
Offshore-Windenergie ist ein zentraler Baustein der deutschen Energiewende. Aktuell werden rund 10 Gigawatt Leistung jährlich erzeugt. Bis 2030 sollen 30 Gigawatt Leistung vor den Küsten installiert sein, bis 2045 sogar 70 Gigawatt.
Doch die Branche steckt in der Krise: Im Jahr 2023 haben Konzerne noch Milliarden geboten, um Flächen mit Offshore-Windanlagen bebauen zu dürfen. Die Ausschreibung im August 2025 endete ohne einen einzigen Bieter. Die diesjährige Auktion wurde auf 2027 verschoben. Laut einem Bericht der Tagesschau, wollen die beiden fossilen Konzerne TotalEnergies und Jera Nex BP ihre Projektrechte wegen gesunkener Renditeerwartungen nun sogar zurückgeben. Ein Scheitern des Offshore-Ausbaus wäre für die deutsche Energiewende ein massiver Rückschlag.
Große Player dominieren den Offshore-Markt
Vor den deutschen Küsten drehen sich Windräder mit rund 10 Gigawatt Leistung. Zu den wichtigsten Betreibern der bereits installierten Parks zählen Ørsted, RWE, Vattenfall, EnBW und Iberdrola. Zwischen 2023 und 2025 hat die Bundesnetzagentur weitere 16 Gigawatt versteigert. Den größten Anteil davon hält das französische Unternehmen TotalEnergies mit 7,5 Gigawatt. Dahinter folgt das Joint Venture Jera Nex BP, eine Ausgründung des britischen Ölkonzerns BP. Sowohl TotalEnergies als auch BP zählen zu den größten Ölkonzernen der Welt.
Beide Konzerne haben bislang nur Projektrechte ersteigert und in Deutschland noch kein Windrad in Betrieb. Dennoch bezeichnet sich TotalEnergies auf seiner Website schon jetzt als „einen der größten Entwickler von Offshore-Windparks in Deutschland.” Gut möglich jedoch, dass der Konzern diesen Anspruch längst aufgegeben hat.
Unterschiede zwischen Offshore und Onshore
Offshore-Windenergie meint Windkraftanlagen, die auf dem Meer stehen. Bei Onshore-Windenergie stehen die Anlagen hingegen auf dem Festland. Die Branchen sind strukturell sehr unterschiedlich. Bei der Windenergie an Land wird die Energiewende von vielen Akteuren getragen: Neben großen Unternehmen sind das Bürgerenergie-Genossenschaften, Stadtwerke und auch Privatpersonen. Im Offshore-Geschäft sind die Eintrittshürden höher, weil ein einzelner Windpark Milliarden kostet.
Offshore-Windenergie meint Windkraftanlagen, die auf dem Meer stehen. Bei Onshore-Windenergie stehen die Anlagen hingegen auf dem Festland. Die Branchen sind strukturell sehr unterschiedlich. Bei der Windenergie an Land wird die Energiewende von vielen Akteuren getragen: Neben großen Unternehmen sind das Bürgerenergie-Genossenschaften, Stadtwerke und auch Privatpersonen. Im Offshore-Geschäft sind die Eintrittshürden höher, weil ein einzelner Windpark Milliarden kostet.
Neue ökonomische Lage könnte Ölkonzerne zum Rückzug bewegen
Die Rahmenbedingungen, unter denen TotalEnergies und BP für die Baurechte geboten hatten, haben sich gedreht. Zinsen sind gestiegen, Stahl ist teurer geworden, die Strompreise sind gefallen, der Netzausbau hinkt hinterher. Hinzu kommen neue sicherheitspolitische Herausforderungen in Nord- und Ostsee durch den Ukrainekrieg.
Dementsprechend haben Konzerne in späteren Auktionen um Baurechte von Offshore-Windanlagen auch deutlich weniger geboten. Die Flächen, für die 2023 noch viele Milliarden geboten wurden, müssten nun also unter erschwerten Bedingungen realisiert werden. Brancheninsider sagen, TotalEnergies habe sich 2023 massiv verschätzt. Das deutsche Ausbauziel von 30 Gigawatt bis 2030 gilt in der Branche bereits als nicht mehr erreichbar. Das könnte auch die Wertschöpfungskette mit mehreren Tausend Mitarbeitern in Gefahr bringen.
Nach dem Bericht der "Tagesschau" will TotalEnergies auf den erworbenen Flächen auch gar nicht mehr bauen. Stattdessen plane der Konzern die Flächen zu verkaufen. Ob und wie das gelingt, ist offen. Für die Energiewende würde der Rückzieher eine massive Verzögerung bedeuten. Eine Verzögerung, die ein Ölkonzern herbeigeführt hätte.
Dass allein TotalEnergies Flächen mit potenziell 7,5 Gigawatt hält, ohne eine Investitionsentscheidung getroffen zu haben, sei ein Klumpenrisiko, meint Andreas Mummert von der Stiftung Offshore-Windenergie. „Wenn ein Unternehmen eine Projektpipeline hat, die fast so groß ist wie das, was in 15 Jahren an Offshore-Projekten gebaut wurde, dann bedeutet das eine maximale Risikokonzentration.“ Dementsprechend groß ist die Verhandlungsmacht von TotalEnergies und Jera Nex BP in der aktuellen Situation.
