Samstag, 25. Juni 2022

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Offener Brief gegen Düsseldorfer Ausstellung
"Denkfaulheit verstellt den Blick auf die Qualität der Frauen"

Viele Künstler, kaum Künstlerinnen: Das kritisieren Kulturschaffende in einem Offenen Brief an der Düsseldorfer Ausstellung "Im Zweifel für den Zweifel". Kunstkritik-Professor Jörg Heiser hat ihn unterzeichnet. Die Arbeiten von Frauen werden hier "schlicht und ergreifend ignoriert", sagte er im Dlf.

Jörg Heiser im Gespräch mit Maja Ellmenreich | 26.09.2018

Porträt von Jörg Heiser
Jörg Heiser in einer Aufnahme aus dem Jahr 2008 (dpa / Karlheinz Schindler)
Maja Ellmenreich: Allen im Kulturbetrieb – unabhängig vom Geschlecht – müsse dasselbe Recht auf Öffentlichkeit zugestanden werden. Das ist eine Aussage, ein Satz, dem zweifelsohne viele Kulturschaffende und -interessierte unwidersprochen zustimmen werden.
Über 800 haben diesen Satz jetzt unterschrieben – er steht in einem offenen Brief, der eine internationale Gruppenausstellung in Düsseldorf kritisiert. "Im Zweifel für den Zweifel" heißt sie, thematisiert "die Macht konspirativer Erzählungen" und ist derzeit im NRW Forum in Düsseldorf zu sehen. Die teils prominenten Unterzeichner – Künstlerinnen und Kuratoren, Museumsdirektorinnen und Kunsttheoretiker – sie klagen in dem Brief eine kuratorische Praxis an, die sich auf Kunstwerke weißer Männer konzentriere und damit Werke anderer Künstlerinnen und Künstler marginalisiere. Auch Jörg Heiser hat diesen Brief unterschrieben, er ist Professor für Kunsttheorie und Kunstkritik an der Universität der Künste in Berlin – mit ihm habe ich vor der Sendung gesprochen.
Sie schreiben in Ihrem offenen Brief – ich raffe den Satz ein bisschen: Die Düsseldorfer Ausstellung sei nicht die erste und nicht die letzte Ausstellung, in die es durch die vermeintliche Qualität ihrer Arbeit fast nur weiße Männer geschafft hätten. Wenn es nicht die erste war und auch nicht die letzte sein wird, Herr Heiser, warum üben Sie dann ausgerechnet an dieser einen Ausstellung so vehemente Kritik?
Jörg Heiser: Ich habe den Brief ja nicht formuliert, sondern, wie Sie es richtig gesagt haben, ich bin einer der vielen hundert Unterzeichnenden. Dennoch kann ich den Brief in weiten, wenn nicht allen Teilen tatsächlich unterschreiben, weil er ein systematisches Problem beschreibt, nicht nur ein einmalig zufälliges, wo einmal aus Versehen irgendwie eine Ausstellung zusammengestellt wird, wo man am Ende sagt: Ups, nur eine Frau. Und dann haben dann die Kuratoren nach der Kritik noch eine Künstlerin nachnominiert(*), nämlich Suzanne Treister. Es ist offenbar etwas, was auch einem System zugrunde liegt, weil in den Jahren zuvor schon mehrere Ausstellungen stattfanden, in denen ausschließlich Männer gezeigt wurden. Es hat eine gewisse Kontinuität, und was ja auch in dem Brief zitiert wird ist ein Austausch zwischen dem österreichischen Künstler Oliver Laric, der für 2016 eine Teilnahme abgesagt hatte, und dem Direktor des NRW-Forums Alain Bieber, in dem dieser – ich zitiere – sagt, dass Alter, Gender, Sexualität, Nationalität für ihn keine Rolle spielten und er sich nur "die Qualität und Relevanz der Arbeiten anschaue". Und wenn Oliver Laric ihm Tipps geben könne zu weiblichen Künstlern, die "zu dem Thema bessere Arbeiten als ihre männlichen Pendants realisiert haben", dann würde er auch "eine Ausstellung ausschließlich mit Frauen" kuratieren. Da fällt mir die Kinnlade runter!
