Sonntag, 26. Juni 2022

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"Ohne Menschen auf der Straße ändert sich hier nichts"

Für den Blogger Philip Rizk nimmt das Internet zwar eine wichtige Rolle bei den Protesten in Ägypten ein, aber die Demonstrationen auf den Strapen sind unerlässlich. Der Deutsch-Ägypter schneidet auch aus Filmaufnahmen Dokumentationen, die er auf dem Tahrir-Platz vorführt.

Philip Rizk im Gespräch mit Jörg-Christian Schillmöller | 08.02.2012

Philip Rizk: Von dem System (her) hat sich eigentlich wenig verändert. Die Leute haben sich verändert. Es gibt diese Proteststimme und -stimmung auf der Straße, aber vom System her haben sich nur die Namen verändert. Es gibt jetzt ein paar neue Leute an der Macht. Die Generäle, die jetzt an der Macht sind, nehmen die gleiche Stellung (ein) wie Mubarak und versuchen im Moment, so viel wie möglich aus dieser Situation heraus zu gewinnen.

Jörg-Christian Schillmöller: In Interviews wehren Sie sich gegen das Wort "uns", weil sie sagen, dieses "wir", das gibt es so gar nicht. Wer sind denn die Akteure?

Rizk: Es gibt nicht unbedingt Akteure, wenn ich sage ‚uns’. Ich rede von Aktivisten, die mitmachen. Aber wir sind nicht die Hauptakteure, sondern wir machen einfach mit, genauso wie andere Leute. Das ‚uns’ auf der Straße ist jetzt viel größer geworden. Das sind Leute aus allen Schichten, jüngere Leute, ältere Leute, es sind auch Straßenkinder dabei. Es ist eine riesige Gruppe, und es gibt wirklich keine Anführer, es gibt niemanden, der richtig die Entscheidungen trifft.

Schillmöller: Ist das gut oder schlecht?

Rizk: Ich glaube, es ist sehr gut, weil – was oft passiert in Ägypten, die Strategie, die die Regierung benutzt hat, ist – sobald es Leiter gibt, dann nehmen sie die ins Gespräch und verhandeln mit denen, und dann ist es fertig mit Demonstrationen.

Schillmöller: Welche Erfahrungen haben Sie mit Repression von Seiten des Staates gemacht?

Rizk: Bei einer Demonstration Anfang 2009 nach dem israelischen Angriff auf den Gazastreifen wurde ich von der Staatssicherheit entführt von so einer Demonstration. Ich wurde vier Tage festgehalten und vier Tage lang ausgefragt, ich hatte Handschellen an, Augen verbunden, und niemand wusste, wo ich war. Es war eine schlimme Erfahrung, aber in Ägypten ist das wirklich eine alltägliche Sache. Es werden andauernd Leute, früher und auch jetzt, (Leute) entführt von der Polizei oder dem Militär, entführt, zusammengeschlagen, ausgefragt, gefoltert usw.

Schillmöller: Welche Rolle spielt das aus westlicher Sicht sehr wichtige Internet? Hat es diese Bedeutung aus Ihrer Sicht in Ägypten gehabt?

Rizk: Das Internet ist wichtig, es spielt eine Rolle, aber ohne Menschen auf der Straße ändert sich hier nichts, und ohne ein Risiko einzugehen, ohne Massen, diese kritische Masse auf der Straße, kann man im Internet jahrelang kritisieren und protestieren, das hat überhaupt gar keine Bedeutung. Und eine Sache, die das klar macht, ist: in Ägypten gibt es keine Zensur im Internet. Man kann im Internet schreiben, was man will, was man in den Zeitungen nicht schreiben kann zum Beispiel und im Fernsehen werden auch die Videos nicht gezeigt, die im Internet gezeigt werden.

Schillmöller: Wieso gibt es keine Zensur im Internet?

Rizk: Weil die Regierung keine Angst hat. Es ist eine Minderheit, die im Internet ist. Und darum ist es für Aktivisten wie mich wichtig, dass wir Informationen nicht nur im Internet verbreiten, sondern dass wir das auch auf die Straße kriegen.

Schillmöller: Wie kriegen Sie das auf die Straße? Wie verbreiten Sie Ihre Informationen?

Rizk: Also ich bin zum Beispiel Regisseur und mache Filme darüber, was im Moment passiert. Also wenn es einen Angriff gibt, dann führe ich Interviews mit Leuten, die vom Militär angegriffen wurden, zusammengeschlagen wurden, angeschossen wurden, oder Leute, die entführt und gefoltert wurden und stelle die Interviews ins Internet. Oder ich filme bei solchen (Protesten und) Demonstrationen mit. Viele Leute sehen das nie. Man kann sich das im Internet umsonst angucken, aber wir haben in der letzten Zeit angefangen, die Videos auch auf der Straße zu zeigen. Das heißt besonders auf dem Tahrir-Platz, wenn es wirklich große Demonstrationen gibt. Viele Leute kommen ja nur zum gucken und zum fragen und rauszufinden was läuft hier. Besonders am Freitag, am Freitag hat man keine Arbeit, keine Schule, und dann kommen die Leute und schauen sich das an. Und wenn da Videos laufen, dann gibt es richtige Diskussionen danach. Wir haben letztens angefangen, auch CDs zu verteilen nach so einem Screening auf der Straße, damit die Leute das auch mitnehmen können und zuhause zeigen, oder in der Schule oder an der Uni.

Schillmöller: Wer besitzt eigentlich Handys in Ägypten?

Rizk: Ein Handy hat fast jeder in Ägypten. Viele Leute haben keinen Rechner zuhause, und das bedeutet, das Handy ist (darum) umso wichtiger. Und das ist auch eine andere Form, die wir benutzt haben: Videos aus dem Internet runterladen zu können, das kann man von einer Internetseite runterladen und dann von Handy zu Handy über Bluetooth verteilen.

