Dienstag, 29. November 2022

Thomas Pynchon
Ödland des Herzens

Ein neuer, ein ganz früher Thomas Pynchon ist erschienen. In „Sterblichkeit und Erbarmen in Wien“ gerät eine Party aus den Fugen, bis der Tod im Takt dazu wippt. Es ist eine kurze, eindrucksvolle Erzählung, die den Anfang eines großen Werks markiert.

Von Guido Graf | 17.11.2022

Thomas Pynchon: "Sterblichkeit und Erbarmen in Wien"
Das andere Ende der Parabel: Eine bislang unbekannte frühe Erzählung des postmodernen Virtuosen Thomas Pynchon, der bis heute seine Identität zu schützen weiß, zeigt schon die stilistische und motivtechnische Komplexität des späteren Werks. (Jung und Jung Verlag)
Als Thomas Pynchons Kurzgeschichten 1984 in dem Band „Slow Learner“ gesammelt wurden, hat man seine erste unerklärlicherweise ausgelassen. „Sterblichkeit und Barmherzigkeit in Wien“ ist 1959 zuerst erschienen. Zwar erkennt man in dieser Erzählung bereits vieles von dem, was auch die berühmten späteren Romane von Pynchon auszeichnen sollte, doch er selbst sah durchaus die Notwendigkeit, sich von einer bestimmten Art, sehr selbstbewusst auftretender Literarizität in seinen frühen Texten zu distanzieren. Das Urteil des Autors muss man sich allerdings nicht zu eigen machen, denn der Tod, über den Pynchon in diesem Frühwerk schreibt, ist in allen seinen Büchern präsent. Die Komplexität des späteren Werks ist auch hier schon da, aber die Idee des Todes wird doch vergleichsweise zugänglich dargestellt.
Eine Party in Washington, die aus den Fugen gerät und böse endet, gibt das Setting vor. Irving Loon, ein Nachkomme der Ojibwa, eines indianischen Stammes, der im heutigen Kanada ansässig ist, spielt eine entscheidende Rolle. Pynchon erzählt vom „Herz der Finsternis“, das die Ojibwa in sich tragen.
„Sie müssen bedenken, dass diese Gruppe ständig am Rand des Hungertodes lebt. … Von Kindheit auf sind die Ojibwa ans Hungern gewöhnt; die ganze Aufzucht des männlichen Kindes dient nur einem einzigen Zweck: es zu einem großen Jäger zu machen. Nachdruck wird auf isoliertes Alleinsein, Selbstgenügsamkeit gelegt. … Der ojibwa'sche Jäger … fühlt eine Konzentrierung dunkler kosmischem Kräfte gegen sich und ausschließlich gegen sich gerichtet, zynische Terroristen, wilde und amoralische Gottheiten, … welche seine Zerstörung im Sinne.“

Immer wieder Doubles und Dopplungen

In Pynchons späteren Romanen spielt die Suche nach dem blinden Fleck des Todes eine große Rolle. Diese Suche wird auch hier durchgespielt: als Motiv, als Erzählung in der Erzählung, als Reihe von Wortspielen und Anspielungen und immer wieder Doubles, Doppelgänger, doppelte Zuschreibungen.
Die Geschichte handelt von dem jungen Diplomaten Cleanth Siegel, der in der Wohnung von David Lupescu in Washington, D.C. auf eine Party wartet. Siegel kommt vor allen anderen. Lupescu, der zufällig genauso aussieht wie Siegel, nagelt einen Schweinefötus über die Küchentür, bezeichnet Siegel als „Gastgeber“ und verschwindet. Dann kommen die merkwürdigen Gäste. Sie vertrauen sich sogleich Siegel an, als wäre er ihr Beichtvater, eine Rolle, die Lupescu offenbar oft gespielt hatte. Sie verraten ihm Geheimnisse, die er eigentlich nicht hören will.

Ein Skelett aus Eis sprengt die Party

„In der Küche saß ein Pärchen auf dem Spültrog und knutschte; Duckworth, entsetzlich betrunken, lag auf dem Boden und warf mit Pistaziennüssen nach dem Schweinefötus.  … Gespräche von vermeintlich echter Intelligenz waberten mit der falschen Grellheit von Hitzeblitzen durchs Zimmer … Nebst dem Schweinefötus enthielt das Bild der Szene nur noch eine andere wirklich unpassende Note: ein dunkelfarbiger Mensch in zerschlissener Tropenuniform und einem alten Kordmantel, der wie ein Memento Mori in einer Ecke stand, zurückgezogen und melancholisch.“
Die Party läuft immer mehr aus dem Ruder, bis Siegel Irving Loon entdeckt, der neben dem Schweinefötus steht. Seiner Geliebten zufolge leidet Loon an „einer göttlichen Melancholie“. Tatsächlich aber, wie Siegel aus eigener Erfahrung weiß, hat er die Windigo-Psychose, die paranoide Wahnvorstellung, er sei „ein meilenhohes Skelett aus Eis“ und alle Menschen um ihn herum seien „saftige, fette“ Biber.
Siegel weckt das Monster, indem er „Windigo“ in Loons Ohr flüstert, und zieht sich dann in die Küche zurück, um zu warten. Als er sieht, wie sich Loon eines von Lupescus Gewehren nimmt und zu laden beginnt, verlässt er Wohnung und Party.

Der Fixstern des Todes im Pynchon-Universum

Das wachsende Entsetzen, mit dem man diese Geschichte liest, bleibt ein nachhaltiger Schrecken, etwas Unheimliches.
„Das Ödland des Herzens, wo Schatten und einander kreuzende Fäden ungenauer Selbstanalyse und Freud'sche Fallgruben sowie Passagen mit tückischem Licht und täuschender Perspektive einen in jene überhöhte hysterische Reizbarkeit hinauftreiben, wie es bestimmte Alpträume tun.“
Siegel fühlt sich fremd zwischen all den Partygestalten, doch er ist einer von ihnen. Wenn er geht, nimmt er sie mit. Niemand wird erlöst oder gerettet. Auf die Frage nach Siegels Schuld gibt es keine Antwort. Der Horror endet nicht mit der Geschichte, und eben das ist der perfekte Startpunkt, um die vielen schrägen, immer leicht comichaften und doch auch anrührenden Figuren, die ausufernde Genauigkeit in scheinbar nebensächlichen Details, den popkulturellen Anspielungsreichtum, das erbarmungslose Beharren auf den Fixstern des Todes, eben das Erzähluniversum, Thomas Pynchon zu entdecken.
Thomas Pynchon: „Sterblichkeit und Erbarmen in Wien“
Aus dem amerikanischen Englisch von Jürg Laederach
Mit einem Nachwort von Clemens Setz
Jung und Jung Verlag, Salzburg. 64 Seiten, 15 Euro.