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StartseiteSonntagsspaziergangDie Wege der Bibelschmuggler 03.09.2017

Österreichische AlpenDie Wege der Bibelschmuggler

Über 100 Jahre war Österreich auch protestantisch, bis die katholischen Habsburger mit harter Hand die Gegenreformation betrieben. Für das Volk hieß das: Auswandern oder den katholischen Glauben annehmen. Viele blieben heimlich evangelisch und ließen sich von Bibelschmugglern beliefern - aus Deutschland.

Von Klaus Lockschen

Alpenblick in der Steiermark (imago / Peter Widmann)
Der Bischof wurde beauftragt, die Steiermark wieder katholisch zu machen (imago / Peter Widmann)
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"Es sind die Bibeln mit den Bergleuten aus Sachsen und Thüringen hier in diesen Raum gekommen. In den Schladminger Tauern wurden Silber und Kupfer abgebaut, und mit diesen Bergleuten aus Thüringen und Sachsen, also aus der Heimat Luthers, wurden diese Bibeln hier verbreitet und haben natürlich reißenden Absatz gefunden, nicht zuletzt deshalb, weil ja die Bibel in Deutsch war. Und es konnte schon damals jeder halbwegs Gebildete die Heilige Schrift lesen."

Gebets- und Gesangbücher waren ebenfalls heiß begehrt, erklärt Heinz Prugger, Urgestein der steirischen Gemeinde Ramsau. Und weil der Raum Hallstadt/Aussee sprichwörtlich die Salzkammer Österreichs ist, ging von hier das weiße Gold zusammen mit den Büchern im Gepäck auf alten Handelswegen weiter Richtung Süden bis nach Slowenien und Triest.

Das alpenländische Volk wird so mit rasantem Tempo von der lutherischen Lehre mitgerissen, zumal auch niederer Klerus und adelige Grundherren zahlreich zum Protestantismus übertreten. Binnen weniger Jahrzehnte ist die Bevölkerung fast vollständig evangelisch. Knapp 100 Jahre steht das Luthertum in Österreich dann in Blüte. Zum Leidwesen der erzkatholischen Habsburger Landesfürsten. Als sich ganze Klöster zur lutherischen Lehre bekennen, reicht es dem Herrscherhaus. Eine systematische Gegenreformation gegen das vermeintlich Ketzerische nimmt schnell Fahrt auf, blickt Ulrike Eichmeyer, die Leiterin des evangelischen Museums im oberösterreichischen Rutzenmoos, zurück.

"1620 ungefähr durfte dann eigentlich niemand mehr sich damit offiziell befassen. Der Satz: katholisch werden, oder das Land verlassen, war gang und gäbe in dieser Zeit."

"Viele konvertieren nach außen"

Bischof Brenner, vom Volk Ketzerhammer genannt, wird beauftragt, mit 300 Landsknechten die Steiermark und Kärnten wieder katholisch zu machen. Evangelische Pfarrer werden des Landes verwiesen, Kirchen und Friedhöfe zerstört, Bücher verbrannt. Unter Druck konvertieren viele wieder und leisten ihren Eid auf den katholischen Glauben. Diejenigen, die sich nicht unterwerfen wollen, müssen auswandern. Zigtausende verlassen das Land. 

"Es gibt viele Städte, besonders Steyr, wo eigentlich nur mehr drei Häuser bewohnt waren, weil alle gegangen sind. Wirtschaftlicher Niedergang der Städte war es. Nur die Bauern konnten schwer gehen."

Viele entscheiden sich für einen dritten Weg: Sie konvertieren nach außen, bleiben insgeheim jedoch evangelisch. Diakon und Bergwanderführer Robert Graimann:

"Wenn der evangelische Gottesdienst meistens einmal in der Woche gehalten wurde am Hof, das war schon eine verschworene Gemeinschaft. Aber das war dann oft so, dass man das in einer dunklen Stube im Hof gehalten hat, damit man nach außen ja nix mitteilt, da ist irgendwas Besonderes los. Oder vielleicht sogar irgendwo im Wald, wo sicher niemand anderer das beobachten konnte. Also, man hat das wirklich im Geheimen gemacht."