TotalEnergies dementiert die Rückgabeabsicht. „Wir sind weiter an der Entwicklung der gesamten 7,5 GW interessiert“, sagte Konzernsprecher Burkhard Reuss zu "Table.Briefings". Ein „Farm-Down“, also der Verkauf von Anteilen an Partner, sei nicht ausgeschlossen. Auch Stefan Kansy, Geschäftsführer der Offshore-Sparte, sagte: „Niemand bietet Milliarden in Auktionen, wenn er nicht an die Wirtschaftlichkeit der Projekte glauben würde.“
Ein Sprecher von Jera Nex BP sagte der Zeitung “Die Welt”, man prüfe mehrere Optionen. Laut des Rechercheverbunds aus "Norddeutschem Rundfunk" ("NDR") und „Süddeutscher Zeitung" ("SZ") sind die Büros von Jera Nex BP in Berlin und Hamburg Brancheninsidern zufolge allerdings bereits in Auflösung.
Fossile Konzerne setzen weiter primär auf fossile Energien
Viele große Öl- und Gasunternehmen haben ihre Ambitionen im Bereich Erneuerbare zurückgefahren. Im Februar 2025 erklärte der damalige BP-Chef Murray Auchincloss, sein Unternehmen sei beim Abschied von fossilen Energien zu weit gegangen - und läutete einen Rückbau der erneuerbaren Sparte ein.
Bei TotalEnergies ist das Bild weniger eindeutig. Der Konzern spricht offiziell von einer “Multi-Energy-Strategie" und investiert nach eigenen Angaben rund vier Milliarden Dollar jährlich in Erneuerbare. Gleichzeitig fließen zwei Drittel der Gesamtinvestitionen weiter in Öl und Gas. Parallel baut TotalEnergies das fossile Kerngeschäft aus, häufig in autokratisch regierten Staaten - und sieht sich mehreren Strafanzeigen ausgesetzt. Im März 2026 unterschrieb TotalEnergies-Chef Patrick Pouyanné einen Deal mit der Trump-Regierung: Das Unternehmen zieht sich aus US-Offshore-Wind-Projekten heraus, erhält bereits gezahlte Gelder zurück und investiert diese stattdessen in ein LNG-Projekt in Texas.
Im Oktober 2025 hat ein Pariser Gericht TotalEnergies wegen Irreführung von Verbrauchern verurteilt: Eine Werbekampagne hatte Klimaneutralität bis 2050 versprochen – bei gleichzeitigem Ausbau der Ölproduktion.
Eine Studie der Universitat Autònoma de Barcelona vom Oktober 2025 kam zu dem Schluss, dass bei den 250 größten Öl- und Gaskonzernen der Welt erneuerbare Energien nur 0,1 Prozent der Primärenergieproduktion ausmachen. Studienleiter Marcel Llavero-Pasquina nennt den Einsatz Erneuerbarer durch Öl- und Gasunternehmen „bestenfalls anekdotisch“.
Ist die Energiewende in Gefahr?
Die gesetzlich festgeschriebenen Ausbauziele halten viele Beobachter schon länger für unrealistisch: In den nächsten vier Jahren, bis 2030, müsste doppelt so viel Leistung installiert werden wie in den vergangenen 15 Jahren. Sollten sich TotalEnergies und JeraNex BP tatsächlich aus ihren Offshore-Projekten zurückziehen, würde das den Ausbau auf See noch einmal um Jahre zurückwerfen. Der Branchenverband Windenergie Offshore (BWO) warnt vor einem Verlust von Aufträgen in Höhe von 50 Milliarden Euro entlang der Wertschöpfungskette.
Der auf See erzeugte grüne Strom gilt als kostengünstiger Industriestrom. Andreas Mummert von der Stiftung Offshore-Windenergie: “Wenn der Offshore-Ausbau scheitert, dann haben wir keine gute Antwort darauf, woher die Grünstrommengen für unsere Industrie kommen sollen. Es hat massive Implikationen für den Industriestandort Deutschland." Zudem dürften die Strompreise insgesamt steigen: 90 Prozent der Auktionserlöse waren laut Rechercheverbund aus "NDR" und "SZ" als Deckel für die Netzentgelte verplant.
Die Branche drängt auf Regeländerungen, um Blockaden zu verhindern
Der Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) setzt sich für einen gesetzlich geregelten Mechanismus ein, der eine freiwillige Rückgabe von Flächen und eine schnelle Neuausschreibung ermöglichen soll. Die Konzerne sollen dann nicht erneut auf dieselben Flächen bieten dürfen. Brancheninsider berichten, dass damit vor allem einer möglichen Blockadehaltung der beiden Unternehmen entgegen gewirkt werden soll.
Das Bundeswirtschaftsministerium teilte auf Anfrage des Rechercheverbunds von "NDR" und „SZ“ mit, das Wind-See-Gesetz sehe keine Rückgabe vor. Hielten die Konzerne ihre Realisierungsfristen nicht ein, müsse die Bundesnetzagentur die Zuschläge widerrufen, frühestens im Herbst 2027. Die Flächen blieben bis dahin blockiert.
Bereits im April hatten TotalEnergies und Jera Nex BP selbst einen Vorschlag eingebracht. Auf Basis einer von ihnen beauftragten Studie des Fraunhofer-Instituts für Windenergiesysteme (IWES) fordern sie eine Streckung des Ausbaus um 16 Jahre. Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer IWES sagte dem NDR dazu: „Der Re-Order-Plan führt zu einem deutlichen Einbruch der Offshore-Windenergieerträge in der deutschen Nordsee insgesamt.“

















