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StartseiteKalenderblattOhne Prozess getötet16.07.2008

Ohne Prozess getötet

Der letzte russische Zar wurde vor 90 Jahren in Jekaterinburg erschossen

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 wurde in Jekaterinburg der letzte russische Zar Nikolaus II. erschossen. Nicht einmal seine Kinder wurden von den Bolschewiken geschont: die ganze Sippe des mächtigen Autokraten sollte ausgerottet werden. In einem halbdunklen Keller im Ural wurde das Ende der Dynastie der Romanows besiegelt- einer Dynastie, die über 300 Jahre das Russische Reich beherrscht hatte.

Von Juri Silvestrow

Lenin meinte im Jahr 1918, ein Prozess gegen Nikolaus II. sei nicht mehr ratsam. (AP Archiv)
Lenin meinte im Jahr 1918, ein Prozess gegen Nikolaus II. sei nicht mehr ratsam. (AP Archiv)

Der Beginn des neuen Jahrhunderts war für den russischen Zaren Nikolaus II. durch eine Reihe von Krisen überschattet. Im Volk regte sich Widerstand gegen den Polizeistaat und die absolute Alleinherrschaft des Monarchen. Arbeiter- und Bauernaufstände, die Revolution von 1905, der verlorene Krieg gegen Japan und schließlich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten seine Machtposition erheblich geschwächt.

Im Februar 1917 häuften sich die Proteste in St. Petersburg. Der Unmut über fehlende Lebensmittel und soziale Not führte zu Streiks in den Fabriken, die Armee schloss sich den Demonstranten an. Im gleichen Monat musste der Zar abdanken. Eine provisorische Regierung übernahm die Macht. Wladimir Gontschar, Historiker aus Kiew, über das Schicksal des letzten russischen Zaren:

"Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Machthaber war die Inhaftierung der Zarenfamilie im Alexanderpalast nicht weit von der Hauptstadt. Seine Ehefrau - sie kam übrigens aus Hessen -, seine fünf Kinder sowie einige Diener wurden unter Hausarrest gestellt. Da sie sich nicht frei bewegen durften, vertrieben sie sich die Zeit vor allem mit Lesen und Spaziergängen im Garten."

Doch im August 1917 änderte sich die Situation. Aufgebrachte Bolschewiki wollten den Palast erstürmen und den Zaren töten. Um ihn zu schützen und die Lage in St. Petersburg zu entschärfen, beschloss die Regierung, Nikolaus II. mit Familie und Gefolge zu verbannen. Ein Zug mit der Aufschrift "Japanische Rotkreuz-Mission" brachte ihn - von über 300 Soldaten begleitet - nach Tobolsk in Sibirien.

Acht Monate später sollte er Tobolsk wieder verlassen: die Bolschewiki hatten beschlossen, ihn vor Gericht zu stellen und hinzurichten. Der Prozess sollte in Moskau, der neuen Hauptstadt von Sowjetrussland, stattfinden. Der Weg führte über Jekaterinburg im Ural. Hier beschlagnahmten die Bolschewiken als Zwischenunterkunft das Haus des Ingenieurs Ipatjew, das sie in "Haus für Sonderzwecke" umbenannten. Rund um das Gebäude wurde ein mannshoher Bretterzaun errichtet, die Fenster wurden mit weißer Farbe bestrichen. Streng bewacht und von der Außenwelt völlig isoliert, wartete die Zarenfamilie auf die Weiterreise.

Doch zum Schauprozess in Moskau ist es nicht gekommen. Jekaterinburg wurde zum letzten Refugium des Zaren.

"Damals wurde die Weiße Garde in der Gegend um Jekaterinburg aktiv. Da die Bolschewiki den Weißen keine Symbolfigur für eine etwaige Konterrevolution überlassen wollten, wählten sie ein anderes Schicksal für den Zaren. Also fiel in Moskau die Entscheidung, die Zarenfamilie sofort hinzurichten. Lenin meinte, ein Prozess gegen Nikolaus II. sei nicht mehr ratsam. Da die Weißen Jekaterinburg einkesselten, wollten die Bolschewiki schnell reagieren. Jakow Jurowski, der Kommandant des Ipatjew-Hauses, sollte die Hinrichtung vollziehen."

An diesem verhängnisvollen Abend des 16. Juli 1918 gingen die Romanows und ihr Gefolge wie gewöhnlich um 22.30 Uhr zu Bett. Um Mitternacht wurden sie geweckt. Unter dem Vorwand, dass die Weiße Armee angriff und das Haus beschoss, sollten sie im Keller Schutz suchen. Der Zar, Frau und Kinder, drei Diener und der Leibarzt folgten dem Befehl. Dort sollten sie sich in zwei Reihen aufstellen - die Familie vorne, hinten das Gefolge. Angeblich für ein Foto. Moskau hätte das so verlangt, weil es Gerüchte gäbe über eine angebliche Flucht. Dann rückte das Erschießungskommando an. Kommandant Jurowski, die rechte Hand in der Hosentasche, las das Todesurteil vor. Beim letzten Wort zog er die Pistole und schoss. Die Zarin und ihre Tochter Olga wollten sich gerade noch bekreuzigen - vergebens. Die Soldaten eröffneten das Feuer.

Gegen 1.00 Uhr nachts wurden die Leichen in den Hof getragen und auf einen LKW geladen. Eine der Töchter schrie noch einmal auf - nicht alle Gefangenen waren getötet worden. Damit niemand die Schüsse vernehmen konnte, erstachen die Bolschewiki die letzten mit Bajonetten.

Die Leichen verscharrten sie, ausgeraubt und entkleidet, in einem Waldstück. In der Presse erschien am 20. Juli eine offizielle Mitteilung:

Entsprechend der Verfügung des Exekutivkomitees der Uraler Arbeiter-, Bauern- und Soldatensowjets wurde der ehemalige Zar und Alleinherrscher Nikolaus Romanow am 17. Juli 1918 erschossen. Die Leiche wurde zum Begräbnis freigegeben.

Achtzig Jahre danach wurden die sterblichen Überreste des Zaren und seiner Angehörigen in St. Petersburg in der Peter- und Pauls-Kathedrale beigesetzt. Im Jahr 2000 hat die orthodoxe Kirche die ganze Familie aufgrund ihres Märtyrertodes heilig gesprochen. An der Stelle, wo früher das sogenannte "Haus für Sonderzwecke" stand, wurde eine Kirche errichtet.

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