Mit Geheimzeichen zu Gottesdiensten verabreden

Am sichersten geschieht das in der Abgeschiedenheit der Berge. Im Salzkammergut etwa in der 1.600 Meter hoch gelegenen Kalmooskirche, kein Sakralbau, sondern eine Felsenhöhle, zu der die Bauern nördlich des mächtigen Dachsteins aus Gosau und Goisern in mehrstündigen Märschen zur Andacht aufbrechen. Südlich des 3000er Massivs werden bei Ramsau geheime Gottesdienste in einer Felsenformation mit dem bezeichnenden Namen Predigtstuhl gefeiert. Heinz Prugger weist auf die schroffe Felswand.

"Das ist ein sehr steiler Hang, also sehr schwieriger Zugang, und man hat vor allem oben alles überschauen können. Hinten die mächtigen Dachstein-Südwände, da war sowieso praktisch gefahrloses Gelände, und vorne hat man die ganze Ramsau und das ganze Ennstal wunderbar überblicken können.Oben ist dann eine Steinformation ähnlich eines Altars, wo früher eben die Vorfahren, der Vortragende erhöht wie auf einer Kanzel praktisch die Bibel lesen konnte, und rundherum waren die Zuhörer etwas tiefer. Und diesen Predigtstuhl, also da kann man jetzt noch wunderbar sehen und sich auch hineindenken, wie das früher eventuell abgelaufen ist."

Regional verabredet man sich auch mit Geheimzeichen zu den Gottesdiensten. Ulrike Eichmeyer:

"Da hat´s gegeben einen oberösterreichischen Dialekt: das hoamliche Geläut. Also man hat sich heimlich verständigt nur mit Läuten von Schellen, wo man sich trifft. Einmal läuten hat bedeutet in etwa beim Nachbarn oder in einer Höhle oder wie immer. Nur mit Läuten hat man sich ohne Worte verständigt, um ja nicht aufzufallen."

Besonders im 18. Jahrhundert unter Maria Theresia verschärft sich die Verfolgung weiter. Wer als Protestant ertappt wird, dem drohen Umerziehungslager, Kerker oder Deportation ans Ende des Reiches. Etwa nach Siebenbürgen, eine von der Pest stark entvölkerte Gegend.

"In Österreich wird ja heuer Maria Theresia sehr groß gefeiert. Wir sagen: sie war eine Herrscherin ohne Gnade. Sie hat keine Rücksicht genommen auf familiäre Verhältnisse. Man musste gehen. Und das Tragische war auch, dass dann auch teilweise die Kinder zurückbehalten wurden, die nicht mitgehen durften mit den Eltern."

Ortswechsel nahe Villach:

"Wir sind hier an einem ganz besonderen Ort in Kärnten: in der Einöde. Das Wort Einöde kommt nit von ungefähr, weil dort ist eigentlich die Grenze, wo man damals noch unter doch Gefahren, aber immerhin im Verborgenen evangelisch sein konnte. Eine Stelle, die ist von engen Felsen links und rechts umgeben, und genau an dieser Stelle trauten sich die Kommissäre und die Kontrolleure nicht weiter hinein, denn sie wussten, drinnen sind die wehrhaften Bauern, die wehrhaften Evangelischen, und da könnte ihnen etwas passieren."

Sorge, enttarnt zu werden

Durch dieses Nadelöhr hatte sich Bischof Brenner also nicht getraut. Wir schon und machen uns dahinter auf in das Seitental nach Arriach, vor der Gegenreformation eine Gemeinde mit über 90 Prozent evangelischen Bewohnern. Nahe dem Waldrand wandern wir auf schmalen Hohlwegen. Der 50-Jährige berichtet von Überlieferungen über einen Arriacher Bibelschmuggler namens Josef, der auf seinen Wegen häufig in den abgelegenen, ärmlichen Baracken der Bergleute Quartier nahm, um aus der Bibel vorzulesen.

"Und dann ist er am nächsten Tag weitergezogen und die Knappen sind guten Mutes und mit Hoffnung in der Seele zurückgeblieben."

Jahrhunderte alte, sonnengegerbte Bauernhäuser liegen versprengt inmitten saftig-grüner Hangwiesen. Einige wohl schon zu Reformationszeiten bewohnt und hie und da sicher auch eine jahrhundertealte Hausbibel darin.

