Sonntag, 07. August 2022

Archiv


Obama und Co. Lügen strafen

In den USA ist die Lüge im Wahlkampf derart notorisch, dass sogenannte Fact Checker, Faktenchecker, sie bekämpfen. Auch beim zweiten TV-Duell zwischen Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney seien sie gut beschäftigt gewesen, sagt der Journalist Friedrich Mielke.

Friederich Mielke im Gespräch mit Beatrix Novy | 17.10.2012

    Beatrix Novy: Ist eigentlich immer alles wahr oder wenigstens richtig, was wir hier am Mikrofon erzählen? Ja, in der Regel. In aller Regel. Es kann natürlich mal passieren, dass etwas Falsches über den Äther geht, ganz selten. Unabsichtlich natürlich! Aber wofür unsereiner sich unter die Erdkruste schämt, wenn es passiert, das ist für andere Programm. In den USA ist die Lüge im Wahlkampf derart notorisch, dass sogenannte Fact Checker, Faktenchecker, sie bekämpfen. Frage an den USA-Experten Friederich Mielke: Zur Lüge gehört aber auch, dass sie nicht sogenannt wird, oder?

    Friederich Mielke: Nein, auf keinen Fall. Das Wort Lüge, Lie, habe ich noch nicht gehört. Es geht um Unwahrheit, es geht um falsche Behauptungen, Unaufrichtigkeiten, Entstellungen, Täuschungen, Schwindel, aber niemals um die Lüge. Allerdings war der alte Bismarck doch etwas aufrichtiger. Er sagte, gelogen wird am meisten vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.

    Novy: Hatten bei der zweiten Debatte gestern Abend zwischen Obama und Romney die "Fact Checker", von denen jetzt gleich hier die Rede sein wird, also die Leute, die solche absichtlichen Verdrehungen und Verfälschungen aufspüren und korrigieren, hatten die viel zu tun?

    Mielke: Ja doch, die waren sehr stark beschäftigt. Ich habe mir das Programm angeschaut, hinterher auf CNN. CNN hat dort eine tolle Mannschaft, die diesen Fakten auf den Grund geht. Romney hat zum Beispiel behauptet, Obama habe nicht gesagt, dass es sich um einen Terroranschlag in Bengasi gehandelt habe. Romney hat versucht, Obama darzustellen als jemand, der immer nur von einem Video sprach. Fakt aber ist, dass Obama tatsächlich einen Tag schon nach dem Anschlag in Bengasi auch dem amerikanischen Botschafter gesagt hat, es hätte sich um einen "Act of Terror" gehandelt, also eine Art terroristischen Anschlag. Da wurde Romney ganz kalt erwischt. Und umgekehrt: Obama wiederum hat bei der Haushaltsdefizitfrage, bei der großen Haushaltsschuld, bei der Budgetschuld sich so dargestellt, dass er hauptsächlich durch Steuern auf Reiche dieses Defizit schnell in den Griff bekommen könne, und da haben die "Fact Checker" sofort gesehen, das geht einfach so nicht, das sind nur ein Prozent der amerikanischen Wähler und die haben nicht das Geld, um dieses gewaltige Haushaltsdefizit zu reduzieren.

    Novy: Wo lesen Sie denn das nun nach, was diese Faktenchecker veröffentlichen? Wie funktionieren die?

    Mielke: Diese Fact Checker gibt es schon seit einer gewissen Zeit. Die meinen, wissenschaftlich unabhängig und insofern also neutral zu sein. Die werden gegründet von Zeitunternehmern, aber auch zusammen mit Universitätsprofessoren und anderen Think Tanks. Also das sind unabhängige Stellen, die das sofort dann überprüfen und dann dementsprechend wieder ins Internet, oder an die Medien weitergeben, um ein Maximum von Wahrheit zu garantieren.

    Novy: Die Frage ist natürlich, mit welchem Erfolg. Man wundert sich ja oft über die Hartnäckigkeiten von falschen Behauptungen. Zum Beispiel ist Obama immer noch für manche ein Araber. Man könnte fast meinen, auch als verkappter Alien würde er durchgehen. Woher kommt diese Akzeptanz der Lüge, die doch oft genug richtiggestellt wird?

    Mielke: Letztendlich durch die Polarisierung, die Ideologisierung und die Politisierung der amerikanischen Gesellschaft. Wer jetzt für Obama ist, wird es bleiben; wer jetzt für Romney ist, wird es auch bleiben. Es geht um die wenigen Stimmen, die noch unentschieden sind. Da heißt es in einem Artikel von "Time Magazine", niemand sollte das Pressezentrum des Weißen Hauses mit einem Gerichtssaal oder einem Beichtstuhl verwechseln, und das bedeutet ganz klar: Die Leute wissen im Grunde ganz genau, dass sie einseitig informiert werden, dass sie einem Sperrfeuer von einseitigen frisierten politischen Informationen in TV-Wahlwerbespots ausgesetzt sind und dass sie letztendlich damit belogen werden. Aber sie wollen das auch, sie wollen im Grunde die andere Seite nicht hören. Daher sind diese TV-Debatten extrem wichtig, weil man hier in den TV-Debatten auch die andere Seite zu hören bekommt.

    Novy: Vorausgesetzt man will sie hören. – Das war Friederich Mielke, vielen Dank dafür.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.