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Obama-Rede zum "Bloody Sunday"
"Noch nicht am Ziel"

US-Präsident Barack Obama hat zum Gedenken an den "Bloody Sunday" - dem brutal niedergeschlagenen Protestmarsch für das Wahlrecht von Schwarzen in den USA vor 50 Jahren - eine sehr persönliche Rede gehalten. Er kritisierte rassistische Vorurteile und betonte, dass "der Marsch noch nicht am Ziel sei".

Von Martin Ganslmeier | 08.03.2015

Obama bei seiner Rede zum 50. Jahrestages des brutal niedergeschlagenen Protestmarsches in Selma
Obama bei seiner Rede zum 50. Jahrestages des brutal niedergeschlagenen Protestmarsches in Selma (picture-alliance/dpa/ Dan Anderson)
Es war ein Tag für die Geschichtsbücher: Gemeinsam mit seiner Familie ging der erste afroamerikanische US-Präsident über die Edmund-Pettus-Brücke von Selma. Wie vor 50 Jahren trägt die Brücke noch immer den Namen eines Ku-Klux-Klan-Anführers. Und wie vor 50 Jahren ist John Lewis dabei. Damals als schwarzer Studentenführer und Vertrauter von Martin Luther King wurde er halb tot geprügelt, heute ist Lewis Abgeordneter im US-Kongress:
"Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich eines Tages zurückkommen werde, um den ersten afroamerikanischen Präsidenten vorzustellen, hätte ich gesagt: 'Du bist verrückt und weißt nicht, wovon du redest!'"
Obama hält sehr persönliche Rede
Rund 40.000 Menschen waren nach Selma gekommen, darunter auch der frühere Präsident George W. Bush und 100 Kongressabgeordnete aus Washington. Obama hatte auf einen Redenschreiber verzichtet und hielt eine seiner persönlichsten Reden. Er dankte den Bürgerrechtlern, die damals für das Wahlrecht der Schwarzen ihr Leben riskierten:
"Sie haben bewiesen, dass Veränderungen ohne Gewalt möglich sind, dass Liebe und Hoffnung den Hass besiegen können."
Ihr Beispiel sei später Vorbild für die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang geworden und habe so zum Fall der Mauer beigetragen. Ihr Beispiel habe allen Amerikanern mehr Freiheit gebracht: Frauen, Hispanics, Homosexuellen und Behinderten. Amerika habe große Fortschritte bei den Bürgerrechten gemacht, betonte Obama - trotz Ferguson:
"Was in Ferguson passierte, mag vielleicht kein Einzelfall sein. Aber es ist nicht länger typisch. Und es ist nicht länger gesetzlich erlaubt, wie dies vor der Bürgerrechtsbewegung der Fall war."
Kritik an rassistischer Politik einzelner Bundesstaaten
Doch ebenso entschieden widersprach Obama der Einschätzung, es gebe keine rassistische Vorurteile mehr in den USA:
"Wir brauchen nicht den Ferguson-Bericht, um zu wissen, dass dies nicht wahr ist", sagte der Präsident.
"Wir müssen nur die Augen, Ohren und Herzen öffnen, um zu wissen, dass die Rassengeschichte dieser Nation immer noch ihren langen Schatten auf uns wirft."
Besonders heftig kritisierte Obama die Versuche mehrerer Bundesstaaten, das vor 50 Jahren hart erkämpfte Wahlrecht für Schwarze wieder zu erschweren - zum Beispiel durch strengere Ausweis-Vorschriften bei der Registrierung.
"50 Jahre nach dem blutigen Sonntag ist der Marsch noch nicht am Ziel", lautet Obamas Fazit. "Aber wir kommen näher."
Schwarzer Jugendlicher in Wisconsin von der Polizei erschossen
Dass es auf diesem Weg immer wieder Rückschläge gibt, wurde auch an diesem Gedenktag deutlich: Zeitgleich zu Obamas Rede in Selma wurde ein weiterer Vorfall bekannt, bei dem ein schwarzer Jugendlicher durch Polizeischüsse ums Leben kam. Diesmal erschoss ein Polizist in Madison im Bundesstaat Wisconsin einen unbewaffneten 19-Jährigen. Zuvor sei der Beamte nach Angaben der Polizei von dem schwarzen Jugendlichen attackiert worden. Der Bürgermeister von Madison kündigte eine unabhängige Untersuchung des Todesfalls an.