Montag, 18.11.2019
 
Startseite@mediasres"Die No-Name-Talkshow ist eine Marktlücke"06.11.2019

Nighttalker Domian kehrt zurück"Die No-Name-Talkshow ist eine Marktlücke"

Nur Promi- und Polit-Talk - bisher gebe es keine No-Name-Talkshow im deutschen Fernsehen. Diese Lücke wolle er nun mit seiner neuen Sendung füllen, sagte der Moderator Jürgen Domian im Dlf. Nach knapp drei Jahren Pause freue er sich wieder auf die Geschichten "normaler Leute".

Jürgen Domian im Gespräch mit Bettina Köster

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Jürgen Domian zu Gast in der Sendung "Koelner Treff" im WDR Fernsehen, 20.09.2019. (dpa / picture alliance / Sven Simon)
Nach drei Jahren Pause talkt Jürgen Domian wieder - ab dem 8. November 2019 vier Wochen lang jeden Freitag um 23:30 Uhr im WDR Fernsehen (dpa / picture alliance / Sven Simon)
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Bettina Köster: Mit skurrilen, unfassbaren und teilweise auch perversen Telefongesprächen fesselte er seine Hörerschaft. Der Nachtfalke, unter diesem Namen war Jürgen Domian lange bekannt. Klar, die Nacht ist eine Zeit, in der sich der ein oder andere seelische Abgrund auftun kann, mit dem der Nacht-Talker dann konfrontiert wurde – und dabei nicht so schnell aus der Fassung zu bringen war. Jetzt, nach drei Jahren Sabbatzeit, wird Jürgen Domian noch einmal neu durchstarten, nicht mehr ganz so spät, noch vor Mitternacht, und im WDR Fernsehen.

Herr Domian, Freitagabend geht es los mit "Domian live", vier Ihnen unbekannte Gäste kommen zu Ihnen. Wollen Sie die vor laufenden Kameras in eine ähnliche intime und spannungsreiche Situation bringen, wie Sie das in der Anonymität der Nacht im Hörfunk gemacht haben?

Jürgen Domian: Na ja, das Besondere zunächst an der neuen Talkshow ist, dass die Leute, die mit mir reden, nicht recherchiert wurden von meiner Redaktion, sondern dass die sich eigeninitiativ gemeldet haben, weil sie gerne mit mir sprechen wollen, etwas beraten wollen, vielleicht mir eine Geschichte erzählen wollen. Das ist das eine. Und das andere ist, dass ich nicht vorher weiß, wer in die Sendung kommen wird.

Vom Radio ins Fernsehen

Köster: Das heißt, die werden richtig versteckt vorher, oder wie muss ich mir das vorstellen?

Domian: Ja, ich weiß überhaupt gar nichts. Meine Kollegen arbeiten im Moment auf Hochtouren an der Sendung und ich werde auf die Bühne gehen und genauso viel wissen wie das Fernsehpublikum oder das Publikum vor Ort. Ich hoffe, dass wir dann auch natürlich eine solche Intensität und Intimität hinbekommen. Ich habe schon zahlreiche Erfahrungen gemacht mit Bühnenshows und ähnlichen Gesprächen, und das klappt.

Ich würde sagen, dass 85 Prozent der Menschen, die bei mir in der Nacht angerufen haben, auch bereit sind, vor einer Kamera und vor Publikum ihre Geschichte zu erzählen, weil sie es wollen. Es ist ja eine Freiwilligkeit oder ein großer Drang sogar, dass sie sich dann sogar bei uns gemeldet haben.

Jürgen Domian sitzt 1996 im 1Live-Studio, von dem erseine Sendung "Domian" moderierte  - im Vordergrund ein Schild mit der Telefonnummer für die Hörerinnen und Hörer (imago stock&people)Von 1995 bis 2016 moderierte Jürgen Domian das Talkformat "Domian" beim Radiosender 1Live (imago stock&people)

Köster: Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Domian: Ach, ich bereite mich da genauso drauf vor wie auf die 20 Jahre Nacht-Talk: indem ich wirklich sehr, sehr, sehr viel lese, ich möchte rundherum gut vorbereitet sein auf jede Thematik, sei es was Politisches, sei es was Psychologisches, was Gesellschaftliches. Auch ein Boulevardthema kann ja kommen. Also ich lese kreuz und quer, ich höre kreuz und quer und konsumiere sehr viel Nachrichten und Informationen.

"22.000, 23.000 Interviews geführt"

Köster: Sie hören ja ein wenig sich an, wenn man sich den Aufruf anhört, den Sie gestartet haben, so ein bisschen wie der gute Freund oder der Berater der Nation, sage ich jetzt mal etwas überspitzt ausgedrückt. Nach der Sendung ist ja aber auch die Freundschaft dann vorbei, oder haben Sie noch Kontakt danach?

