Breitensport ist also medial deutlich überbewertet? Als Beweis dient dem Ministerium eine 160.000 Euro teure Studie namens Kolibri. Die hat im Frühjahr ermittelt: Weniger als ein Prozent der Deutschen nimmt Dopingmittel zu sich. Experten halten dieses Ergebnis für falsch. Schon im Mai hatte der Deutschlandfunk darüber berichtet. Jetzt vermutet der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon, dass ein solch niedriges Ergebnis Absicht gewesen sei.

"Ich muss ganz ehrlich sagen ich habe in dem Fall die Befürchtung, dass es Kalkül ist. Dass man wirklich auf ganz anderer Ebene entscheidet: Wir haben vermeintlich wichtigere Probleme. Aber ich sage halt: Ich weiß nicht, ob dieses Problem nicht sogar schlimmer ist. Und das wird hier wohl von vornherein in Zweifel gezogen und das wird dann in die Richtung gelenkt, dass man wohl ne Studie in Auftrag gibt, von der man vorher weiß, was bei rauskommen wird."

Perikles Simon sollte das Gesundheitsministerium im Vorfeld der Studie beraten. Simon hatte jedoch das Gefühl: Die kritischen Bemerkungen der Experten sind nicht gewünscht. Ende Januar 2009 hatte das Ministerium eine Handvoll Experten zu einem Gespräch nach Bonn geladen. Im Vorfeld hatte es geheißen, man plane eine Studie, die Wissenschaftler sollten Vorschläge einbringen. Mitbestimmen konnten die anwesenden Experten laut Perikles Simon aber nicht wirklich. Das Ministerium schreibt, Art und Umfang der Studie seien vorab nicht festgelegt worden. Perikles Simon sagt jedoch, es habe bereits festgestanden, dass mehrere Tausend Bürger mit einem Standard-Fragebogen nach ihrem Medikamentenmissbrauch gefragt werden.

"Da haben wir eigentlich recht unisono gesagt: Das kann man doch so nicht erheben. Es ist relativ klar, dass die Dunkelziffer so massiv unterschätzt wird, weil man natürlich nicht erwarten kann, dass der Manager im Stress, dass der Bodybuilder, der gern etwas mehr Muskeln hätte, die Muße aufbringt, einen halbstündigen Telefonsurvey über sich ergehen zu lassen."

Vor der Befragung hatte Perikles Simon dem Robert-Koch-Institut noch einmal mit drastischen Worten klar gemacht: "Das Ergebnis dieser Studie können sie komplett vergessen." Auch der Kölner Dopingforscher Michael Sauer war mit dem Aufbau der Studie nicht einverstanden. Dennoch blieben Ministerium und Robert-Koch-Institut bei ihrem Konzept. Das Ministerium schreibt: Im Rahmen der Vorbesprechung seien keine Vorbehalte geäußert worden.

"Man wurde dann nur noch mit so einem Fragebogen konfrontiert, der per Telefon durchgeführt werden sollte. Ich habe dann nochmal gesagt und betont, dass das nicht sinnvoll ist, das so zu machen. Andere Experten haben sich dort angeschlossen, das auch betont, wir haben dann unisono nichts mehr gehört und dann zum Schluss nur noch unsere Namen als Experten unter dieser Studie gefunden. Und das ist natürlich dann die Sache, die das Ganze auf die Spitze treibt, weil ich dann natürlich auch von Dritten drauf angesprochen wurde: Wieso steht mein Name unter dieser grottenschlechten Studie, so in etwa war der Tenor von den Kollegen."

Das Gesundheitsministerium weist die Vorwürfe zurück. Das Vorgehen beruhe auf internationalen Standards. Natürlich müsse man dabei immer abwägen: Was will ich wissen und was kann ich mir leisten? Das Ministerium gibt zu, dass die Zahl der Freizeitdoper mit der Studie unterschätzt wird. Dieser "systematische Fehler" sei bei solchen Studien üblich, aber nicht quantifizierbar. Und das Zitat der parlamentarischen Staatssekretärin Ulrike Flach, Doping sei in den Medien deutlich überbewertet? Laut Ministerium angeblich ein grobes Missverständnis.

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