NSDAP-Mitgliederkarteien
NS-Verbrecher waren nicht unbedingt auch Parteimitglieder

Jeder kann inzwischen online überprüfen, ob Familienangehörige in der NSDAP waren. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist dank des US-Nationalarchivs transparenter geworden. Doch was sagen die im Internet verfügbaren Daten tatsächlich aus?

    Schwarz-Weiß-Bild von begeisterten Frauen und Männern, die den Hitlergruß zeigen und  dicht gedrängt am Straßenrand stehen
    Ob mit oder ohne NSDAP-Parteibuch: Frauen wie Männer jubelten Hitler zu - hier am 10. September 1937 am Rande des Reichsparteitags in Nürnberg (picture alliance / SZ Photo / Scherl)
    Seit im März 2026 das US-Nationalarchiv Millionen von NSDAP-Mitgliedskarten online gestellt hat, hat die Debatte über Mitläufertum und Mitschuld in der NS-Zeit neuen Auftrieb erhalten. Das Interesse an der Vergangenheit scheint weiterhin groß zu sein: Es gab bereits über eine Million Anfragen, zeitweise waren die Server des US-Nationalarchivs nur schwer zu erreichen.  
    In Deutschland haben mittlerweile auch “Zeit” und “Spiegel” Onlinetools bereitgestellt, mit denen sich die Archivdaten einfacher durchsuchen lassen – dazu muss man allerdings ein Abonnement haben. Was bringen die neuen Suchmöglichkeiten und bei welchen Fragen helfen sie nicht weiter?

    Überblick

    Welche NSDAP-Daten online zugänglich sind  

    Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums war im Jahr 1945 jeder fünfte erwachsene Deutsche einer von insgesamt 8,5 Millionen Parteigenossen – und unterstützte damit zumindest auf dem Papier das nationalsozialistische Unrechtssystem. Im März 2026 hat das US-Nationalarchiv die Mitgliedskarteien der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) öffentlich zugänglich gemacht: Es handelt sich dabei um die Zentralkartei und die Ortsgruppenkartei. Vor- und Nachname einer Person genügen für die Suche, ergänzen kann man Geburtsdatum und Wohnort. 
    Die Daten selbst – rund 16 Millionen Schriftstücke auf mehreren tausend Mikrofilmen mit den NSDAP-Mitgliederkarteikarten – sind nicht neu. Sie sind in Deutschland schon seit Jahren über das Bundesarchiv verfügbar, allerdings aus rechtlichen Gründen nur auf Antrag. Diesen Umweg muss nun nach der Veröffentlichung durch das US-Nationalarchiv niemand mehr gehen, der sich für die Geschichte seiner Familie in der NS-Zeit interessiert.

    Wie aussagekräftig die NSDAP-Mitgliedskarten sind

    Das Interessante an den neuen Suchmöglichkeiten sei, dass nicht nur Namen angezeigt würden, sondern auch die Kopien des Archivmaterials – also die jeweilige Mitgliedskarte, sagt der Historiker Martin Clemens Winter.
    Es habe viele Gründe gegeben, warum Menschen in die NSDAP eingetreten seien, betont Winter. Grundsätzlich lasse sich jedoch sagen, dass der Eintritt ein “Signal der Zustimmung” gewesen sei. Man unterstützte damit auch das System: Mitglieder zahlten Beiträge und schufen so die Basis für die NS-Bewegung. Doch alles, was darüber hinausgeht – etwa die Motive für Eintritt oder Austritt, Gründe für eine Nichtmitgliedschaft oder auch das konkrete Verhalten – lässt sich laut dem Historiker anhand der Karteien kaum oder gar nicht klären.
    Die NSDAP-Mitgliedsakten seien lediglich ein erster Hinweis auf das Handeln einer Person, sagt auch der Zeithistoriker Frank Bösch. Daraus lasse sich noch nicht ableiten, in welchem Maße jemand den Nationalsozialismus unterstützt habe. Dafür seien weitergehende Forschungen nötig.

    Hohe Nazis waren nicht automatisch in der NSDAP

    Wenn man eine Person nicht finde, könne das verschiedene Gründe haben, erklärt Winter. Zum einen sei die Kartei nicht vollständig erhalten. Und auch die technische Aufarbeitung der Originalkarten für die Online-Darstellung sei nicht immer einwandfrei. So fand der Historiker nach eigenen Angaben im US-Archiv Personen, die sich mit dem „Spiegel“-Tool nicht nachweisen ließen.
    Um vom Nationalsozialismus überzeugt zu sein oder NS-Verbrechen zu begehen, brauchte man kein Parteibuch, betont Winter. „Das haben auch Leute getan, die in diesen Karteien gar nicht auftauchen.“

    Redaktionell empfohlener externer Inhalt

    Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

    Laut dem Historiker Bösch gab es zudem auch prominente Nationalsozialisten oder Unterstützer des Regimes, die nicht in der NSDAP waren, darunter Personen in hohen Positionen in Ministerien. Auch hochrangige Wehrmachtsoffiziere, die den Nationalsozialismus unterstützten, waren demnach nicht automatisch Parteimitglieder.
    Eines der prominentesten Beispiele sei Hans Globke, Kommentator der “Nürnberger Rassengesetze” und in den 1950er-Jahren Staatssekretär unter Konrad Adenauer im Kanzleramt, so Bösch. Globke hatte versucht, der NSDAP beizutreten, wurde aber nicht aufgenommen, „weil er als zu katholisch galt“.

    Recherchen zwischen “Thrill” und “Sprengstoff”

    Die freie Verfügbarkeit der Daten im Internet ermöglicht es grundsätzlich jedem, auch über andere – etwa über die Nachbarsfamilie - Nachforschungen anzustellen. Die Auswirkungen dürften nach Einschätzung des Zeithistorikers Frank Bösch jedoch begrenzt sein.
    „Ob das Ganze jetzt zu Skandalen führt, ist eigentlich schwer auszumachen, denn prominente Personen wurden längst überprüft“, sagt Bösch. Man könne längst auf Wikipedia-Einträgen auch die NSDAP-Mitgliedsnummer sehen. „Es ist aber gleichzeitig eben doch erstaunlich, was bisher nicht untersucht wurde.“
    Der Soziologe Harald Welzer stuft den nun möglichen, einfacheren Zugriff auf die Familiengeschichte als “harmloser” ein als noch vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren – als die NS-belasteten Personen noch “mit am Tisch saßen”. Welzer sieht hier deshalb eher ein “abenteuerliches Interesse” und spricht von “ein bisschen Thrill”. 
    “Wir müssen einfach sehen, dass die ganze Geschichte jetzt eine kalte Geschichte geworden ist”, sagt Welzer. Er rechnet nicht damit, dass es zu “manifesten Auseinandersetzungen” in Familien oder an Universitäten kommt, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war.
    Anders sieht das der Berliner Historiker Johannes Spohr. Mit Blick auf die Recherchemöglichkeiten über Nachbarn, ganze Orte oder öffentliche Personen spricht er von einer “Demokratisierung” durch die öffentlichen US-Daten. Das berge “durchaus Sprengstoff”.
    Spohr rechnet damit, dass die Nachforschungen in den NS-Archiven noch zunehmen werden – aus privatem oder politischem Interesse. Und er schließt auch problematische Motive nicht aus: Rechtsradikale könnten die Karteikarten auch nutzen, um mit Stolz auf ihre Familiengeschichte hinzuweisen.

    Onlinetext: Klaus Gürtler, Beate Thomsen / Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen