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StartseiteHintergrundÖl, Korruption und Aufstand25.04.2007

Öl, Korruption und Aufstand

Die Gründe für den Benzinmangel im Irak

Täglich sterben Menschen im Irak bei Anschlägen. Doch womit finanzieren die Terroristen die Gewalt, die das Land nicht zur Ruhe kommen lässt? In den Ölraffinerien ist Korruption an der Tagesordnung, und das ergaunerte Geld fließt in die Terrornetze.

Von Marc Thörner

Irakische Soldaten bei einer Straßenkontrolle in Bagdad. (AP)
Irakische Soldaten bei einer Straßenkontrolle in Bagdad. (AP)
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Vor einem Dorf im sunnitischen Dreieck, unweit von Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, haben sich Männer aller Altersstufen versammelt. "Mit unserer Seele, mit unserem Blut für dich, Saddam!", skandieren sie. Viele schwenken Bilder mit dem Porträt des Ex-Diktators. Der lokale Stammesführer hat diesen Tag zum Gedenktag für den "ewigen Präsidenten des Irak" erklärt. Aber eigentlich ist das nur ein Anlass, um dem seit langem aufgestauten Zorn Luft zu verschaffen.

"Wir haben so viele Probleme, unzählige! Kein Strom! Und vor allem kein Benzin! Wo bleibt das Benzin?"

Eigentlich sollen die US-Soldaten gemäß der neuen Strategie die Herzen der Menschen für sich gewinnen. Doch auf ihren Patrouillen tönen ihnen die immer gleichen Klagen entgegen:

"Ihr seid die Machthaber im Irak. Wenn ihr wollt, könnt ihr alles ändern. Guckt euch diese Kinder an. Sie frieren abends, es gibt nicht mal Brennstoff, um die Heizer zu betreiben."

Und immer wieder hören die Menschen die gleichen vertröstenden Antworten:

"Ich werde eure Worte meinem Colonel weitermelden."

Seit dem Fall des Saddam-Regimes ist der Benzinbedarf der Iraker stetig gewachsen. Und er wächst weiter, je mehr der irakischen Regierung die Kontrolle entgleitet. Der Strom funktioniert im Irak nur stundenweise, viele Elektrogeräte laufen deshalb mit benzinbetriebenen Generatoren. Frauen und Kindern droht Gefahr, wenn sie sich nur vor die Tür bewegen. Deshalb ist das Autofahren für viele die einzige Chance, sich mit einem gewissen Maß an Sicherheit von A nach B zu bewegen. Doch umso dringender die Menschen Treibstoff brauchen, desto weniger kommt bei ihnen an. Selbst da, wo man das meiste Öl vermutet, verschwindet es oft auf ungeklärte Weise, konstatiert Chris Redmer, ein Beamter im US-Außenministerium.

"Es ist doch ein Witz: Der Irak hat die drittgrößten Ölreserven der Welt, und gerade hier gibt es einen gravierenden Mangel an Benzin."

Knapp drei Millionen Barrel Öl pro Tag förderte der Irak kurz vor dem US-geführten Einmarsch 2003. Ein Musterland für die Region mit Demokratie und blühender Wirtschaft hatte die Regierung Bush den Irakern in Aussicht gestellt. Vier Jahre später produziert das Land deutlich weniger: pro Tag nur zwei Millionen Barrel. Was daraus an Benzin gewonnen wird, versickert zum Großteil, ehe es die Abnehmer erreicht. Wo bleibt das Benzin? Dieser Frage will Chris Redmer auf die Spur kommen, in der Ölraffinerie von Beidschi. Aus Beidschi kommt der Hauptanteil des irakischen Benzins, theoretisch. Denn seit Tagen hat die Raffinerie keinen einzigen Tropfen mehr geliefert.

Begleitet wird der US-Beamte von einer schwerbewaffneten Patrouille der 82. US-Luftlandedivision. Sechs Humvee-Fahrzeuge machen sich zur Abfahrt bereit. Alle mal schnell hinknien zum Gebet, befiehlt der Kommandeur der Einheit, Captain Kuhlmann den zwei Dutzend GIs, bevor es Richtung Beidschi geht, im sunnitischen Dreieck zwischen Bagdad und Kirkuk gelegen, dort wo das Kernland der Saddam-Anhänger ans Kurdengebiet grenzt.

"Herr, beschütze uns, lass die Bomben des Feindes fehlgehen, gib, dass uns seine Kugeln nicht treffen, hilf uns, gute und richtige Entscheidungen zu treffen, halte deine Hände über die Soldaten des dritten Zuges, bring uns alle wieder sicher zurück. Amen."

