Samstag, 02. Juli 2022

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Olympia-Sperre russischer Athleten
"Hier ist lange viel versäumt worden"

Der Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, hält den Ausschluss der gesamten russischen Leichtathletik-Mannschaft von den Olympischen Spielen für richtig. Verbände wie das IOC seien immer sehr lässig mit der Doping-Frage umgegangen. "Das hätte alles viel früher geschehen können", betonte Tröger im DLF.

Walther Tröger im Gespräch mit Rainer Brandes | 21.07.2016

Der ehemalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger
Russlands Vorwurf, die Sperre russischer Leichtahtleten sei ein abgekartetes Spiel aufgrund der weltpolitischen Lage, hält der ehemalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger, für haltlos. (dpa/picture alliance/Oliver Berg)
Rainer Brandes: Das hat es noch nicht gegeben. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hat heute entschieden: Der Ausschluss der gesamten russischen Leichtathletik-Mannschaft von den Olympischen Spielen ist rechtens. Jetzt kommt das Internationale Olympische Komitee unter Zugzwang, denn es könnte jetzt alle russischen Athleten ausschließen.
Dass dieses Urteil über den Sport hinaus politische Bedeutung hat, das kann man an den russischen Reaktionen ablesen, denn die russische Regierung, sie hält das Ganze für ein abgekartetes Spiel unter Führung der USA.
Ich möchte darüber jetzt mit Walther Tröger sprechen. Er war jahrzehntelang im Nationalen Olympischen Komitee tätig, zehn Jahre lang als Präsident und ist immer noch deren Ehrenpräsident. Guten Abend!
Walther Tröger: Guten Abend!
Brandes: Erst mal trifft es ja nur die Leichtathleten. Aber muss das Internationale Olympische Komitee jetzt die gesamte russische Olympiamannschaft ausschließen?
Tröger: Das muss man sehen, was es muss. Es muss gar nichts. Das IOC ist ja frei in der Sache. Ich will nur eins klar machen ...
"Die Sperre gilt auch für andere Wettkämpfe"
Brandes: Aber sollte es?
Tröger: Ich will nur eins klar machen: Die Entscheidung der IAAF betrifft ja nicht nur die Olympischen Spiele, sondern das ist eine Sperre, die auch für andere Wettkämpfe gilt, und die ist nur logisch, denn wenn ein angeschlossener Verband, der russische Leichtathletik-Verband durch Tun oder Lassen seine Verpflichtungen gegenüber den Regeln, gegenüber dem internationalen Verband nicht ordentlich behandelt, dann können Maßnahmen getroffen werden, und die Sperre ist eine solche.
Brandes: Die finden Sie auch richtig in dieser Schärfe?
Tröger: Absolut!
Brandes: Nun ist ja Staatsdoping, dieser Vorwurf betrifft ja nicht nur die Leichtathletik, sondern die gesamte russische Sportwelt. Noch mal die Frage: Müsste jetzt die gesamte Mannschaft ausgeschlossen werden?
Tröger: Das ist eine schwierige Frage insofern, als die internationalen Verbände nicht so wie die IAAF reagiert haben. Ich glaube, außer dem Gewichtheber-Verband. Das IOC muss nun eine Entscheidung treffen. Es kann ja theoretisch sogar gegen die Entscheidungen der IAAF votieren, aber das, glaube ich, wird es nicht tun.
Brandes: Gegen die Leichtathletik?
Tröger: Gegen die Leichtathletik. Wozu hätte man sonst den CAS. Das IOC wird genau abwägen müssen. Es gibt ja immer noch die Unschuldsvermutung. Aber hier in diesem Fall ist, wie ich meine, zurecht ausgesetzt worden, denn alles, was die Sportler betrifft, was die Verbände in Russland betrifft, ist ja - deswegen habe ich vorhin schon gesagt Tun oder Lassen - sanktioniert worden, sanktioniert jetzt in einem an sich positiven Sinne, geduldet worden durch die Politik in Russland.
Und das ist etwas, wogegen man sich wehren können müsste, und hier gibt es das Hauptproblem, dass jedermann weiß, wenn ein Sportler sich gegen so eine Doping-Anweisung wehrt, dann kann er gleich seine Karriere vergessen. Ich bin sehr gespannt, wie das IOC entscheidet, aber es wird wohl diese Frage auch mit den anderen Verbänden, die betroffen sind, noch einmal klären müssen von heute bis Sonntag, oder wann die Entscheidung fällt.
"Ich möchte nicht in der Haut des IOC im Augenblick stecken"
