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StartseiteCampus & Karriere"Kreativität und soziale Kompetenz fördern"29.04.2019

OECD zur Digitalisierung"Kreativität und soziale Kompetenz fördern"

Laut einer OECD-Studie bedroht die Digitalisierung jeden fünften Arbeitsplatz in Deutschland. Aber mit etwas Zuversicht könne man die Herausforderungen meistern, sagte Ludger Schuknecht von der OECD im Dlf. Es bedürfe nur einer klaren Bildungsstrategie.

Ludger Schuknecht im Gespräch mit Thekla Jahn

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Der stellvertretende Generalsekretär der OECD, Ludger Schuknecht. (imago images / Ritzau Scanpix)
Ludger Schuknecht, stelllvertretender Generalsekretär der OECD, glaubt, dass mit ein bisschen Zuversicht die Herausforderungen gemeistert werden können (imago images / Ritzau Scanpix)
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Thekla Jahn: Rasant ändert sich unsere Arbeitswelt und die Geschwindigkeitsspirale scheint sich immer schneller zu drehen. Ende vergangener Woche hatte ja die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, ihren Ausblick auf die Beschäftigung 2019 vorgestellt, und dabei hat sie gerade für Deutschland einen dramatischen Wandel der Arbeitswelt prognostiziert: Die fortschreitende Digitalisierung bedrohe jeden fünften Arbeitsplatz in Deutschland.

Gefahr erkannt, das heißt nicht zwingend auch: Gefahr gebannt. Die OECD macht sich aber auch dazu Gedanken und entwickelt Strategien. Heute Abend wird Dr. Ludger Schuknecht, stelllvertretender Generalsekretär der OECD, in München beim IFU-Institut sprechen über die Herausforderungen für Bildung und Ausbildung aus internationaler Sicht, und wir wollen ihn dazu schon vorab befragen, am Telefon ist er, schönen guten Tag!

Ludger Schuknecht: Ja, Tag!

Jahn: Herr Schuknecht, steht Deutschland vor größeren Herausforderungen bei Bildung und Ausbildung als andere Länder oder sitzen auf dem zunehmend globalisierten Arbeitsmarkt alle in einem Boot und müssen gleich kräftig rudern?

Schuknecht: Deutschland, würde ich sagen, steht insgesamt nicht schlecht da. Die Herausforderungen, was die Veränderungen angeht, sind groß, aber sie sind eben in fast allen Industrieländern groß, und was die Leistung des deutschen Bildungs- und Ausbildungssystems angeht, ist es insgesamt in gutem Zustand. Aber das heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen dürfen, sondern wir müssen eben auf diese Herausforderungen reagieren.

"Positiven Trend zu mehr vorschulischer Bildung"

Jahn: Herausforderungen – in dem Wort stecken die Forderungen ja schon mit drin. Wie sollten Bildung und Ausbildung gestaltet werden? Was fordern Sie?

Schuknecht: Die OECD stellt fest, dass zum Beispiel in den klassischen Bildungsbereichen wie Grundschulausbildung und dann weiterführende Schulen Deutschland in den internationalen PISA-Tests recht gut abschneidet, aber es gibt eben auch eine Reihe Länder, die besser sind, vor allen Dingen in Asien.

Das heißt also, dass wir auch im Bereich Bildung noch weiteren Verbesserungsbedarf haben. Dann gibt es in Deutschland einen sehr positiven Trend zu mehr vorschulischer Bildung, frühkindlicher Bildung. Das ist auch durchaus eine positive Entwicklung der letzten Jahre. Aber auch hier kommt es jetzt vor allen Dingen in Zukunft auf die Qualität an.

Dann als Drittes ist Deutschland sicherlich vorbildlich und führend global, was sein Berufsausbildungssystem angeht, aber auch hier muss man sagen, dass der Schwerpunkt in Zukunft noch stärker auch auf die Ausbildung während des ganzen Arbeitslebens gelegt werden muss, denn das ist ja eine der Herausforderungen durch die Digitalisierung, dass sich die Arbeitswelt wandelt, dass mehr Nachfrage nach qualifizierten Tätigkeiten besteht, nach, die Wissenschaftler nennen das die kognitiven Fähigkeiten, hohe Kreativität, Anpassungsfähigkeit an das digitale Umfeld.

Das sind die Herausforderungen nicht nur im schulischen Bereich, sondern vor allen Dingen auch während des ganzen Berufslebens, wo wir die Menschen auf diese Herausforderungen vorbereiten müssen.

Jahn: Jetzt haben wir es ja nicht nur mit einem sich schnell wandelnden Arbeitsmarkt zu tun, Sie sagten es schon, sondern auch mit einer alternden Bevölkerung in Deutschland. Das ist ja auch eine Herausforderung.

Schuknecht: Dadurch, dass wir länger leben, müssen wir auch länger arbeiten, sonst können wir uns unsere Sozialversicherungssysteme nicht mehr leisten. Und das bedeutet eben, dass wir eine Bildungsstrategie in Deutschland brauchen, die noch stärker dieses lange Berufsleben begleitet, damit eben die Menschen auch in der Lage sind, noch im Alter sehr produktiv am Arbeitsleben teilzunehmen.

