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StartseiteCampus & Karriere"Wer in höhere Bildung investiert, trifft die richtige Wahl"10.09.2019

OECD-Bildungsstudie"Wer in höhere Bildung investiert, trifft die richtige Wahl"

Beim Ausbau der höheren Bildung sei Deutschland auf einem guten Weg, sagte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher im Dlf. Es gebe heute mehr Studierende sowie Menschen in höherwertigen beruflichen Ausbildungen als noch vor zehn Jahren. Etwas schlechter sehe es aber bei den MINT-Fächern aus.

Andreas Schleicher im Gespräch mit Regina Brinkmann

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Andreas Schleicher bei einem Vortrag in Mexiko (imago / Zuma Press)
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher (imago / Zuma Press)
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Regina Brinkmann: Die höhere Bildung steht in diesem Jahr im Mittelpunkt der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick". Sie vergleicht die Bildungssysteme und Bildungsausgaben der 36 OECD-Länder und zehn weiterer Länder. Und sie verzeichnet dabei auch in Deutschland – nicht ganz überraschend - eine wachsende Nachfrage nach höherer Bildung. Doch wie passt Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zusammen? Bilden wir an unseren Hochschulen vielleicht am Ende nicht zu viele Akademiker aus – Stichwort Akademisierungswahn?

Diese Sorge teilt Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD nicht. Aus seiner Sicht ist der Arbeitsmarkt für höhere Qualifikationen noch nicht gesättigt. Ich habe mit ihm über die Ergebnisse der aktuellen Studie gesprochen und ihn zum Einstieg in das Interview gefragt: Wie ist Deutschland im Bereich der Höheren Bildung aufgestellt?

Andreas Schleicher: Also höhere Bildung zahlt sich aus, egal, ob das jetzt eine akademische Bildung ist oder eine höherwertige berufliche Ausbildung. Sie sehen, 365.000 Dollar verdient jemand mit einer solchen Ausbildung mehr, als wenn er jetzt nur eine Basisausbildung hat. Auch für den Steuerzahler sind das immerhin noch 250.000 Dollar mehr, die investiert werden. Also Bildung zahlt sich aus, und das hat sich natürlich auch niedergeschlagen in höheren Beteiligungsraten. Also da hat Deutschland deutlich aufgeholt. Es gibt heute sehr viel mehr Studierende oder auch Menschen in höherwertigen beruflichen Ausbildungen als das vor zehn Jahren der Fall gewesen ist. Da ist das auf einem guten Weg.

Mehr Mittel für Forschung, weniger für Lehre

Brinkmann: Wie viel Geld steckt denn Deutschland in die höhere Bildung?

Schleicher: Wenn man das insgesamt nimmt, sieht das ganz gut aus. Da ist Deutschland auch ganz gut aufgestellt. Allerdings muss man sagen, über 40 Prozent gehen dort in Forschung. Wenn man sich also anschaut, was in der Lehre bei den Studierenden ankommt, dann ist das heute weniger als im OECD-Mittel. Vor allen Dingen sind die Ausgaben dort pro Studierenden tendenziell eher gesunken als gestiegen. Also, was man da sehen muss, der Anstieg der Studierendenzahlen, da ist die Finanzierung nicht nachgekommen.

Brinkmann: Also es gibt immer mehr Studierende, und die Frage ist natürlich dann oft auch, am Ende haben wir vielleicht zu viel Studierende, Stichwort Akademisierungswahn. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?

Schleicher: Wenn es zu viel Studierende geben würde, würden deren Einkommen ja sinken oder deren Arbeitsmarktchancen sinken. Das sehen wir nicht. Also die Arbeitsmarktchancen für Studierende, auch für Personen mit höherwertigen beruflichen Ausbildungen sind in Deutschland ausgezeichnet, sind sogar tendenziell noch besser geworden. Also die Nachfrage wächst vielleicht sogar noch schneller als es anmutet. Allerdings hängt das immer sehr von der Fachrichtung ab. Man muss also auch da sehen, wenn Sie jetzt im Bereich Ingenieurswissenschaften, Technik, Naturwissenschaften studieren, haben Sie deutlich bessere Chancen als in den Geisteswissenschaften. Es gibt dort schon Unterschiede. Also das Zusammenspiel von Nachfrage und Angebot, da kann sich noch was tun in Deutschland, aber insgesamt, wer heute in eine höherwertige Bildung investiert, der macht die richtige Wahl.

"Den Lehrerberuf intellektuell attraktiver machen"

Brinkmann: Sie haben aber auch in dieser OECD-Studie beobachtet, dass es in einigen Ländern ein abnehmendes Interesse gibt bei den MINT-Fächern. Ist das auch ein Trend, der auf Deutschland zukommen könnte?

Schleicher: Ja, was man sagen muss, ist, dass insgesamt also das Wachstum stärker war in den anderen Fächern. Also die MINT-Fächer haben zwar auch zugenommen in Deutschland, aber insgesamt ist das Wachstum bei den Studienzahlen in anderen Fächern stärker gewesen. Also relativ gesehen stehen die MINT-Fächer heute schlechter da, obwohl sie im Erwerbsleben mit die höchsten Erträge bringen.

Brinkmann: Nun haben wir eine aktuelle Studie zum Lehrermangel, gerade an Grundschulen in Deutschland. Zu welchen Erkenntnissen kommen Sie? Wie kann man den Beruf des Lehrers oder der Lehrerin noch attraktiver machen, dass es auf Dauer auch noch mehr Anwärter und Anwärterinnen gibt?

Schleicher: Ich glaube, Lehrermangel ist für Deutschland ein wichtiges Thema. Die Zahlen zeigen, dass die Lehrer in Deutschland relativ gut bezahlt werden im internationalen Vergleich, sowohl absolut gesehen als auch relativ zu anderen Beschäftigten mit entsprechendem Abschluss. Es geht wohl weniger darum, den Beruf finanziell attraktiver zu machen als ihn intellektuell attraktiver zu machen. Man muss einfach sehen, in vielen Ländern haben Lehrkräfte heute bessere Karrierechancen, ein vielfältigeres Arbeitsumfeld, mehr Zeit für andere Dinge als Unterricht, also gemeinsame Arbeit, in Forschungsarbeit, Entwicklungsarbeit. Das ist ein interessanteres, vielfältigeres Aufgabenfeld als in Deutschland. Also da ist sicherlich noch viel zu tun.

"Quereinsteiger sollten keine Notlösung sein"

Brinkmann: Jetzt beobachten wir aber in Deutschland, dass zunehmend Schulen gezwungen sind, auch auf Quereinsteiger zu setzen. Was macht das langfristig mit unserem Bildungssystem?

Schleicher: Ich glaube, Quereinsteiger müssen nicht unbedingt schlechter sein. Also, dass man das Bildungssystem offen gestaltet, dass auch Menschen mit anderen Qualifikationen, die qualifiziert sind, in den Lehrerberuf einsteigen können, das ist an sich noch gar nichts Schlechtes. Was wichtig ist, dass es nicht zu einer Minderung der Anforderungen führt, also dass man wirklich die besten Köpfe gewinnt. In Finnland bewerben sich acht bis neun Bewerber auf jede Stelle für ein Lehramt, weil das ein spannendes, ausgewogenes, interessantes Berufsumfeld ist. Ich denke, Quereinsteiger sollten keine Notlösung sein. Sie können immer eine gute Lösung sein, wenn man jetzt einfach das Qualifikationsprofil erweitern will, aber ich denke, es darf nicht dazu kommen, dass man einfach aus Mangel an qualifizierten Lehrkräften dann den Beruf öffnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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