Brandes: Sie haben eben Unschuldsvermutung gesagt. Versetzen Sie sich mal in die Haut eines russischen Athleten, der nicht gedopt hat. Ist dann so eine Kollektivstrafe gerecht?
Tröger: Das war das, was ich eben gesagt habe. Es ist natürlich in Russland ein Sonderfall. In vielen anderen Ländern, nicht in jedem, aber in vielen anderen Ländern können sich Sportler dagegen wehren, ohne dass sie schwere Strafen zu gewärtigen hätten. Aber sie würden dann möglicherweise auch nicht aufgestellt. Aber das kann in Russland niemand und deswegen hat der CAS zum Beispiel auch sehr deutlich festgelegt: Jetzt eine kurzfristige Möglichkeit des Unschuldnachweises zu schaffen, wäre überhaupt nicht denkbar und ist vom CAS ja auch abgelehnt worden heute in seiner Deklaration.
Brandes: Dann bleibt nur einfach alle kollektiv auszuschließen, ohne dass man weiß, ob der Einzelne wirklich gedopt hat, oder nicht?
Tröger: Ja, wobei auch die Frage erörtert werden muss, ob es nicht Sportarten gibt, bei denen Doping überhaupt nicht angezeigt ist, und ob man da eine andere Lösung finden muss. Ich möchte nicht in der Haut des IOC im Augenblick stecken, aber hier ist lange viel versäumt worden.
"Nachweise wie bei Russland gibt es in China und in Kenia noch nicht"
Brandes: Jetzt schießen sich im Moment ja alle auf Russland ein. Dabei scheint ja zumindest in Kenia der Staat auch offensiv weggeschaut zu haben beim Doping. Auch gegen China hat es immer wieder Vorwürfe des systematischen Dopings gegeben. Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?
Tröger: Hier wird schon mit zweierlei Maß gemessen, aber dieses Maß ist unterschiedlich. Schauen Sie, die Sportorganisationen, auch das IOC, und auch die Verbände sind immer sehr lässig mit der Doping-Frage umgegangen. Wenn nicht die Polizei und die Justiz in einigen Ländern wie in Amerika, wie in der Schweiz, wie in Frankreich sich dem angenommen hätte und es damit auch auf ein rechtlich tragbareres Fundament gesetzt hätten, oder wenn nicht, weil wir bei Russland sind, Hajo Seppelt seinen wunderbaren Alleingang gemacht hätte, dann gäbe es entweder weniger, oder, weil das auch woanders stattgefunden hätte, mehr solche Dinge. Nur die Nachweise wie bei Russland mit deutlichen Zeugenaussagen gibt es in China und in Kenia noch nicht und auch in einigen Karibik-Staaten.
Brandes: Das heißt, Sie würden sagen, der Vorwurf, der aus Russland kommt, das Ganze ist ein abgekartetes Spiel gegen Russland wegen der weltpolitischen Lage, das ist haltlos?
Tröger: Das ist haltlos, absolut! Nein, nein, hier gibt es ja die Zeugen, die aus Russland direkt gekommen sind. Und ich meine, was deutsche Journalisten und andere Journalisten vorgelegt haben, das war ja durchaus deutbar. Das Schlimme daran ist ja, dass viele Verbände - und da kann ich auch namhafte Verbände in der Bundesrepublik nicht ausnehmen - erstens einmal die Einschaltung der öffentlichen Gewalt und der Justiz und die Einschaltung von Whistleblowern und von Journalisten mit einem Tabu belegt hatten. Das hätte alles viel früher geschehen können. Dann hätte man vielleicht auch sehr viele andere heute schon.
"Wenn es an die Taten ging, dann war nicht so viel da"
Brandes: Das heißt, der Kampf gegen Doping, der ist auch bei uns in den Sportverbänden nicht so verbreitet?
Tröger: Der ist nicht so verbreitet. Es hat immer gute Worte gegeben, aber wenn es nachher an die Taten ging, dann war nicht so viel da. Ich bin auch gespannt: Das IOC hat nach der Geschichte, nach den Olympischen Spielen in Rio - das ist ja viel wichtiger - ein gutes Jahr Zeit bis zur nächsten Veranstaltung, sich genau zu überlegen, wie es nun weiter damit vorgeht, und wenn es dieses Jahr gut nutzt, dann können solche Dinge wie im Augenblick bei den bevorstehenden Winterspielen in wenig mehr als einem Jahr hoffentlich nicht mehr passieren.
Brandes: Mit Walther Tröger, Ehrenpräsident des Nationalen Olympischen Komitees, habe ich über das CAS-Urteil zum Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen gesprochen. Wir haben das Gespräch am Abend aufgezeichnet.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.