"Wir können es uns nicht leisten, dass jeder frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheidet"

Jahn: Genau, und dagegen spricht ja oft, dass die Arbeitsverdichtung dazu führt, dass man überhaupt gar keine Zeit mehr hat, den Kopf sich überhaupt nicht mehr machen kann darüber: Was brauche ich noch, was kann ich noch lernen, wie kann ich da noch irgendwie Zeit abzwacken? Vielleicht hat man auch gar nicht unbedingt die Lust.

Man merkt ja auch, dass immer mehr Menschen gerne früher aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Also wie kann da eine Strategie aussehen, die die Menschen mitnimmt?

Schuknecht: Das ist eine nicht ganz einfache Frage. Ein bisschen muss man auch vielleicht geschubst werden, indem den Menschen erklärt wird, dass wir es uns als Gesellschaft nicht leisten können, dass jeder frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheidet, sondern dass wir es auch der jungen Generation und den Arbeitenden schuldig sind, unser Humankapital, unsere Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten.

Jahn: Inwiefern sind die Unternehmen auch in der Pflicht, ihren Arbeitnehmern Weiterbildungen zu bezahlen, ihnen die Zeit zu geben und gegen die Arbeitsverdichtung anzuarbeiten?

Schuknecht: Also in unserer Analyse zeigt sich, dass die Kosten von Weiterbildung eigentlich selten der Grund sind, warum keine Weiterbildung betrieben wird. Das ist nicht so sehr das Problem. Die Arbeitsverdichtung oder eben der Mangel an Zeit, das ist ein vielgenannter Grund dafür, dass man Weiterbildungen nicht macht.

Jahn: Braucht es eine gesellschaftliche Veränderung hin zu einer, ja, wie soll ich sagen, einer Weiterbildungskultur, wo jeder Lust und Spaß daran hat?

Schuknecht: Das würde auf jeden Fall helfen, und ich glaube, dass da einige Länder etwas weiter sind als wir. Bei den skandinavischen Ländern spielt das eine größere Rolle, da wird das selbstverständlicher genommen. Und ich glaube, diese Selbstverständlichkeit und die Tatsache, dass es Spaß machen sollte, das können wir, glaube ich, noch mehr lernen, ja.

Es gibt gewisse Fähigkeiten, die einfach gelernt werden müssen

Jahn: Jetzt haben wir über die Älteren gesprochen, jetzt würde ich gerne ans andere Ende des Arbeitslebens gehen, nämlich am Anfang steht ja die Generation der zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Laut einer internationalen Studie "Ressource Weiterbildung – The Skills Revolution" gibt es 65 Prozent der Jobs heute noch gar nicht, die diese Generation einmal ausführen wird. Wie lässt sich diese Situation handeln für die jungen Menschen?

Schuknecht: Ich glaube, mit einer guten Grundausbildung in der vorschulischen Phase, in der schulischen Phase, dann in der Berufsausbildung oder in der höheren Ausbildung, der tertiären Ausbildung, Universitätsausbildung … Es gibt gewisse Fähigkeiten, die einfach gelernt werden müssen, damit man später sich auch besser den sich verändernden Bedingungen anpassen kann.

Dazu gehören vor allen Dingen die kognitiven Fähigkeiten. Also die Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturwissenschaften, das sind Grundfähigkeiten, und die kreativ anwenden zu können, die problemlösungsorientiert anwenden zu können, nicht nur einfach auswendig lernen, das gehört sicher auch dazu, aber auch problemlösungsorientiert diese Fähigkeiten anzuwenden, das ist das beste Handwerkszeug, was man den Jugendlichen mitgeben kann.

Darüber hinaus müssen wir uns vielleicht in Zukunft noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir bei uns bestimmte Fähigkeiten stärker fördern wie Kreativität und soziale Kompetenz. Da sind wir, glaube ich, nicht schlecht drin, aber da steckt auch die Forschung erst am Anfang, weil diese Fähigkeiten nicht so gut wegrationalisiert werden können, weil sie nicht Digitalisierung und Automatisierung zum Opfer fallen können, und entsprechend wird die Nachfrage nach diesen Fähigkeiten weiter steigen.

Deswegen gehört, glaube ich, zur Meisterung der Veränderung auch die Zuversicht, denn wir haben die letzten Jahrzehnte einen enormen Wandel gemeistert, wenn man sich das mal überlegt und zurückschaut, 20, 30, 50 Jahre, das ist schon enorm, was sich verändert hat, und wir stehen gut da. Und ich glaube, das ist auch Aufgabe der Gesellschaft und der Politik, dass man sich nicht ins Bockshorn jagen lässt und nicht entmutigen lässt.

Jahn: Wo Sie gerade die Politik ansprechen: Die Bundesregierung arbeitet ja derzeit an einer nationalen Weiterbildungsstrategie.

Schuknecht: Ja.

Jahn: Ende vergangener Woche hat der deutsche Bundesarbeitsminister Hubertus Heil davon gesprochen, dass angesichts der enormen Herausforderungen auch ein möglicher Rechtsanspruch auf Weiterbildung denkbar sei. Ist das der richtige Weg für die Zukunft?

Schuknecht: Es ist sicherlich im Interesse der Unternehmen und der Beschäftigten. Ob man damit ein Weiterbildungsrecht verbinden muss oder ob es andere Wege gibt, da will ich mich im Moment nicht drauf festlegen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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