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StartseiteKulturfragen"Der soziale Kitt bröckelt"01.07.2018

Oliver Nachtwey über die unfriedlliche Demokratie"Der soziale Kitt bröckelt"

In den europäischen Gesellschaften geht es ruppig zu. Sozialer Aufstieg ist nicht mehr selbstverständlich. Angst vor Abstieg führe zu neuen autoritären Einstellungen, sagte der Soziologe Oliver Nachtwey im Dlf.

Oliver Nachtwey im Gespräch mit Michael Köhler

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Der Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey (Oliver Nachtwey)
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In den liberalen Gesellschaften erleben wir gerade wie die Idee des Wohlfahrtsstaates unter Bedingungen von Digitalisierung, Migration, demographischem Wandel, Globalisierung Veränderung der Arbeitswelt in die Krise kommt. Das begünstigt autoritäre Einstellungen. Der Basler Soziologieprofessor Oliver Nachtwey sagt, "wir erleben eine Krise des Wohlfahrtsstaates, nämlich der Idee der sozialen Integration für alle, die in einem Land leben". "Wir erleben auch einen Verfall der politischen Kultur, der politischen Sprache", wenn Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von "Asyltouristen" spricht. Darin liege eine rassistische Abwertung von Flüchtlingen durch eine autoritäre Geste.

Italiens Innenminister Matteo Salvini in einer Ferhsehdiskussion in Rom vor einem Bildschirm mit Schlauchboot und Flüchtingen, Juni 2018 (imago stock&people / Samantha Zucchi)Italiens Innenminister Matteo Salvini in einer Ferhsehdiskussion in Rom, Juni 2018 (imago stock&people / Samantha Zucchi)

Oliver Nachtwey spricht in diesem Zusammenhang von "Entzivilisierung", weil die Werte und Verhaltensweisen, die wir uns mühselig in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anerzogen haben, nun erodieren. "Da bröckelt wirklich der Kitt", so Nachtwey.

Als Gründe nannte er die Abstiegsängste der Menschen. Es ist nicht nur eine soziale Bedrohung. Wir sind selber Teil des Problems und müssten es sein. Weil wir nämlich nicht mehr in der Nähe unseres Wohnortes arbeiten und leben, müssen wir flexibel sein, zwischen Orten pendeln, Strecken zurücklegen. Nie sind mehr Menschen gependelt über große Strecken. Vereinsamung, mangelnde Pflege der älter werdenden Eltern, Beziehungs- und Umweltprobleme würden dadurch größer.

Die Sozialdemokratie habe einen positiven Anteil daran, die alte Gesellschaft modernisiert zu haben. Die alten klassengesellschaftlichen Milieus waren nicht schön. Diese Modernisierung hat ein höheres Maß an Wahlfreiheit und Individualisierung hervorgebracht. Darin liege zugleich der Zwang zur Individualisierung.

Der Markt ist der neue Gott

Die alte Gesellschaft war nicht weniger autoritär. Sie war anders autoritär. Erziehung, Bildung und Geschlechterrollen waren autoritär. Kindheit, Familienverhältnisse und Schule waren autoritär. Und das habe autoritäre Einstellungen damals hervorgebracht und fortgesetzt. Das hat sich geändert. Erziehung und Unternehmen sind liberaler geworden. Die Faktoren von damals sind weggefallen.

Der Markt wirkte befreiend. Man konnte einen Beruf und das eigene Leben wählen und der Herkunft entkommen. Aber der Markt hat auch einen Doppelcharakter. Der Markt ist der heimliche Gott. Das ist die neue Autorität. Der stumme Gott stehe hinter uns und richte uns.

Das ist der "sekundäre Autoritarismus" über den Markt vermittelt. Die Angst vor dem Scheitern produziert Wut und autoritäre Einstellungen.

In der alten Gesellschaft war der Chef oder der Unternehmer schuld. Das eigene Milieu fing einen auf. In der individuellen Gesellschaft ist jeder nur selbst verantwortlich. Auch für Misserfolg ist man verantwortlich. Die solidarischen Milieus fehlen. Das führe zu Aggression, zu "Trolling" und Entzivilisierung.

Rolltrepe nach unten

Die alte Gesellschaft hatte - bildlich gesprochen - Rolltreppen, die nach unten und nach oben fuhr. Der Wohlstandszugewinn ist heute aber nicht mehr selbstverständlich. In den unteren Etagen fährt die Rolltreppe nicht mehr nur nach oben. Die Menschen steigen zwar nicht ab. Ihr Eindruck ist aber, dass die Menschen auf einer nach unten fahren Rolltreppe nach oben rennen müssen. Die Konkurrenzsituation wird größer. In diese Repräsentationslücke stoßen die neuen rechtspopulistischen Parteien. Sie werden funktional Arbeiterparteien und predigen Sozialprotektionismus. Die Unzufriedenheit mit der liberalen Demokratie wachse auf gefährliche Weise und die die Gesellschaften werden seit dreißig Jahren zunehmend ungleicher.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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