
Vorsichtig parkt Heinz Kumpf seinen LKW rückwärts in die schmale Einfahrt zwischen zwei winzigen Häusern in Sutor. In dem einen wohnen die Lakatosovas. Im Vorgarten stehen Blumen, vom Wind zerzaust, im Hinterhof stützen sich Bretterbuden gegenseitig, Plastikbehälter stapeln sich. Hier leben Menschen, die alles aufbewahren, was vielleicht noch zu gebrauchen ist. Der Dreieinhalbtonner steht. "Direkthilfe Roma" ist darauf zu lesen, Heinz Kumpf steigt aus. Der Vorsitzende des Hilfsvereins aus Wien will mit seiner Dolmetscherin hier heute Gurken abholen. Saure Gurken.
Die Mutter, Edith Lakatosova, ist zur Stelle. Sie schlägt eine blaue Plastikplane an einem der Schuppen zur Seite. Hier lagert die Ernte dieses Jahres. Gurken im Glas, in flachen Kartons:
"Sie haben viel Arbeit mit den Gurken; Säen, hacken, abnehmen; gießen."
Das meiste hänge an ihr, erzählt Edith Lakatosova auf Ungarisch weiter; sie sieht angespannt und müde aus. Ihre Söhne helfen, die Gurken zum LKW zu schleppen, kräftige junge Männer Mitte 20 in Gummistiefeln und Arbeitswesten. Keiner von beiden hat eine Ausbildung. Die ganze Familie lebt von Sozialhilfe.
LKW mit sauren Gurken
Die Jungs bringen noch weitere Gläser zur Rampe, jetzt aus dem Hühnerstall auf dem schlammigen Hof. Heinz Kumpf möchte verkosten. Er wählt ein Glas aus einem der Kartons.
- Heinz Kumpf: "Ja, super, die sind gut! Echt gut, gell?"
Dolmetscherin: "Sie achtet darauf, dass sie das Rezept einhalten und dass sie die erforderliche Menge ins Glas kommt, nicht mehr, nicht weniger."
- Heinz Kumpf: "Das ist gut, wirklich gut."
Dolmetscherin: "Sie achtet darauf, dass sie das Rezept einhalten und dass sie die erforderliche Menge ins Glas kommt, nicht mehr, nicht weniger."
- Heinz Kumpf: "Das ist gut, wirklich gut."

Edtih Lakatosova atmet spürbar auf. Sie sieht viel jünger aus, wenn sie lächelt. Das Gurkengeld helfe der Familie sehr. 1.000 Gläser pro Saison bedeuteten 1.000 Euro für sie. Davon könnten sie ihr Dach reparieren, erzählt die Mutter. Sie will, dass auch ihre Söhne Gurkenproduzenten werden. Momentan vertreibt Heinz Kumpf mit einer Handvoll Mitstreitern 21.000 Gläser Gurken von 21 Roma-Familien aus der Ost-Slowakei. Tendenz steigend.
"Das Schöne ist, dass du direkt einen Effekt hast. Du musst nicht wahnsinnig viele Probleme auf die Seite räumen, damit sie das richtig machen können. Es ist etwas, das sie kennen und ich bin total happy, dass das so funktioniert."
Gurken einmachen hat in der Slowakei Tradition. Heinz Kumpf hat das durch Zufall entdeckt, auf einem seiner Hilfstransporte, bei einem der Dorf-Bürgermeister. Er hat damals sofort gefragt, ob der eine Familie kenne, die 2.000 Gläser Gurken herstellen könnte. Der Bürgermeister kannte eine und innerhalb von vier Monaten hatte der Verein die Gurken in Wien unter die Leute gebracht, gegen eine Mindestspende. Das war der Anfang des Gurkenprojekts.
Saure Gurken stoßen Prozesse an
Maria Lakatosova, Ediths Schwägerin, wohnt ein paar Häuser weiter in Sutor. Sie ist im fünften Jahr dabei. Auch hier nimmt Heinz Kumpf an der Laderampe eine Kostprobe.
- Heinz Kumpf: "Hm, die sind genauso gut wie von der Schwägerin. Wirklich genau gleich und genau so soll es sein, das ist perfekt."
Das war es, der LKW ist voll beladen. Heinz Kumpf macht sich mit der Fracht auf den Rückweg nach Wien:
"Der Effekt ist, dass umverteilt wird. Es wird von Österreich und Deutschland zu den Roma in der Slowakei umverteilt. Und dann entsteht von unten eine Strukturänderung. Weil sie investieren natürlich in ihre Häuser zuerst. Und sie sparen was. Und dann investieren sie vielleicht in zwei, drei, vier fünf, zehn Jahren in ihre Kinder, dass vielleicht doch der ein oder andere auf die Uni kommt oder eine höhere Schule. Das ist aber ein Prozess, der aus sich selbst entwickelt, das ist der Reiz daran."
Er schaut zufrieden in den Rückspiegel. In vier Wochen wird sich wieder ein Kollege der "Direkthilfe Roma" auf den Weg in die Slowakei machen; neue Gurken holen.
