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Startseite@mediasresWie das Haus des Dichters Journalisten beflügelt27.11.2019

Nobelpreis an Peter HandkeWie das Haus des Dichters Journalisten beflügelt

Für den aktuellen Literaturnobelpreisträger Peter Handke gebe es mindestens zwei Sorten von Journalismus, hat unser Kolumnist Matthias Dell beobachtet. Exemplarisch zeigen lasse sich das daran, wie sein Zuhause in Frankreich beschrieben werde.

Von Matthias Dell

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Das Wohnhaus von Peter Handke in Chaville bei Paris (Imago Images/Hans Lucas)
Das Wohnhaus von Peter Handke in Chaville bei Paris (Imago Images/Hans Lucas)
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Noch ein paar Mal schlafen und dann werden in Stockholm die Nobelpreise verliehen. Auch an den Schriftsteller Peter Handke, um dessen Auszeichnung sich bekanntlich eine Debatte entsponnen hatte. Handke selbst hatte darauf eher unwirsch reagiert, bei einer Pressekonferenz in Österreich nach der Preisverkündung verteidigte er sich gegen Kritik an seinen politischen Äußerungen mit der Erklärung, er sei Schriftsteller und komme von Tolstoi, er komme von Homer, und er komme von Cervantes.

Das ist natürlich nur metaphorisch gemeint. Konkret wird Peter Handke aus Frankreich nach Stockholm kommen, und noch konkreter aus Chaville bei Paris. Das ist kein Geheimnis, denn das Dichterhaus ist seit langem ein Gegenstand medialen Interesses. Es gibt einen Dokumentarfilm, der dort spielt, Bücher und Fotobände darüber und wiederum Rezensionen davon. Und es gibt zahlreiche Besuche von Journalisten, die in ihren Artikeln das Haus des Schriftstellers gewürdigt haben.

Das mag überraschen, weil Handke auf Journalisten mitunter nicht gut zu sprechen ist, oder als Medienkritiker hervortritt. Es gibt für den Dichter also mindestens zwei Sorten von Journalismus. Und gerade das lässt sich exemplarisch daran zeigen, wie das Haus in Chaville beschrieben wird.

Der falsche Journalismus…

Wie der falsche Journalismus aussieht, hat der Schriftsteller bei dem besagten Termin in Österreich selbst skizziert, als er vor dem "Ich komme von Tolstoi"-Satz sagte: "Ich stehe vor meinem Gartentor, und da sind fünfzig Journalisten, und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat."

Der Schriftsteller Peter Handke in seinem Garten in Chaville in der Nähe von Paris am 10. Oktober 2019.  (picture alliance/AP/Francois Mori)Peter Handke, im Garten seines Zuhauses in Frankreich (picture alliance/AP/Francois Mori)

Nun ist es nachvollziehbar, dass eine solche Journalistenansammlung vor dem eigenen Haus unerfreulich ist. Genauso wie es nachvollziehbar ist, dass der Dichter Zugang zu seinem Haus nur Leuten gestattet, die er kennt und mag. Und es ist zum Dritten auch nachvollziehbar, dass Literaturkritiker mit einem Dichter sprechen wollen, dessen Bücher sie schätzen.

…und das Problem am richtigen

Das Problem mit dem – aus Handkes Sicht – richtigen Journalismus fängt nur da an, wo die Literaturkritik am Gartentor der Bewunderung zugleich ihre Distanz aufgibt. Dass das Dichterhaus dabei eine nicht unbedeutende Rolle spielt, zeigt ein Satz aus einem Artikel in der FAZ (*) von 1994. Da geht es von der Wohnortwahl schnurstracks in Richtung Heiligsprechung: "Wer mit seinem Ort am äußersten Zipfel der 'Agglomeration' von Paris, schon von Kastanienwäldern umgeben, seinen ganz privaten Frieden geschlossen hat, muß sich nicht mehr bewähren."

Wenn es den Journalisten, die mit dem Dichter reden wollen, nur darum gehen würde, über Literatur zu sprechen, dann könnten sie das auch in schmucklosen Verlagsräumen. Weil ja nur das Gesagte von Belang wäre, die Worte, die Gedanken, die Literatur. Für den menschelnd-fanboyhaften Kulturjournalismus ist die Ortsbegehung aber entscheidend für das Bild, das er vom Schriftsteller entwirft. Und so ließen sich aus den ganzen Dichterhaus-Besuchstexten parodistisch anmutende Kompilationen erstellen, die einem Reiseführer gleich die Anreise mit dem Réseau Express Régional und den Weg zum Dichterhaus dokumentieren, die alle Apfelsorten im Garten beim Namen nennen und liebevolle Details der Inneneinrichtung nicht verschweigen.

In der Süddeutschen Zeitung hatte das schon 2011 ein Text versucht – sich mit gewisser Ironie ein Bild des Dichterhauses aus den vorliegenden Beschreibungen zusammenzuzimmern. Um festzustellen, dass Peter Handkes Haus "weniger Lebensraum als ein Statement" sei. "Und schon auch ein gutes Stück Selbststilisierung." Die allerdings einen Kulturjournalismus braucht, der sie glaubt und bereitwillig in die Welt trägt. In diesem Sinne könnte man sagen: Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an das Haus von Peter Handke.

*In der ursprünglichen Version hatte gestanden "zeigt ein Satz aus einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung". Das ist falsch. Der Autor bezieht sich auf einen Artikel der FAZ.

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