Gebete aus gutem Grund: Straßenbomben und Landminen stellen zur Zeit die größte Bedrohung der US-Soldaten dar. Während die Technik der Bomben aus dem Iran stammt und sich nach Beobachtung der US-Soldaten von Woche zu Woche verbessert, wurzelt die Unzufriedenheit in der Region. Unter dem Saddam-Regime gehörten die hier lebenden Sunniten zur Elite. Hohe Beamte stellten sie, Stabsoffiziere oder Führungskader in Saddam Husseins Baath-Partei. Dass viele von ihnen mit den Aufständischen sympathisieren, überrascht nicht. Um die ehemaligen Saddam-Anhänger für sich zu gewinnen, wollen die Amerikaner die Angehörigen der einst privilegierten Stämme wieder einbinden. Geschehen ist das schon in einer Reihe von Fällen: Der Gouverneur, der Polizeichef der Salah-ed-Din-Provinz, der Direktor der Ölraffinerie von Beidschi, sie alle sind Keysi, Angehörige des Stammes, der in Saddams Sicherheitsdienst die Führungsoffiziere stellte.

Auch der Werkschutz der Beidschi-Raffinerie, die paramilitärische Oil Protection Force, wird von ehemaligen Offizieren der Saddam-Armee geleitet. Bei den GIs steht die Truppe im denkbar schlechtesten Ruf. Als der Konvoi am Rand der Raffinerie vor dem Hauptquartier der Ölschutztruppe parkt, kann der Corporal, der den US-Beamten Redmer fährt, seine Wut nur mühsam unterdrücken.

"Diese Typen vom Raffinerieschutz lassen sich regelmäßig schmieren, sie öffnen die Tore der Raffinerie für alle, die dafür bezahlen. Dadurch gehen jedes Jahr Millionen verloren. Tanker fahren illegal rein, bunkern Öl und fahren mit der Ware wieder raus."

Umso wichtiger ist es für den US-Beamten Redmer und seinen Begleiter Captain Kuhlmann, sich der Zusammenarbeit Colonel Sabahs, des Kommandeurs der Ölschutztruppe zu versichern, auch er ein Angehöriger von Saddams alter Militärelite. Ihr erster Weg führt die beiden Ölermittler deshalb in Sabahs Büro. Zuerst testen sie dessen Verhältnis zum "neuen Irak" aus. Der Chef der Ölschutztruppe macht keinen Hehl aus seiner Meinung. Die in Bagdad regierenden Schiitenparteien? Alles verkappte Iraner, meint er:

"Schon die Art und Weise, wie diese Leute mit Saddam Hussein umgegangen sind, zeigt ihre Unmenschlichkeit. Das sind Kannibalen ohne den leisesten Respekt vor Menschenwürde. Wenn ich der US-Präsident wäre, dann würde ich im Irak nur mit den Leuten zusammenarbeiten, die ihr Land auch lieben. Man kann von Leuten, die unsere Feinde, die Iraner, uns herschicken, nicht erwarten, dass sie das Land gut regieren. Wenn es den USA wirklich um eine gute Regierung im Irak geht, dann solltet ihr diesen iranischen Abschaum dorthin zurückbefördern, woher er gekommen ist. Nehmt einen Bulldozer und schiebt ihn in den Iran zurück."

Falls die Amerikaner Wert darauf legen, dass er und andere Angehörige der alten Saddam-Elite sie unterstützen, so lässt der Chef der Ölwachen auf diese Weise kaum verhohlen durchblicken, dann müssen sie sich schon ein attraktives Angebot einfallen lassen, ein Schachzug, auf den der US-Beamte Redmer vorbereitet ist. Schließlich liegt es nicht zuletzt an Colonel Sabahs Raffineriewachen, ob man den Benzinklau in den Griff bekommt. Redmer legt seinen Vorschlag auf den Tisch.

"Ich organisiere hier im Auftrag des US-Außenministeriums eine Reihe von Programmen, die Federführung liegt bei der US-Botschaft in Bagdad. Die Sponsoren sind Länder wie Japan und die Europäische Union. Bei diesen Programmen geht es darum, in einigen ausgewählten ländlichen Gemeinden die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln. Das Geld dafür wird von außerhalb des Landes kommen, aber die Leitung des Projekts, die Organisation muss aus der Region selber stammen."

Der Chef der Ölschutztruppe hat verstanden. Ihm kommt eine Idee:

"Ich habe da selber ein brachliegendes Grundstück. Eigentlich könnte ich Geld gut gebrauchen."

