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Niedrigzinspolitik in Europa
Unternehmen und der Staat profitieren

Nach dem neuen Sozialbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - OECD - zeigt sich, dass die Schere zwischen Einkommen und Vermögen immer stärker auseinander geht. Ob die niedrigen Sparzinsen möglicherweise diese Ungleichheit verstärken, wurde beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln diskutiert.

Von Dieter Nürnberger | 22.06.2015

Ein Sparschwein steht auf verschiedenen Euro-Banknoten.
Während der aktuellen Niedrigzinsphase lohnt sich Sparen kaum noch. (picture alliance / dpa / Hans Wiedl)
Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln ging heute der Frage nach, ob durch die Niedrigzinspolitik in Europa die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden - und die Antwort lautet Nein. Diese Niedrigzinspolitik würde alle treffen - Rentner ebenso wie junge Menschen, Vermögende ebenso wie den Kleinsparer, oder auch Personen, die sich eventuell gerade eine Immobilie geleistet haben.
Historisches Tief beim Leitzins
Schauen wir uns zuerst die Zinsen an: Hier gibt es ja seit September 2014 ein historisches Tief von 0,05 Prozent beim Leitzins. Und generell sieht Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft folgende Auswirkungen:
"Das Niedrigzinsumfeld drückt die Zinserträge von Banken und erschwert es den Lebensversicherern ihren Garantiezins zu erwirtschaften. Zugleich profitieren Unternehmen und der Staat von einer geringen Zinsbelastung."
Übersetzt in die Alltagssprache heißt dies, dass es im Moment zwei Effekte gibt: Zum einem gibt es für das Ersparte in herkömmlichen Anlageformen kaum noch Geld, weil eben die Zinsen niedrig sind. Zum anderen können Personen, die sich verschuldet haben, eben auch sparen, weil sie Geld derzeit recht günstig aufnehmen können.
Dazu gibt es auch eine Statistik: So betrug die Höhe der Konsumentenkredite und Baudarlehen vor 7 Jahren rund 5,3 Prozent, heute sind dies durchschnittlich nur noch 3,9 Prozent. Auf der anderen Seite sind die gewährten Sparzinsen auch deutlich gesunken - von rund 2,8 Prozent im Jahr 2008 auf nunmehr mickrige 0,4 Prozent. IW-Direktor Michael Hüther:
"Die Kreditzinsen sind zwar stärker als die Sparzinsen gefallen. Doch selbst beim Rückgang im Verhältnis von eins zu eins sparen die Haushalte Zinszahlungen, wenn ihre Schulden höher als ihre verzinslichen Spareinlagen sind. Das gilt vor allem für jüngere Haushalte, die gerade eine Immobilie erworben haben oder in anderer Form langfristige Konsumgüter mit Kredit finanzieren. Die müssen nun weniger Zinsen zahlen, als vor einigen Jahren."
Spareffekt - aber auch Verlust
An dieser Rechnung sieht man sehr deutlich, dass es zwei Seiten gibt - einmal nämlich den Spareffekt aufgrund der niedrigen Kreditzinsen und eben auch den Verlust durch diesen bei der Vermehrung des angesparten Geldes. Man könnte auch sagen: Niedrige Zinsen sind schlecht für Sparer, aber eben gut für Schuldner.
Und eine ähnliche Einschätzung gilt somit auch für die Altersvorsorge der Deutschen. Noch einmal der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft:
"Die vermögensärmsten zehn Prozent der Bevölkerung sparen durch die niedrigen Zinsschulden mehr ein, als sie zugleich durch den Rückgang des Zinsertrages ihrer Ersparnisse verlieren. Die nahezu schuldenfreien Haushalte mit geringem Vermögen stehen durch niedrige Zinserträge hingegen schlechter da."
"Im vermögensreichsten Zehntel liegen die zinstragenden Spareinlagen bei 14 Prozent des Gesamtvermögens. Die Schulden liegen nur bei sechs Prozent - hier überwiegt also ganz eindeutig der Rückgang der Zinserträge den Rückgang der Zinslasten."
Die Anlage breit streuen
Leider gab das Institut der deutschen Wirtschaft heute nur wenige Empfehlungen, wie denn Otto Normalverbraucher dennoch die negativen Folgen der Niedrigzinsphase abmildern kann: Risikoarme Anlageformen, hierzu gehört ja auch das gute alte Sparbuch, sind inzwischen gar nicht mehr attraktiv. Auf der anderen Seite sind Aktien natürlich im Kommen. Aber sie sind halt nicht so sicher wie herkömmliche Anlageprodukte. Die Anlage breit streuen und stets auch nur einen geringen Anteil des Ersparten von rund 15 Prozent in Aktien anlegen - das sind so ungefähr die Empfehlungen der Verbraucherexperten.
Die heute vorgestellten Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft sprechen eine eindeutige Sprache: Die derzeitige Zinspolitik würden den Reichen nicht helfen, noch reicher zu werden. Michael Hüther:
"Insgesamt also zeigt sich, dass die Vermögenden nicht von der Geldpolitik profitieren. Das liegt auch daran, dass sich die Anteile an Immobilien und Aktien der Vermögensreichen kaum von den anderen Gruppen unterscheiden. Somit zeigt sich: Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in Deutschland hat sich durch die aktuell niedrigen Zinsen und steigende Aktienkurse nicht verändert. Sie hat nicht zugenommen."