"Die Denkfaulheit verstellt den Blick"
Ellmenreich: Besteht aber nicht auch die Gefahr, dass der Blick auf die Diversität den Blick auf die Qualität der Arbeit verstellt?
Heiser: Nein, es ist genau umgekehrt. Die Denkfaulheit verstellt den Blick auf die Qualität der zahlreichen Frauen und Künstler nicht weißer, nicht deutscher, nicht männlicher Identität, die gerade zu dem Thema – es geht ja in der Ausstellung um Verschwörungstheorien – gearbeitet haben. Sie werden schlicht und ergreifend ignoriert. Einige der Unterzeichnerinnen haben ja auch zahlreiche Künstlerinnen aufgezählt, die sehr wohl zu diesem Thema sehr relevante Arbeiten gemacht haben, und die sind auch weithin bekannt. Suzanne Treister, die jetzt noch schnell nachnominiert(**) wurde, die war gerade letztes Jahr im Haus der Kulturen der Welt mit einer Arbeit vertreten, wo es um CIA und Verschwörungen ging.
"Durchaus ein Bewusstsein um diese Fragen"
Ellmenreich: Ihnen geht es, wenn ich Sie richtig verstehe, um eine heftige Kritik an der Denkweise und an der Arbeitsweise des Kurators Alain Bieber, der stellvertretend steht für eine noch immer vorherrschende Meinung und Vorgehensweise? Denn Sie greifen ja nicht nur diese eine Ausstellung an, sondern auch Berufungsverfahren, Konferenzen, Jurys. Es geht Ihnen um ein generelles Umdenken?
Heiser: Mir persönlich geht es erst mal darum festzustellen, dass es eigentlich tendenziell in der Kunst allgemein durchaus ein Bewusstsein um diese Fragen gibt und dass schon seit den 70er-Jahren die Guerrilla Girls in New York mit ihren Plakaten darauf hingewiesen haben, dass in Museen und Kunsthallen und auch in den Privatgalerien zu stark eine Männerdominanz fortgeschrieben wird. Daran hat sich Gott sei Dank einiges in den letzten Jahren geändert. Und wenn dann so eine Ausstellung kommt, wo man sich praktisch 20, 30 Jahre zurückversetzt fühlt, dann fällt das auch wieder auf, und das ist vielleicht eine neue Entwicklung, mit der die Kuratoren auch erst mal sich bekannt machen müssen, dass das jetzt nicht mehr unwidersprochen bleibt, so wie es vielleicht vor 20, 30 Jahren noch war.
"Es ist möglich, in Gruppenausstellungen beides unter einen Hut zu bringen"
Ellmenreich: Würde im Zweifelsfall bei Ihnen auch ein weißer Mann als Künstler rausfallen, weil Sie genauso gut das Werk einer dunkelhäutigen Künstlerin finden?
Heiser: Ja. Das ist aber eine Situation, die so in der Realität gar nicht besteht. Es ist ja nicht so, dass ich sagen muss, ich nehme jetzt entweder diesen Künstler oder diese Künstlerin, sondern es ist möglich, in großen Gruppenausstellungen beides unter einen Hut zu bringen. Man kann natürlich auch nicht Anspruch erheben, immer allen gerecht zu werden, aber niemandem gerecht zu werden mit dem Argument, ja tut mir leid, mir sind halt nur weiße männliche Künstler eingefallen, ist, glaube ich, ein ziemlich schwaches Argument.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(*) (**) Anmerkung der Redaktion: Das NRW-Forum teilt hierzu mit, dass Frau Treister bereits im Juni 2017 ihre Zusage zur Ausstellung erklärt habe, sie somit nicht "nachnominiert" wurde.