Montag, 06. Dezember 2021

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NorwegenDie vergessenen Fluchthelfer des Zweiten Weltkrieges

Kriminelle Schleuser, Schlepper und Menschenschmuggler prägen unser derzeitiges Bild von Fluchthelfern. In Norwegen dagegen kämpfen zurzeit die Nachkommen von sogenannten Fluchtlotsen im Zweiten Weltkrieg für deren späte Würdigung. Etwa 1.000 Bergkundige brachten damals die Verfolgten unter großen Gefahren in das neutrale Schweden.

Von Gunnar Köhne | 09.09.2015

Auch im Sommer liegt in der Finnmark, im Norden Norwegens, noch Schnee auf den Wiesen und Bächen.
Durch die entlegene Landschaft Nord-Norwegens führte während der deutschen Besatzungszeit eine Fluchtroute hinüber ins neutrale Schweden. (Ingrid Norbu)
Ole Henrik Fagerbakks Vater besaß keinen Außenbordmotor. Er musste den Bergsee rudernd überqueren. Danach folgte ein stundenlanger Fußmarsch durch ein Hochmoor bis zu einem Einsiedlerhof. Heute weiß Ole Henrik Fagerbakk, wie viel Mühen sein Vater auf sich genommen hatte, um anderen Menschen zu helfen. Durch die entlegene Landschaft Nord-Norwegens unweit der Stadt Bodø führte während der deutschen Besatzung eine Fluchtroute hinüber ins neutrale Schweden. Fagerbakks Vater Oskar ging immer voran. Er war einer von dutzenden Fluchthelfern, denn er kannte die Gegend wie kein Zweiter. Von seinem Almhof aus führte er die Verzweifelten über die Grenze. Bis zu einer Nacht im November 1942:
"Als er aufwachte, standen drei schwer bewaffnete deutsche Soldaten über ihm und blendeten ihn mit ihren Taschenlampen. Sie nahmen ihn mit nach Deutschland. Darüber hat er zu Lebzeiten so wenig gesprochen wie über seine Fluchthelfertätigkeit. Nach seinem Tod 1982 fand ich in seinem Nachlass diesen Aufnäher aus dem KZ Sachsenhausen mit seiner Häftlingsnummer 72811."
Etwa zehn Stunden Fußmarsch waren es noch vom Almhof hinüber ins rettende Schweden. Eine gefährliche Route – nicht nur wegen der deutschen Grenzposten:
Keine Erinnerung an Norwegens Fluchthelfer
"Eines Tages im Winter musste er auf dem Rückweg einen Fluss durchqueren. Das eiskalte Wasser ging ihm bis zur Hüfte und hätte ihn fast mitgerissen. Hätte er sich nicht mit seinen Skiern abstützen können, hätte er das nicht überlebt."
Fluchthelfer wie Oskar Fagerbakk sind in Norwegen heute fast vergessen. In Büchern und Museen wird an den militärischen Kampf gegen die deutschen Besatzer erinnert. Doch zum Einsatz der rund 1.000 Fluchthelfer in Nord-Norwegen findet sich so gut wie nichts.
Vielleicht auch, weil viele Fluchthelfer Angehörige der samischen Ureinwohner waren. Der samisch-stämmige Historiker Oddmund Andersen fand heraus, dass einige der samischen Fluchthelfer nach Kriegsende sogar wegen Landesverrat angeklagt worden waren:
"Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie die Flüchtlinge nicht bis ans Ziel gebracht und dass sie dafür Geld genommen hätten. Diese Anklagen gab es nur gegen samische Fluchthelfer. Wir Samen sind den Verdacht nie losgeworden, dass die damals vorherrschenden rassistischen Einstellungen uns gegenüber der Grund war für diese Anschuldigungen."
Warten auf eine angemessene Würdigung
Auch die Nachkommen der norwegischen Fluchthelfer warten bis heute auf eine angemessene Würdigung des Einsatzes ihrer Väter. Ein verwitterter Gedenkstein an einer entlegenen Schnellstraße, mehr erinnert in Fauske, dem Wohnort der Fagerbakks, nicht an die Fluchtlotsen, wie sie sich selber nannten. Ole Henrik Fagerbakk findet das unwürdig – auch wenn sein Vater sich nicht als Held gesehen hatte:
"Die Lotsen taten das Selbstverständliche und halfen Menschen, die in not waren. Für sie war das nichts Besonderes. Egal, ob es sich bei den Flüchtlingen um Norweger, um russische oder serbische Kriegsgefangene oder manchmal sogar um deutsche Deserteure handelte. Das war ihnen egal. Ein vorbildliches Verhalten, das man heute wieder mehr in den Vordergrund stellen und ehren sollte."
Vergeblich hat Ole Henrik Fagerbakk versucht, Spuren zu den Menschen zu finden, die von seinem Vater gerettet worden waren. Keiner von ihnen hatte sich bei seinem 1982 gestorbenen Vater noch einmal gemeldet. Auch die Geretteten scheinen die mutigen norwegischen Fluchthelfer vergessen zu haben.