"Aber sicher! Dafür ist das Geld ja da"

Die beiden Ölermittler blicken sich verstohlen an: Mit der in Aussicht gestellten Finanzspritze an den Kommandeur haben sie ihn offenbar zur Zusammenarbeit motiviert. Kurz vor dem Abschied macht Captain Kuhlmann noch einmal ganz deutlich, was die Amerikaner sich für den Grundstücksdeal als Gegenleistung erhoffen:

"Ich habe immer offen mit Ihnen gesprochen. Uns geht es um eins, dass die Korruption hier aufhört. Keiner von uns will irgendjemandem Öl wegnehmen, keiner will irgendjemandem Geld stehlen. Alles, was wir wollen, ist, dass die Korruption aufhört, denn Korruption fördert den Aufstand."

Dann geht es weiter, ins Innere der Raffinerie hinein. Der für die Benzinverteilung zuständige Direktor Mr. Taha gehört ebenfalls zur sunnitischen Stammeselite der Saddam-Zeit. Seinen Posten verdankt er der Einbindungspolitik des örtlichen US-Kommandanten. Bisher hat Taha sich aus amerikanischer Sicht als zuverlässig erwiesen. Die Frage, die ihm die beiden Öl-Ermittler, ihm, dem Raffineriedirektor, nun stellen, ist jedoch unmissverständlich: Warum liefert die Raffinerie seit Tagen kein Benzin?

Direktor Taha zuckt die Achseln: Wie solle er Benzin liefern, wenn sunnitische Widerstandsorganisationen die Angestellten und die Lastwagenfahrer mit dem Tod bedrohten? Captain Kuhlmann bohrt mithilfe seines Kompaniedolmetschers nach:

"Heißt das, es kommen keine Tanklastwagen her?"

"Nein, kein einziger Lastwagen ist hergekommen."

"Kein einziger Laster hat hier gestern Benzin aufgenommen?"

"Vom ersten Tag des islamischen Opferfestes bis heute ist kein einziger Laster in die Raffinerie gekommen."

Befriedigt fahren die beiden Ölermittler zurück zur Basis. Sie haben es geschafft, die Interessen des Ölschutztruppen-Kommandeurs mit ihren eigenen zu verknüpfen. Außerdem wissen sie jetzt, weshalb das Benzin nicht kommt, weil Drohungen sunnitischer Terroristen die Auslieferung behindern. Doch da gibt es eine Überraschung.

Auf dem Standstreifen der Autobahn hintereinander aufgereiht steht ein gutes Dutzend Tanklaster. Geschätzter Inhalt:
200.000 bis 300.000 Liter, schwarzmarktwert mehrere zehntausend Dollar. Zwischen Kuhlmann und seinen Unterführern in den anderen Fahrzeugen wechseln Fragen hin und her: Was sind das für Laster? Woher kommen sie? Haben die wirklich Treibstoff geladen? Und wenn ja: Wo haben sie den her?

Captain Kuhlmann hechtet zum Fahrer des ersten Lastwagens. Der zeigt Frachtpapiere mit Stempel und Unterschrift vor, die zeigen, dass die Raffinerie ihm und den anderen Lastern heute mehrere hunderttausend Liter Benzin abgefüllt hat, ein Beleg, der sich gelinde gesagt nicht ganz mit dem Treibstoffmangel in der Provinz in Einklang bringen lässt, noch weniger aber mit Direktor Tahas Angaben deckt, die Raffinerie habe wegen Drohungen Aufständischer seit mehreren Tagen gar kein Benzin ausgegeben. Kuhlmann lächelt sarkastisch.

"Taha muss wissen, was sich hier abspielt. Inwieweit er selber in die Korruption verwickelt ist, das müssen wir noch rausfinden. Als unsere Einheit im September 2006 hier ankam, saß ein anderer auf Tahas Sessel, Taha war die Nummer zwei. Der Zuständige für Benzinverteilung war ein älterer Herr namens Ibrahim Muslim. Wir haben ihn gleich im September festgenommen, weil er 33 Tankern erlaubt hat, in die Raffinerie hereinzufahren und dort illegal Benzin zu tanken. Ich habe keinen Zweifel, dass die Korruption bis ganz nach oben geht. Taha ist kein Waisenknabe. Er weiß, was läuft, er ist seit zwölf Jahren in dem Geschäft. Die Zukunft wird es zeigen."

Tanker und Fahrer stellt der Captain unter Bewachung. Andernfalls, so meint er, führen die mit ihrer Ware schnurstracks nach Syrien oder Jordanien. Dann kommandiert er seine Humvees zur Raffinerie zurück, wo er den Kommandeur der Ölschutztruppe aus dem Büro holt. Kuhlmanns Logik ist einfach: nur die Ölwächter rund um Colonel Sabah, mit dem man doch eben noch über einen besseren Schutz des Öls verhandelt hatte, können dem illegalen Transport das Tor geöffnet haben.

