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NSA-Affäre
Einblick in eine einzigartige Matrix der Überwachung

Edward Snowden steht für das Aufdecken globaler Überwachungspraktiken der NSA. Über diesen Skandal gibt es schon viele Bücher, doch bisher ist der perfide Ausbau der Geheimdienstaktivitäten in den USA noch nie so präzise erzählt worden wie bei den "Spiegel"-Journalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark, meint Ulrike Westhoff. Sie stellt den "NSA-Komplex" vor.

Von Ulrike Westhoff | 02.06.2014
    Edward Snowden spricht im März 2014 in einer Videokonferenz in Austin, Texas
    Der "NSA-Komplex" zeigt umfassend, wie die globale Überwachung der US-Geheimdienste funktioniert (AFP / Michael Buckner)
    Vom ersten Kapitel an, hat der Leser das Gefühl, einen Agententhriller in der Hand zu halten. "Der Insider"haben es die Autoren, die beiden Spiegeljournalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark, genannt. Am Schauplatz, nahe dem UN-Quartier in Genf, taucht dann allerdings weder James Bond noch Jason Bourne auf, sondern dem Leser begegnet "Field Officer"Dave M. Churchyard – der Welt bekannt als der schmächtige, blasse Whistleblower Edward Snowden. Von der Schweiz aus reist der junge Geheimdienstler – undercover als Botschafts-Mitarbeiter – quer durch Europa, installiert Zitat - "bestimmte Software"und schirmt beim NATO-Gipfel 2008 in Bukarest US-Präsident Bush ab. Ein knappes Jahr danach verlässt der Mitzwanziger den Geheimdienst zwar aus gesundheitlichen Gründen - später wird er als Systemadministrator eines Vertragspartners wieder einsteigen. Doch schon in Genf wachsen in ihm Zweifel - als er erlebt, wie die CIA einen Schweizer Bankier kompromittiert, um Informationen zu erpressen. Marcel Rosenbach und Holger Stark berichten:
    Es passt nicht zu seinen Moralvorstellungen, eine Straftat zu konstruieren, um daraus Kapital schlagen zu können. "Dient das dem großen Ganzen?"fragt er eine Freundin. "Und wer definiert das größere Ganze?"Die Antwort auf letztere Frage ist einfach: die Führung der CIA; das State Department, das Weiße Haus, der Präsident, all jene, die für die Außenpolitik und die Geheimdienste der USA verantwortlich sind.
    Vom Kapitalisten zum Whistleblower
    Wie in ihrem Vorgänger-Buch "Staatsfeind Wikileaks"setzen die beiden Autoren auf erzählende Darstellung. Von Maryland aus, wo Snowden aufwächst, schildern sie detailliert, wie aus dem loyalen Laissez-faire-Kapitalisten der Whistleblower wird, der im vergangenen Juni den bislang größten Überwachungsskandal in der Geschichte der Geheimdienste aufdeckte. Immer wieder wechseln Rosenbach und Stark dabei von der Vergangenheitsform in das historische Präsens einer Reportage, einem packend prägnanten Stil, den sie ausgezeichnet beherrschen. Das hält den Leser nah am Geschehen. Doch der "NSA-Komplex" bleibt nicht bei der Person Snowden. Vielmehr versuchen die Autoren in den folgenden Kapiteln, aus den geleakten Dokumenten ein Gesamtbild auszuwerten. Sie gehören zu den wenigen Journalisten weltweit, die Einblicke haben. Marcel Rosenbach erklärt:
    "Es gibt eine Akteursebene, nämlich die Geschichte von Edward Snowden, also die Geschichte des Whistleblowers, es gibt die Akteure aus der Geheimdienstwelt, darüber hinaus aber auch die Ebene der Contractors, also der Vertragsfirmen, der privatwirtschaftlich organisierten Firmen, die im Dienste der Geheimdienste deren Jobs übernehmen und zwar zunehmend. Es geht also nicht nur um diesen einen Geheimdienst, sondern es geht um die Industrie, um den nachrichtendienstlich industriellen Komplex."
