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Ohne Sprache keine Kultur

Vor Jahrzehnten wurden Kinder in Wales noch geprügelt, wenn sie in der Schule Walisisch sprachen. Das hat sich inzwischen geändert. Wales hat eine eigene Provinzregierung, die Sprache wird gefördert. Trotzdem zeigt die letzte Volkszählung einen Rückgang.

Von Martin Alioth |
    BBC Radio Cymru sendet selbstverständlich auf Walisisch. Doch es steht nicht zum Besten mit der Sprache der brythonischen Barden Taliesin und Aneirin aus dem sechsten Jahrhundert. Die Resultate der Volkszählung von 2011 haben ergeben, dass der Anteil der Sprachkundigen selbst im Kernland der Provinz Carmarthenshire erstmals unter die Hälfte gesunken ist.

    Für den pensionierten Lehrer Geraint Roberts steht viel auf dem Spiel: Das Gedächtnis der Nation würde den Verlust der Sprache nicht überdauern. Ohne die Sprache verschwinde alles. Und so versammelten sich unmittelbar nach Bekanntwerden der unerwünschten Statistik ein paar hundert Besorgte in Carmarthen. Der Protest richtet sich allerdings nicht gegen einen identifizierbaren Feind. Das Treffen von Gleichgesinnten dient eher der gegenseitigen Ermutigung.

    Für Aneirin Karadog, einen Dichter und Rapper, der passenderweise nach dem uralten Barden heißt, der vor anderthalb Jahrtausenden demselben Gewerbe nachging, geht es um existenzielle Fragen:

    Ohne die Sprache sei er nicht der, der er angeblich sei. Er wolle eine Art Gelübde ablegen, die Sprache im Alltag zu pflegen und andere in der Gegend ermuntern, dasselbe zu tun. Denn: Ohne die Sprache verschwinde die walisische Kultur. Die Lyrik brauche die Sprache, um zu blühen.

    An der Begeisterung der Anwesenden ist nicht zu zweifeln. Ffred Ffransis, der seit fast einem halben Jahrhundert für seine Sprache kämpft, hat einen unsichtbaren Feind ausgemacht. Sprache und Kultur machten die walisische Identität aus. Und die sei bedroht. Nicht von Pistolen oder Bajonetten, sondern vom System. Was meint er genau mit dem System? Das kleine Wales lebe im Schatten des übermächtigen Englands, und Englisch sei die Sprache des globalen Kapitalismus.

    Mittlerweile kann nur noch knapp jeder Fünfte Bewohner von Wales die Sprache, weniger als 15 Prozent behaupten, das Walisische fließend zu beherrschen. Der Anwalt Martin Hopwood bringt die Lage auf den Punkt: Die Forderungen der Aktivisten aus den 60er- und 70er-Jahren seien weitgehend erfüllt, Behörden, die Polizei, die Medien böten alle einen zweisprachigen Service an. Umso enttäuschter seien die Aktivisten und wohl auch die Behörden über den jüngsten Rückgang unter den Sprachmächtigen.

    Die Ansichten über die Hintergründe dieser Entwicklung gehen weit auseinander. Sicher ist nur, dass die Sprache zwar immer noch weit gesünder ist als ihre Schwestern in Irland und Schottland, aber ihr Überleben ist mittelfristig keineswegs garantiert.