"Erinnern Sie sich noch, was ich Ihnen vorhin gesagt habe: Ich will niemandem sein Geld und niemandem sein Öl wegnehmen. Ich will nur, dass hier die Korruption aufhört. Diese Typen haben das Gesetz gebrochen, und dafür wandern sie jetzt ins Gefängnis."

Mit versteinertem Gesicht muss Colonel Sabah mit ansehen, wie seine Oil Protection Force Mann für Mann in Handschellen gelegt wird. Die Finanzhilfe für sein Grundstück kann er sich abschminken. Die Sache wäre halb so schlimm, meint Ölermittler Redmer, wenn man davon ausgehen könnte, dass der Gewinn aus dem illegalen Benzinverkauf nur in die Taschen der Raffinerieangestellten fließt. Aber die Erfahrung zeige etwas Schlimmeres, zwischen der Ölkorruption und den Straßenbomben gebe es einen Zusammenhang.

"Ein Gutteil des Geldes, das durch Ölkorruption erwirtschaftet wird, endet in den Händen der antiirakischen Kräfte, bei den Angehörigen des alten Regimes, den Ewiggestrigen, die sich mit ihrem Machtverlust nicht abfinden, oder bei denjenigen, die einfach den Westen und die Vereinigten Staaten hassen. Das ist wirklich eine Grauzone. Wir arbeiten noch immer daran zusammenzupuzzeln, über welche Kanäle genau die Verbindungen verlaufen."

Dass viele Leute im sunnitischen Dreieck korrumpierbar sind, hängt auch mit der amerikanischen Politik in der Anfangszeit der Besatzung zusammen. Militärs und Beamte von Saddams Baath-Partei wurden systematisch aus dem Amt gejagt und in die Armut getrieben. Lieutenant Colonel Harris, Kommandeur des bei Tikrit stationierten Bataillons der 82. US-Luftlandedivision, macht keinen Hehl daraus: die Entbaathifizierungspolitik von Ex-Verteidigungsminister Rumsfeld hält er für einen schweren Fehler:

"Wenn Sie sich dann jemanden vorstellen, der keinen Job hat, aber fünf Kinder, und der seit drei Tagen kein Essen mehr nach Hause bringen konnte und der keine Lösung findet, wie er Geld verdienen kann und ein Typ kommt zu ihm und sagt: Hey, ich geb dir 200 Dollar, wenn du diese Landmine auf dieser Straße da versteckst, dann macht er das. Ist er ein Terrorist? Nein. Er versucht seine Familie zu ernähren."

Hat die US-Armee mit ihrer Aktion tatsächlich ein paar Verantwortliche für den Benzinklau dingfest gemacht? Oder hat sie am Ende nur neue Aggressionen losgetreten, ohne die Ursachen der Korruption wirklich zu beheben? Verlassen kann man sich am Ende dieses Tages nur auf eines: Die Bomben gehen weiter hoch. Bei der Einfahrt in den Stützpunkt bietet sich ein grausiges Bild: schon wieder eine Straßenbombe, ein verbogener und durchlöcherter Nissan-Pickup der irakischen Armee, die Fahrerkabine voller Blut. Soeben sind die Iraker auf eine der vielen Straßenbomben gefahren. Sie hatten keine Chance, ihr Gefährt war nicht gepanzert.

Die Überlebenden, eine Handvoll junger Kurden in neuen beige-gecheckten Kampfuniformen, haben den verbeulten Nissan an einem Wachturm vorbei bis vor die Einfahrt des US-Stützpunkts bugsiert. Jetzt stehen sie apathisch darum herum und rauchen. Ein US-Lieutenant sieht sich die Sache an.

"Sie sind mit einem ungepanzerten Pickup-Truck gefahren. Das Ding ist voller Löcher. Auf dem Rücksitz liegt eine kugelsichere Schutzweste, völlig mit Blut durchtränkt, zwei Tote, ein Verletzter, einer von den normalen Angriffen. Diese Jungs haben einfach nicht genügend Ausrüstung, Sie haben auch Humvees wie wir, aber eben nicht genügend. Sind ziemlich tapfer, fahren einfach in solchen Pickup-Trucks heraus, ohne vorher lange nachzudenken."

Die schlechte Ausrüstung der irakischen Soldaten hat ihren Grund: Immer, wenn die US-Armee ihnen modernes Material geliefert hat, ist es bei den Aufständischen gelandet. Und die zahlen oft mit dem Geld aus der Benzinkorruption.

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