Schillmöller: Weil das nicht so leicht abgehört werden kann?

Rizk: Das kann nicht abgehört werden (und), ist umsonst. Viele Leute gehen nicht ins Internet, weil es teuer ist. Und das reicht Leuten (dann) aus. Die Bildqualität ist nicht gut, aber man kriegt mit, was da passiert, und das ist für uns eine wichtige Form, Informationen zu verteilen.

Schillmöller: Wer hat Sie bei Ihren Demonstrationen von Seiten der ägyptischen Kultur unterstützt: Es gibt ja viele berühmte Popsänger Amr Diab, Mohamed Mounir, die seit vielen Jahren, auch unter Mubarak, in Ägypten erfolgreich sind – haben Sie von dieser Seite aus in den letzen Monaten Unterstützung erfahren?

Rizk: Überhaupt nicht. Die wurden zum Teil als sie auf dem Tahrir-Platz angekommen sind von den Leuten verscheucht, weil sie immer so eine Pro-Mubarak-Stellung (ein)genommen haben. Das sind eher andere Untergrundsänger wie Amr Haha zum Beispiel, die gegen das Regime auch singen und sehr populär auf der Straße sind, die so was unterstützen. Es gibt auch ein paar Sänger, die aus diesem Protest heraus (hoch)gekommen sind wie Ramy Essam zum Beispiel, der andauernd am Tahrir-Platz singt und bei jeder Demonstration seine Gitarre dabei hat.

Schillmöller: Wenn wir mal in die Zukunft blicken: Wozu demonstrieren Sie eigentlich jetzt noch?

Rizk: Für genau das Gleiche, für das wir in 2011 demonstriert haben. Wir wollen, dass sich etwas ändert am System und wir wollen, dass die Generäle die Macht verlassen. Wir wollen, dass jeder Ägypter und jede Ägypterin auch etwas zu sagen hat, wie das Land geführt wird. Wir wollen nicht, dass einfach ein Regime mit einem anderen ersetzt wird und alles bleibt, so wie es war. Aber ich stelle mir auch nicht vor, dass wir bald aufhören mit dem Demonstrieren. Wir müssen weiterhin auch so unsere Stimme äußern, weil wir sie sonst nicht an die, die regieren, kommunizieren können.

Schillmöller: Können Sie sich vorstellen, selbst eine Funktion zu übernehmen in einem zukünftigen Ägypten?

Rizk: Überhaupt nicht. Ich demonstriere lieber. Ich versuche lieber, Kritik auszuüben und eine Alternative darzustellen. Aber eine offizielle Rolle zu spielen, hab ich noch nie gewollt.

Schillmöller: Wie sehen Sie die Rolle der sogenannten westlichen Medien? Haben Sie das verfolgt? Finden Sie, dass die Unruhen in Ägypten gut abgebildet wurden, hier bei uns?

Rizk: Also da habe ich viel zu sagen. Was für mich sehr kritisch ist, das ist, dass so, wie soll ich sagen, Modelldemokratien wie in Europa und Amerika die Ägypter unterstützt haben - ganz kurz bevor und nach dem Absturz von Mubarak - und seitdem hören wir fast gar nichts mehr. Und die Generäle kaufen die Waffen aus dem Westen und es wird nichts gesagt und es wird nichts getan.

Schillmöller: Haben Sie das Gefühl, dass deutsche Kultur-Einrichtungen wie das Goethe-Institut mit der Tahrir-Lounge und die zuletzt viel diskutierte Konrad-Adenauer-Stiftung – die ja zeitweise geschlossen wurde – dass die ihre Arbeit dann besser machen, mehr in Ihrem Sinne auch?

Rizk: Ich finde es ganz gut, dass sie so einen Raum anbieten, dass wir uns da treffen können. Das ist zum Teil geschützt, wir können dort zum Teil auch Sachen sagen, die man sonst nicht in der Öffentlichkeit sagen kann, aber das reicht nicht aus. Das ist so wie Hilfsarbeit, zum Beispiel, wenn man einem Land Millionen oder von Milliarden von Hilfsgeldern gibt, es aber zur gleichen Zeit durch die Wirtschaft das Land ausbeutet, dann hat das wenig zu bedeuten. Und so eine kulturelle Unterstützung finde ich wichtig, aber es könnte noch viel, viel mehr sein.

Schillmöller: Was habe ich vergessen zu fragen, was Sie noch ansprechen wollten?

Rizk: Ich glaube es ist sehr wichtig, für deutsche und europäische Zuhörer zu denken, welche Rolle sie in diesem Konflikt spielen. Es geht nämlich nicht nur um Demonstranten, die gegen ein ägyptisches Regime kämpfen, sondern die Lebenszustände in Ägypten sind wirklich unmöglich geworden. Und das hat viel mit Politik zu tun - und diese Politik kommt zum Großteil auch durch europäische und amerikanische Institutionen wie die IWF und die Europäische Investment-Bank. Und ich glaube es ist sehr wichtig, dass Europäer darüber nachdenken, warum Leute dort demonstrieren. Es ist nicht nur, weil Mubarak so regiert hat, wie er regiert hat, sondern, weil er auch unterstützt wurde. Er wurde jahrelang von Deutschland unterstützt, von der deutschen Regierung, und in Deutschland wusste man ganz genau, was dort passiert, tagtäglich. Aber von deutscher Sicht und europäischer Sicht glaube ich war die Meinung, dass, um Ägypten stabil zu halten, muss das so weiter gehen. Und es ist völlig egal, ob es Demokratie ist oder nicht Demokratie, ob es Menschenrechte gibt oder nicht. Das muss jedem Deutschen klar sein.


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