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Ölförderung in der Nordsee
Aberdeen leidet unter sinkendem Ölpreis

Im schottischen Aberdeen spüren die Menschen besonders, dass das Öl an den Märkten immer weniger wert ist. Tausende Jobs haben die Konzerne bereits gestrichen, und es ist kein Ende der Misere in Sicht.

Von Stephanie Pieper | 27.01.2016

    Blick auf den Industriehafen von Aberdeen (Schottland) mit zahlreichen Tanks, aufgenommen am 13.04.2014
    Industriehafen von Aberdeen mit zahlreichen Tanks. (picture alliance / dpa - Teresa Dapp)
    Mit dem Hubschrauber geht's zu den Ölbohrplattformen in der Nordsee: Erst zwei Wochen arbeiten auf hoher See, dann drei Wochen frei an Land - das ist der Rhythmus der meisten Offshore-Arbeiter. Wenn sie nach getaner Arbeit zurückkehren, und bevor es nach Hause geht, treffen sie sich im Pub auf ein Pint.
    Aber auch hier, im "Spider Web" in Aberdeen, ist die Stimmung momentan getrübt, erzählt Norman Fraser, der auf einer Plattform arbeitet. Alle sorgen sich, ob sie morgen noch einen Job haben, die Familie versorgen und den Hauskredit abbezahlen können. Denn die Konzerne drehen an der Kostenschraube, wollen die harten Schichten auf See verlängern, stoppen Investitionen. Weil die Beschäftigten sparen, sinken bereits die Hauspreise, und es werden weniger Autos verkauft, sagt Norman.
    Weitere Kürzungen sind geplant
    Zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren. Viele Beschäftigte der Branche müssen zittern: Öl-Multis von BP bis Shell haben bereits Tausende Stellen in der Nordsee gestrichen, weitere Kürzungen sind geplant, und die Zulieferer ziehen nach. Seit Jahresbeginn ist kein Tag vergangen, an dem Tommy Campbell von der Branchen-Gewerkschaft Unite kein Meeting in Aberdeen hatte, in dem es nicht um weitere Entlassungen ging.
    Die Ölförderung in der stürmischen Nordsee mit ihren schwierigen Bedingungen rechnet sich nur dann, wenn ein Fass Rohöl der Sorte Brent rund 60 US-Dollar kostet - und nicht, wie jetzt, nur um die 30 Dollar, nur die Hälfte, erklärt Alexander Kemp, Professor für Energiewirtschaft an der Uni Aberdeen:
    "Die Produktionskosten hier sind sehr hoch, noch dazu haben wir viele alte Ölfelder mit nur noch geringer Ausbeute - und die Plattformen zu betreiben, ist teuer. Eine Reihe von Projekten haben die Konzerne auf Eis gelegt."
    Für regen Verkehr im Hafen von Aberdeen sorgten bis vor Kurzem noch die Zubringerschiffe - wie die von James Roberts, der Equipment zu den Bohrplattformen transportiert. Aber nun ist die Krise auch hier sichtbar, sagt der Reeder:
    "Man spürt, dass es deutlich ruhiger ist als noch vor sechs Monaten. Der Hafen ist fast leer, etliche Liegeplätze sind verwaist, weil nicht mehr so viele Schiffe ein- und auslaufen."
    Einst eine Boomtown
    Dabei war Aberdeen jahrzehntelang eine Boomtown: Hier herrschte Goldgräberstimmung, hier lebten die schottischen Öl-Millionäre, hier waren die Immobilien fast so teuer wie in London. Jetzt aber, nach dem Ölpreis-Verfall, befindet sich die Stadt im Niedergang, sagt Öl-Arbeiter Roy Bruce:
    "Man spürt das überall: am Flughafen, in den Hotels, Pubs, Restaurants und in den Geschäften. Es ist einfach nicht mehr so viel los wie früher."
    Mehrere Bohrplattformen haben die Öl-Konzerne bereits außer Betrieb genommen, ein gutes Dutzend lagert in einem kleinen Hafen in der Nähe von Inverness. Wie jeder Abschwung hat aber auch dieser seine Profiteure: Manche Firmen verdienen nun daran, die Plattformen stillzulegen und zu demontieren.