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StartseiteEuropa heute"Nacht der Solidarität" in Paris 08.02.2019

Obdachlose in Frankreich"Nacht der Solidarität" in Paris

Auch die Bevölkerung sollte mithelfen. In der vergangenen Nacht ist in Paris zum zweiten Mal die Zahl der Obdachlosen ermittelt worden. Auf dieser Grundlage soll klarer werden, wer welche Hilfe braucht. Nicht jeder ist damit jedoch einverstanden.

Von Bettina Kaps

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Ein grünes Iglu-Zelt an einer Straße (Deutschlandfunk/Bettina Kaps)
Ein Iglu-Zelt an der Pariser Ringautobahn. Eine unwirtliche Gegend, in der man Obdachlose nicht sofort verjagt. (Deutschlandfunk/Bettina Kaps)
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An fünf Abenden pro Woche streifen die Freiwilligen von "Robins des Rue" durch den Norden von Paris und pflegen Kontakt zu Obdachlosen. Pierre Mouton, Mitte 30, ist seit acht Jahren in dem Hilfsverein aktiv: 

"Obdachlosigkeit ist ein großes und sichtbares Problem in Paris. Allgemein wird erwartet, dass die Obdachlosen aus dem Straßenbild verschwinden. Obwohl es zu wenig Unterkünfte gibt. Und durch unsere Gespräche mit den Betroffenen wissen wir, dass oft erst viele andere Probleme gelöst werden müssen, bevor eine Unterbringung überhaupt denkbar ist."

Zum Beispiel psychische Probleme, Sucht, Abkapselung. Im Lauf der Jahre hat sich das Bild der Obdachlosigkeit in Paris gewandelt, sagt Pierre Mouton.

Immer mehr Obdachlose sind süchtig

"Wir stoßen auf Menschen, die als Migranten kamen und dann in die Obdachlosigkeit abgerutscht sind. Uns fällt auch auf, dass es immer mehr Drogenabhängige gibt. Zwei von drei Obdachlosen, die wir auf unseren Streifzügen treffen, sind süchtig."

Die Stadt Paris will die soziale Ausgrenzung mit allen Mitteln bekämpfen. Und Mitmach-Aktionen, wie die sogenannte "Nacht der Solidarität", bei der Bürger und Sozialarbeiter Straßen, Tiefgaragen, Eingänge, Parks und Metrostationen durchkämmen, helfen dabei.

Pierre Mouton hat sich daran nicht beteiligt. Weil er es unethisch findet, eine bestimmte Menschengruppe zu zählen. Seine Mitstreiter und er fahren auf ihrer Route stets die Umgebung der Pariser Ringautobahn ab. Eine unwirtliche Gegend, wo man Obdachlose nicht sofort verjagt. Zwei Iglu-Zelte stehen in einer Unterführung. Rechts schläft ein Asylbewerber aus dem Sudan. Vor dem linken Zelt wartet ein schmaler Mann mit breitem Lachen auf die Helfer. Fethi, ehemals Chauffeur, ist seit zwei Jahren obdachlos. Was ihn daran besonders stört?

Notlösung Notaufnahme

"Im Freien gibt es keine Toilette, kein Wasser. Ich kann mir nicht einmal die Hände waschen. Manchmal gehe ich in die Notaufnahme vom Krankenhaus und mache da eine Katzenwäsche. Die städtischen Duschen sind nicht immer offen."

Man sieht es ihm nicht an: Der 46-Jährige – saubere Jacke, saubere Jeans, karierter Schal – duftet nach Rasierwasser. Nur die scharfen Falten im Gesicht verraten, dass er es im Alltag schwer hat. Rund um Fethis Zelt häufen sich Kocher, Töpfe, Essen, außerdem ein Fahrrad, ein Kinderwagen und allerhand Zeug, mit dem er auf dem Flohmarkt ein paar Euro verdienen will. Fethis größter Wunsch? Eine dauerhafte Bleibe.

"Draußen schlafen, wenn es so kalt ist – das ist anstrengend. Manchmal wähle ich den Notruf für Obdachlose. Aber die sagen immer: Für sofort haben wir nichts. Oder höchstens für eine Nacht. Ich kann meinen Platz mit all' den Sachen doch nicht für eine einzige Nacht aufgeben."

Unterkünfte für Weibliche Obdachlose

In Paris gibt es 20.000 Plätze in Notunterkünften, die praktisch alle belegt sind. Die Hotline der überwiegend staatlich finanzierten Pariser Obdachlosenhilfe "Samu Social" ist daher völlig überlastet. Vier von fünf Anrufen werden gar nicht erst angenommen. Neuerdings müssen sogar Obdachlose mit Kindern tagelang warten, bis sie eine Notunterkunft erhalten.

Aber manchmal verbessert sich auch etwas. Bei der Zählaktion vor genau einem Jahr haben die Bürger 3.035 Obdachlose registriert. Eine Erkenntnis von damals: Zwölf Prozent der Obdachlosen sind weiblich. Das hat konkrete Folgen gehabt: Seit Dezember gibt es im Pariser Rathaus eine Notunterkunft für obdachlose Frauen.

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