Dienstag, 05. Juli 2022

Pianist Vadim Neselovskyi
"Odesa" - das musikalische Porträt einer legendären Stadt

Vadim Neselovskyi, erstaunlicher Klaviervirtuose des zeitgenössischen Jazz, ist in Odessa geboren und aufgewachsen. Mit seiner Solo-Suite "Odesa", aufgeführt im Beethoven-Haus Bonn, setzt er seiner Heimatstadt ein Denkmal. Ein intensives wie inniges Hörerlebnis.

Odilo Clausnitzer | 07.06.2022

Ein dunkel gekleideter Mann mittleren Alters mit schwarzen Haaren und Vollbart lehnt an einer Betonwand und schaut ernst in die Kamera.
Vadim Neselovskyi lebte sechs Jahre in Deutschland und lernte in dieser Zeit die Sprache fließend. (Tapstep)
Odessa, in ukrainischer Schreibweise Odesa, ist der Name der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, die vielen Westeuropäern bekannt ist. Aber wenige wissen Genaueres über sie. Der Pianist Vadim Neselovskyi hat dort die ersten 17 Jahre seines Lebens verbracht. In seiner Suite "Odesa" porträtiert er die Metropole aus einer persönlichen Perspektive.

Eine Station nach der anderen

Die einzelnen Sätze des Werkes widmen sich unterschiedlichen Orten, geschichtlichen Ereignissen, eigenen Erinnerungen oder Facetten des Lebens ins Odessa, etwa dem historischen Bahnhofsgebäude und der durch Eisensteins Filmklassiker berühmt gewordenen Potemkinschen Treppe, Neselovskyis Zeit im Konservatorium und dem Erlebnis seines ersten Rock-Konzerts, der Akazienblüte im Mai, aber auch der grausamen Judenverfolgung während des zweiten Weltkrieges.
Ein Blick von der Luft aus zeigt das historische Opernhaus von Odessa und gibt den Blick zum Hafen frei.
Odesa, so die ukrainische Schreibweise, ist eine MIllionen-Stadt mit Opernhaus, Konservatorium, Parks und Denkmälern und dem wichtigsten Hafen des Landes. (Imago / imagebroker / Andrey Nekrasov)
Neselovskyi schrieb das Stück bereits 2020. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine erhielt das Programm nun traurige Aktualität. Im Beethoven-Haus Bonn führte Neselovskyi „Odesa“ im Rahmen eines Benefiz-Konzertes auf, dessen Erlös ukrainischen Musikerinnen und Musikern zugute kam.
Vadim Neselovskyi ist 1977 in Odessa geboren und dort mit klassischer Musik aufgewachsen. Mit 15 wurde er jüngster Student des Konservatoriums, mit 17 wanderte er mit seiner Familie nach Deutschland aus. Bekannt wurde er in der Band des Vibrafonisten Gary Burton, mit dem er drei Platten veröffentlichte.

2010 gewann er als Komponist die "Thelonious Monk Competition", den wichtigsten internationalen Jazz-Wettbewerb. Heute lebt Neselovskyi in den USA und unterrichtet an der renommierten Berklee School of Music.