    Konkretion der Überwachungsmatrix
    Auch wenn einem bei der Lektüre manche Informationen vertraut vorkommen, bislang ist der perfide Ausbau der Geheimdienstaktivitäten in den USA noch nie so präzise erzählt worden. Es ist die Konkretion dieser einzigartigen Matrix der Überwachung, die den Leser zeitweise in pure Verzweiflung stürzen lässt. Es ist aber auch genau diese dichte Beschreibung, die dem Buch seinen Rang verleiht. Langsam steigern Rosenbach und Stark die persönliche Geschichte des Whistleblowers über die Gründung der NSA im Kalten Krieg zum mächtigen Überwachungsapparat mit seiner riesigen Schattenbranche, in der jeder mitverdienen will. Es sei das "Goldene Zeitalter der Überwachung", so die Autoren. Angebrochen sei es schon mit der Einführung des Computers in den 1980er-Jahren. Radikal ausgeweitet habe es sich nach den Anschlägen des 11. September 2001. US-Präsident George W. Bush hatte den "Krieg gegen den Terror" ausgerufen. Für Hardliner war es nun ein Leichtes, in dessen Namen ihren Allmachtsanspruch durchsetzen, wie das von den Journalisten ausgewertete Material zeigt. Längst entwickelte Schnüffelsoftware konnte endlich als Waffe eingesetzt werden.
    Die digitale Revolution habe der NSA eine "einzigartige Position"verschafft, argumentiert NSA-Chef Alexander in einem Strategiepapier von 2010. Alexander nennt als Vision die "Global cryptologic dominance", eine weltweite Dominanz im Bereich der Kryptologie und Datensicherheit. Die Mission der NSA sei es, durch klandestine Operationen unter allen Umständen einen Vorteil für Entscheidungen "unserer Nation und unserer Alliierten zu erlangen". Noch deutlicher wurde ein hochrangiger Mitarbeiter der Abteilung für Rechtsfragen in einem internen Schreiben. Es gehe der NSA "um die weltweite Informationsherrschaft".
    Heuhaufen statt der Nadel
    Wer das Internet kontrolliert, hat also die Macht. Man kann es sich nicht oft genug vor Augen führen, was Rosenbach und Stark aufzeigen. Mit ihren rund 40.000 Mitarbeitern und einem Etat von 10,6 Milliarden Dollar im Jahr sammelt die NSA jährlich Billiarden von Datensätzen. Jede kleine Handlung auf Computern und Smartphones wird in fast jedem Staat der Welt angezapft- verdachtsunabhängig: das Einkaufen mit der EC-Karte, googlen, chatten, die E-Mails und Gespräche. Die Geheimdienstler wollten nicht die Nadel, sondern den Heuhaufen, so beschrieb es Keith Alexander. Offenbar lässt sich im 21. Jahrhundert dabei zwischen Spionage, Sabotage und Kriminalität kaum mehr unterscheiden. Und das obwohl das amerikanische Fisa-Gericht die Abhöranträge erst prüfen muss. Doch eine effektive Kontrolle gebe es nicht.
    Marcel Rosenbach:
    "Auch und gerade nicht durch die eigentlich dafür vorgesehenen Institutionen, weder der FISA-Court hat das leisten können in den USA noch die entsprechenden Ausschüsse des Parlamentes. Und wenn man sieht, dass der Director of National Intelligence, Herr Clapper, sich noch im vergangenen März in den USA vor das Parlament stellt und unter Eid lügt... "
    Fehlender Respekt gegenüber Parlamenten
    Er verneinte, dass es ein inländisches Überwachungsprogramm für Amerikaner gebe.
    Marcel Rosenbach:
    "Dann sieht man das erschreckende Ausmaß an nicht vorhandenem Respekt gegenüber den eigenen Aufsehern und demokratisch legitimierten Parlamenten. Das muss sich ändern, und dazu gehört unter anderem auch, dass man die Kontrollorgane ausstatten muss mit Kompetenz und Know-how, möglicherweise mit Sachverständigen, die dann wissen, worum es sich handelt, wenn ein Akteur aus dem Geheimdienstbereich sagt, man sammle nur Metadaten, die mehr aussagen als Inhaltsdaten. "
    Anders gesagt: Metadaten lügen nicht. Es sind Angaben darüber, wann jemand, wo, wie lange, mit wem telefoniert, SMS oder Mails geschrieben hat. An diesem Punkt unterscheiden sich die Autoren von denen, die die Erfolgsgeschichte der US-Geheimdienste vor allem dem eigenen Verhalten im Netz zuschreiben. Sie machen deutlich, wie dringend wir eine breit geführte informierte Debatte brauchen, die uns die heutige Dimension von Transparenz und Privatsphäre verstehen lässt und die ohne die Enthüllungen von Edward Snowden nicht stattfinden könnte. Schon aus diesem Grund kommt man an Rosenbachs und Starks wichtigen Buch auf gar keinen Fall vorbei.
    Marcel Rosenbach/ Holger Stark: Der NSA-Komplex. Edward Snowden und der Weg in die totale Überwachung.
    Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 19,99 Euro
    ISBN: 978-3-421-04658-1