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StartseiteKultur heuteLiebe Kannibalen05.12.2013

Niklas Ritter inszeniert Thomas JonigksLiebe Kannibalen

In seiner Theater-Inszenierung von Thomas Jonigks Stück "Liebe Kannibalen Godard" verzichtet Niklas Ritter ganz auf reale Requisiten und filmische Elemente. Stattdessen bilden Papptafeln die Kulisse für schockierende Gedankenbilder, die die Schauspieler im Zuschauer erzeugen.

Von Cornelia Ueding

Weiterführende Information

"Es ist eine Zäsur, die da vor Augen steht" (Deutschlandfunk, Kultur heute, 13.11.2013)

Reibung erzeugt Wärme (Deutschlandfunk, Kultur heute, 28.10.2013)

Die Bretter, die im Theater die Welt bedeuten, sind bei diesem albtraumartigen Wochen-End-Trip auf ein Balkengitter reduziert, fragmentiert wie die Figuren und ihre Geschichten. Darunter Wasser, zum Durchwaten, zum Spritzen; zur Not kann man sich damit auch die nicht vorhandenen Tränen ins Gesicht wischen oder den allzu langlebigen Elternteil ertränken, damit man endlich an das millionenschwere Erbe kommt. Ein soigniert wirkendes, schon in die Jahre gekommenes Paar giert nach diesem Erbe – das ist, wie in Godards vor fast einem halben Jahrhundert entstandenen Film "Week-End", auch in Thomas Jonigks Theaterversion der Antrieb zu der irrwitzigen Fahrt ins Wochenende.

Wie es um die Ehe der beiden steht, macht Regisseur Niklas Ritter gleich in der ersten Szene klar. Auf den Planken verteilt: drei Frauen, drei Männer, deren - eigentlich heimliches -Geplänkel mit wechselnden Ansprechpartnern von Mund zu Mund geht. Keine Rede von Liebe oder gar Treue. Ein kleiner Unglücksfall käme da schon gelegen, aber bitte nicht jetzt schon, denn Erbin ist nur die Noch-Ehefrau. Dafür kommen jede Menge anderer zu Tode, um die sich keiner schert. Besonders krass im Fall eines crashs zwischen Traktor und Sportwagen. Die junge Frau empört sich bis zum Brüllkrampf über alles mögliche:

Dass nun ihr tolles Auto ein Schrotthaufen ist, rutscht ihr auf dem Weg ins Bett mit dem Traktorfahrer so raus, sei besonders ärgerlich, jetzt, wo ihr Freund tot ist. Solche Sätze sind an der Tagesordnung, sie fallen eher beiläufig – und weiter geht’s, von Klängen und Rhythmen interpunktiert, zur nächsten Station des ganz normalen Wahnsinns. Auftreten historisch kostümierte Gestalten, Grenzgänger des Irrsinns, Möchtegernphilosophen und, wie ganz normale Bürger eingekleidet, Kannibalen. Die Figuren, außer dem reisenden Ehepaar alle in Mehrfachbesetzungen, treten, gleich, ob sie abfahren, im Stau stehen, in die Irre gehen oder ankommen, auf dem abgründigen Spielraum irgendwie auf der Stelle, während die Welt an ihnen vorbeizieht.

So viel Selbstverständlichkeit müsste aufschrecken

Ritter hat ganz auf realistische Bebilderungen und filmische Elemente verzichtet. Wo wir sonst auf dem Theater mit einander überlagernden Videos ins Bild gesetzt werden, setzt er mit feiner Ironie auf scheinbar kindliche Wiedererkennungsmuster und mutet dem von Bildern überfluteten Fernsehkonsumenten in Form geschnittene, bemalte oder beschriftete Papptafeln zu, die eine nach der anderen an den seitlichen Zuschauerpodesten vorbeigetragen werden: mit Umrissen von Häusern, Burgen, Bergen, Bäumen, Kühen, Schafen ... - wie Landschaften halt so aussehen, an denen man vorbeifährt. Sowas wie eine – standardisierte – Idylle.

Dass sie trügt, weiß man – aber man erschrickt nicht vor dieser inszenierten Normalität, schon gar nicht, wenn die Nebelmaschine den Qualm produzieren muss, als eine vorher blaurot-blutig angespritzte junge Frau "verbrannt" wird. Die so harmlose Beiläufigkeit der Inszenierung könnte ein Kunstgriff sein, wenn es Ritter gelungen wäre, die ungerührte Selbstverständlichkeit grausamer Aktionen zu zeigen, statt sie auf der Bühne zu reproduzieren: Bilder mit und ohne Schießgewehr, häufig in leiernder Sprechweise, weit weg von affektiver Teilnahme, und nicht sinister genug für schwarzen Humor. Den erreicht er nur im letzten Bild: Wenn die Millionen gerettet sind, bittet der Chefkoch-Kannibale zum Mahle. Und die fein angerichtete Platte unter der riesigen Haube ist dekoriert, nein, nicht mit dem obligatorischen Schweinskopf, sondern mit dem olivenverzierten Kopf des Gatten der Erbin. Ein erlesener Leckerbissen.

Was unter Godards genauem Blick für die französischen Zustände entstanden war, soll durch Thomas Jonigks Aktualisierung eine neue Pointe bekommen. Seine Zutat sind ein Afrikaner und ein Araber im europäischen Abendanzug. Vom Kannibalen bedient speisen sie gediegen und im europäischen Habitus versierter als alle anderen. In gepflegtem Tischgespräch beschreiben sie sodann, in Halbsätzen von gelegentlich professionell strauchelnden Simultanübersetzerinnen übermittelt, was sie alles an Gewaltsamkeit von Europa gelernt haben – und ihre einzig mögliche Antwort darauf: Terror. So viel Selbstverständlichkeit müsste aufschrecken.

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