"Dieser Weg ist viele, viele hunderte Jahre begangen gewesen. Das ist der Weg, der vom unteren Ort in den oberen Ort geführt hat, weiter auf die Alm und von der Alm wieder runter in den nächsten Ort. Heute würde man sagen: die Gemeindestraße, wo Menschen mit in Verbindung waren. Und genau auf diesen Gemeindestraßen sind die Bibelschmuggler auch unterwegs gewesen. Also grad, wo mir jetzt gehen, das hat man das Gefühl, dass da der Josef, von dem ich früher geredet hab oder viele andere mit ihrem Pferd, meistens haben sie Pferde gehabt als Tragtiere mit allen möglichen Waren, die sie von Norden nach Süden mitgenommen haben und der Bibel unten drin im Gepäck. Wenn man jetzt Augen zu macht, genau hinhört, hört man vielleicht noch das Knatschen der Fußsohlen und das Wiehern des Pferdes."

Auch wenn die Razzien durch die Obrigkeit in den Seitentälern und Gebirgsgegenden nicht so rigoros ausfielen wie in den Städten – die Sorge, enttarnt zu werden, war immer da. Das galt für die Bibelschmuggler, das galt aber auch für daheim.

Zwei Kühe für eine Bibel

"Die Bibeln zu verstecken, war eine besondere Herausforderung. Die wurde insofern gelöst, dass es in den Wirtschaftsgebäuden, also den Ställen ganz raffinierte Verstecke gegeben hat. In den gezimmerten Bäumen und Dachkonstruktionen wurden da mit verschiedenen Verschachtelungen diese Bibeln versteckt, aber auch im Stall unter dem Vieh, Viehständen, in den Futtertrögen usw. Da hat man sich viele Dinge einfallen lassen, um möglichst eben den Strafen, der Situation zu entgehen, dass die Bibeln praktisch weggenommen und verbrannt würden."

Zudem hatte eine deutsche Bibel damals den Wert von zwei Kühen. Über sieben, acht Generationen wurde der Glaube im Geheimen gelebt. Nach dem Tod Maria Theresias wehte 1781 endlich ein anderer Wind, erklärt die Villacher Stadtführerin Lisbeth Stampfer.

"Ihr Nachfolger, eines ihrer 16 Kinder, Joseph II., ging als Toleranzkaiser in die Geschichte ein, denn er erließ das sogenannte Toleranzpatent. Durch dieses Patent war es wieder erlaubt, evangelisch zu sein. Aber noch nicht sehr großzügig. Die Protestanten durften damals keine Kirchen bauen, also nur Bethäuser. Ohne Glocken, ohne Turm, es durfte kein Eingang zur Straße ersichtlich sein."

500 Seelen oder 100 Familien mussten sich zum evangelischen Glauben bekennen, um eine dieser Toleranzgemeinden gründen zu dürfen. Über 100.000 Personen ließen sich umgehend als Protestanten eintragen, und schnell bildeten sich fast 50 Gemeinden.

"Die haben alle diesen evangelischen Glauben über Jahrhunderte in ihrem Herzen und auf ihren geheimen Gottesdienstplätzen mit sich getragen, um dann zum Stichtag sagen zu können: ja, wir sind evangelisch."

1861 sichert Kaiser Franz-Josef I. schließlich die volle Gleichberechtigung zu. Auch heute ist die Bevölkerung in den Regionen um die Toleranzgemeinden und Bibelschmugglerpfade mehrheitlich protestantisch. Nur vier Prozent sind es im österreichischen Schnitt.

Wer zum Jakobsweg, dem Highway europäischer Pilgermassen, eine evangelisch-alpine und ruhige Alternative sucht, der ist hier auf dem Weg des Buches wohl gut unterwegs. Von der bayerischen Grenze bei Passau bis zur slowenischen bei Arnoldstein auf 500 Kilometern mal in beschaulicher, oft in atemberaubender Landschaft.

"Über die Berge – mit Aussichten, die bis zum Horizont gehen, die mit einem Weg im Tal nicht zu vergleichen ist."

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