Domian: Ja, also ich habe ungefähr, ich weiß es gar nicht, 22.000, 23.000 Interviews geführt, da können Sie nicht viele Kontakte halten, da muss man irgendwann auch eine Grenze ziehen. Das macht jeder Arzt auch zum Beispiel oder eine Krankenschwester.

Ich habe aus den vielen, vielen Jahren einen Kontakt mitgenommen, nämlich, das hatte mich damals sehr gefreut, das war sensationell: Es hat eine Nonne live aus einem Kloster angerufen, die nachts immer die Sendung einschaltet und die Sendung gehört hat. Und wir sprachen so miteinander über dies und jenes, und dann fragte ich, wir haben uns ja immer geduzt, ich sage, in welchem Kloster bist du denn eigentlich? Ja, hier in Köln. Ach, ich sage, hier in Köln, ja, wo denn? Und dann erklärte sie das. Ja, ich sage, das ist ja gleich hier um die Ecke vom WDR. Kann ich dich mal besuchen kommen? Und da sagte sie, ja, das ist durchaus möglich. Das habe ich dann gemacht. Und dadurch ist wirklich eine sehr enge, persönliche Freundschaft entstanden, die bis heute anhält und wir haben regen Kontakt miteinander.

"Wir haben nur die Promi- und die politischen Talkshows"

Köster: Talkshows stehen ja im Moment so ein bisschen unter Beschuss auch, also immer wieder werden Zitate gebracht von Medienkritikern, dass zu viele vorher schon abgesteckte Positionen verbreitet werden, dass da nichts Überraschendes mehr kommt, dass zu wenig zugehört wird. Haben Sie da jetzt auch so eine bestimmte Mission, die Sie erfüllen wollen mit Ihrer neuen Talkshow?

Domian: Ach, eine Mission haben wir nicht, das wäre ein bisschen albern auch. Aber uns war aufgefallen, dass es im deutschen Fernsehen keine No-Name-Talkshow gibt, also keine Talkshow mit unprominenten Menschen. Wir haben nur die Promi-Talkshows und die politischen Talkshows. Das ist eine Marktlücke, und meine Sendung, die Nachtsendung hat ja nun zu Genüge bewiesen, welche interessanten, unterhaltsamen und auch zu Herzen gehenden Geschichten "normale", in Anführungszeichen, "normale" Leute zu erzählen haben. Das ist das eine.

Und das andere: Mir war sehr viel daran gelegen, und ich bin sehr froh, dass der WDR dem zugestimmt hat, dass wir das live machen. Da ist nichts poliert, da ist nichts zurechtgeschnitten oder irgendwie frisiert, nichts gefakt, es ist live. Es besteht ja auch die Möglichkeit, auch noch, so als kleines Augenzwinkern an meine vorhergehende Tätigkeit, auch noch live in die Sendung anzurufen, wenn man vielleicht zu einem polarisierenden Thema etwas sagen will oder wenn jemand sich nicht bewegen kann von zu Hause, weil er vielleicht schwer krank ist. Ich hatte ja damals wirklich viele Telefonate von Menschen, die aus Hospizen angerufen haben, aus Palliativstationen. Die Möglichkeit besteht ja und es ist live. Und insofern ist das alles spannend und ich bin auch sehr gespannt darauf.

Ein Mann und eine Frau sitzen nebeneinander auf dem Sofa und hören mit Kopfhörern Radio, digital kolorierte Aufnahme aus dem Jahr 1928  (picture alliance / akg) (picture alliance / akg)Geschichte der Radio-Ratgebersendungen
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"So privat wie möglich"

Köster: Sie spielen ja auch immer ein bisschen mit der Lust am Voyeurismus. Wie viel selbst brauchen Sie davon?

Domian: Also wissen Sie, natürlich ist letztendlich alles, was wir in den Medien veranstalten, eine Form der Voyeurismusbefriedigung, alles. Es ist immer die Frage, wie verantwortungsbewusst man damit umgeht. Und wir hatten in der alten Sendung – und das ist jetzt in der neuen Sendung genauso – drei Grundsätze: Es wird niemand vorgeführt, es wird jeder ernstgenommen zunächst, und es werden alle Menschen ordentlich nachbetreut, die schwere psychische Probleme haben. Diesmal werden auch wieder Psychologen mit im Hintergrund arbeiten.

Es ist immer ein Seiltanz, da gebe ich Ihnen recht, es ist ein Seiltanz, aber ich glaube, dass uns das in den über 20 Jahren ganz gut gelungen ist, und dass dadurch auch sehr viel Vertrauen entstanden ist bei den Leuten.

Der Talkmoderator Jürgen Domian sitzt in einem Deutschlandfunk-Studio hinter einem Mikrofon (Deutschlandradio / Stefan Fries)Der Talkmoderator Jürgen Domian im Studio des Deutschlandfunks (Deutschlandradio / Stefan Fries)

Köster: Ab wann schützen Sie die Gäste vor sich selbst?

Domian: Ja, das ist ein wichtiges Thema. Ich versuche zwar, in der Sendung so privat wie möglich zu sein, aber ich darf natürlich nicht vergessen, dass wir auf einer öffentlichen Bühne sitzen. Ich will Ihnen dazu ein Beispiel sagen. In der alten Sendung hatte ich einige Male oder immer wieder sogar pädophil veranlagte Menschen, die sehr mit sich haderten, die noch nichts gemacht hatten, die nicht straffällig geworden sind und die eigene Veranlagung sehr problematisiert haben. Mit diesen Leuten habe ich mich natürlich unterhalten und die wurden auch nachbetreut von meinen Psychologen. Das würden wir jetzt nicht machen. Ich würde nicht vor eine laufende Kamera einen Menschen holen, der dieses von sich berichtet, weil ich nicht weiß: Selbst wenn er ganz selbstkritisch ist und wenn er auch noch gar nichts gemacht hat, ich weiß nicht, was mit dem passiert, wenn der am nächsten Tag durch Berlin, durch Essen oder durch Köln geht.

"Freudige Anspannung, wieder da zu sein"

Köster: Sie wollen ja auch die Zuschauer mit einbinden, haben Sie eben gesagt.

Domian: Genau.

Köster: Wie soll denn das aussehen?

Domian: Na ja, durch das Telefon zum Beispiel. Wenn der eine oder andere sich vielleicht spontan zu etwas melden möchte, was gerade gesagt worden ist, ist das möglich. Das können wir machen.

Köster: Auch das Publikum direkt?

Domian: Das Publikum kann auch mit eingebunden werden, das ist auch mein Wunsch, wenn sich jemand äußern will. Das ist alles nicht zwanghaft nötig, aber wenn, dann sehr gern, ja. Das sind auch Erfahrungen von Live-Veranstaltungen, dass plötzlich ein Raunen durchs Publikum geht oder jemand eine Kritik fast schon ruft. Natürlich, ich habe mein Mikrofon neben meinem Sessel liegen, dann gehe ich da hin, ja.

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Köster: Sind Sie nervös vor der Sendung?

Domian: Eigentlich nicht so, weil im Prinzip ist es ja dasselbe, was ich all die Jahre gemacht habe, nur mit realen, sichtbaren Menschen jetzt. Aber natürlich ist da eine gewisse Anspannung, aber auch eine freudige Anspannung, wieder da zu sein, wieder talken zu können. Ich weine ja der Nachtarbeit keine Träne nach, weil das war wirklich, da war ich am Limit, als ich aufgehört habe, aber ich habe halt großen Spaß an der Arbeit, an dem intensiven Austausch und Gespräch.

"Öffentlich den sexuellen Missbrauch zum Thema gemacht"

Köster: Vier Ausgaben sind bislang geplant.

Domian: Genau.

Köster: Und dann?

Domian: Ach, das ist ja ganz fair, dass man erst mal vier Mal guckt, wie es läuft, und dann entscheidet man, wie es weitergeht. Darüber mache ich mir jetzt auch keine großen Gedanken. Jetzt geht es darum, diese Sendung gut zu machen und ordentlich hinzukriegen und hoffentlich auch die Akzeptanz beim Publikum zu finden, und die Akzeptanz bei den Gästen. Das ist ja immer auch mein großes Anliegen, dass ich dem Publikum gerecht werden will, aber auch meinen Gästen. Das muss sich die Waage halten.

Köster: Und wie ist "gut" definiert?

Domian: Na ja, dass die Menschen sich richtig behandelt fühlen, dass sie hinterher sagen, die Gäste, dass sie hinterher sagen, das war gut, dass wir da waren, und er hat uns vielleicht oder die Redaktion hat uns vielleicht geholfen, so wie es früher war, wir haben ja tausende und tausende von Rückmeldungen bekommen, wo die Leute sich bedankt haben, das hat gut getan zu sprechen und dadurch habe ich den ersten Schritt zur Selbsthilfe gemacht und so weiter.

Wir hatten ja beispielsweise damals, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, als erstes elektronisches Medium groß öffentlich den sexuellen Missbrauch zum Thema gemacht. Was meinen Sie, was wir da Rückmeldungen bekommen haben von Menschen, die das Jahrzehnte mit sich herumgetragen haben, Frauen, Männer, die gesagt haben, erst durch das Gespräch, was du mit der Person geführt hast, fühle ich, dass ich nicht alleine bin, und ich habe jetzt auch den Mut, mich an einen Therapeuten oder einen Arzt zu wenden.

Köster: Jürgen Domian sagt das, er startet Freitagabend um 23:30 Uhr eine neue Talksendung, "Domian live" im WDR Fernsehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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