Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 08:35 Uhr Am Sonntagmorgen
StartseiteKalenderblatt"O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe"08.09.2004

"O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe"

Vor zweihundert Jahren wurde der Dichter Eduard Mörike geboren

200. Geburtstag - das ganze Schwabenland feiert seinen Dichter, der wohl nach Goethe der größte deutsche Lyriker des l9. Jahrhunderts war. Alle Orte im Ländle, in denen er je ein Stück Lebenszeit verbracht hat. Von Ludwigburg , wo er 1804 als Sohn des Amtsarztes Mörike auf die Welt kam, bis Stuttgart, wo er, zuletzt Lehrer, mit 71 Jahren starb. Möhringen, Riedlingen, Ochsenwang, Wermutshausen, Schwäbisch Hall, Mergentheim, Lorch, Nürtingen und wie sie alle heißen - vor allem aus der Zeit der "Vikariatsknechtschaft" zuletzt als Pfarrer l834 in Cleversulzbach, dessen Hahn in die Weltliteratur eingegangen ist. Wo es Mörike auch nicht aushielt, schon gar nicht die ganze Seelsorgerei. Mit 39 Jahren ließ er sich l843 in den vorgezogenen Ruhestand versetzen und hielt trotzig fest:

Von Ariane Thomalla

Eduard Mörike, 1804-1875 (Archiv)
Eduard Mörike, 1804-1875 (Archiv)

Doch muß ich kategorisch sagen, daß Gott in mir beschädigt wurde durch die Institute, auf denen ich war: Lateinschule Urach, gefangener studiosus theologiae im Stift in Tübingen. Gebeugt ist mein Rücken durch die Last des Wissens, das ich trage wie Lazarus das Kreuz.

Dessen ist man sich heute sicher: Er war kein Idylliker, kein putziger Poet im Schlafrock. Auf den alten Daguerrotypien guckt er hinter den engen runden Brillengläsern reichlich unwirsch. Grämlich zieht er die Mundwinkel herab.

Er besteigt seine Traumschiffe, traurig zwar, aber inzwischen daran gewöhnt, daß sich die beiden Welten nicht werden vereinigen lassen.

Wolfgang Theweleit, der die Ausstellung im Marbacher Literaturarchiv eröffnete, bei der zeitgenössische Vertonungen Mörikes ans Licht kamen, deutete, warum Mörike kein Goethe werden konnte, obwohl er es hätte werden können.

Nach zwei phantastischen Seiten kommen immer zwei schwächere, zwei die aus der Asche geschrieben sind, der Asche des eigenen behinderten Lebens.

Daher der Hang des Dichters zur Melancholie, heute würde man sagen: Depressionen? Der Vater starb nach langem Siechtum, als Mörike 17 war, der jüngere Bruder August entzog sich durch Suizid. So hing alles an ihm. Zeit seines Lebens hatte er Mutter und zwei Schwestern im Schlepptau, die ihn verzärtelten, aber auch fest im Griff hielten. Die gnadenlose Präsenz von Clara, der Jüngeren, ließ seine spät erst gewagte Ehe mit Gretchen scheitern. Luise, die ältere Schwester, kämpfte bis zu ihrem Tod jede Liebesgeschichte des Bruders mit der Moralkeule nieder. Inzestuöses Gebaren oder ging es nur um die ökonomische Existenz des weiblichen Familienverbunds? Nieder vor allem die nie verwundene Leidenschaft des Studenten zur mysteriösen Vagabundin, der "reizenden Bettlerin" Maria Meyer, der schönen Fremden seiner Peregrina-Lieder. War sie wirklich so zwielichtig?

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten/ Einer einst heiligen Liebe", dichtete er. "Schaudernd entdeckt ich verjährten Betrug./ Und mit weinendem Blick, doch grausam,/ Hieß ich das schlanke,/ Zauberhafte Mädchen/ Ferne gehen von mir.

Dazu Theweleit:
Hinterm Berg, hinterm Berg brennt es in der Mühle. Wenn man die Mühle nimmt als in der Alchemie gebräuchliches Bild für den eigenen Körper. Im Körper brennt es ständig in der Mühle. Daraus wird Literatur.

Der Roman Maler Nolten entsteht, Die Historie von der schönen Lau und andere mythenbildende Erzählungen, Balladen wie der "Feuerreiter", das späte Meisterwerk Mozart auf der Reise nach Prag und die vielen von Musikalität durchtränkten Gedichte. "O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe", "Frühling hat sein blaues Band", "Orplid, mein Land, das Auge leuchtet", "Und kecker rauschen die Quellen hervor und singen der Mutter, der Nacht ins Ohr vom Tage, vom heute gewesenen Tage." Verse, die fast ins kollektive Bewusstsein gesunken sind, oszillierend zwischen Traum, Tagtraum und wachem Bewusstsein.

Dazu Theweleit:

Es wird eine seiner Spezialitäten, Zugänge zu dem zu finden, was Freud wenig später das Unbewußte nennen wird. Weil er diesen Bruch in der eigenen Person und sich selbst auf dieser Ebene durch seine Produktion durchreflektiert – darin liegt für mich der moderne und absolut interessante Zug in Mörikes Produktion.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk