Mittwoch, 08. Februar 2023

Olympische und Paralympische Werte
Die Stunde der Wahrheit

Nach den Spielen von Peking drängt sich die Frage auf: Steht der Sport wirklich für universelle Werte? Zu den Menschenrechtsverletzungen in China kam der Krieg in der Ukraine – und damit der Bruch des Olympischen Friedens. Der Sport scheint seine seine normative Kraft endgültig eingebüßt zu haben.

Von Felix Lill | 13.03.2022

Der russische Präsident Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping reichen sich die Hand. Hinter ihnen die Landesfahnen.
Schulterschluss: Der russische Präsident Putin und der chinesische Präsident Xi Jinping begrüßen sich in Peking. (dpa/Ramil Sitdikov)
"Ich wünsche Ihnen allen viel Erfolg und viel Glück. Vielen Dank. Frieden!"
So begrüßte Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, die Athletinnen und Athleten der Paralympics am Freitag vergangener Woche. Wobei das Fernsehpublikum im Gastgeberland China nicht alles davon gut mitbekommen konnte. Das letzte Wort in Parsons‘ Rede auf Englisch – Peace – übersetzte der Dolmetscher nicht entsprechend.
Es passt ins Bild von „Beijing 2022“: Offiziell liefen die Olympischen und Paralympischen Spiele in der chinesischen Hauptstadt unter dem Motto „Together for a Shared Future“ – Gemeinsam für eine geteilte Zukunft.

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Hinter dem Schein der Sportparty zur Völkerverständigung ist aber Vieles abgelaufen, das mit Frieden und Gemeinsamkeit wenig zu tun hat. Im Gastgeberland China fallen zuerst die Konzentrationslager im Nordwesten auf, wo vor allem Uiguren gefangen gehalten werden. Hinzu kommen die Unterdrückung der Menschen in Tibet und weitere Menschenrechtsverletzungen im ganzen Land, unter anderem die massive Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit.

"Institutionen, die von Interessen Dritter geleitet werden"

Und dann begann die Regierung Russlands noch vor zwei Wochen eine Invasion in der Ukraine. Der Olympische Frieden – der immer kurz vor dem Beginn Olympischer Spiele von jedem Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen unterzeichnet wird und bis sieben Tage nach Ende der Paralympics die Welt zum Frieden aufruft – ist damit gebrochen. Wie schon 2008 und 2014 erneut durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Und die Regierung Chinas hat sich als Olympiagastgeberin bisher nicht von Russlands Regierung distanziert – toleriert also offensichtlich den Krieg. Hat so auch der Sport endgültig seine normative Kraft verloren? Pierre Thielbörger, Professor für Völkerrecht an der Ruhr-Universität Bochum und der Hertie School in Berlin, sagt dazu:
"Ich glaube, dass ja in vielen Bereichen des Sports eigentlich die Verbände, die hinter diesen globalen Events stehen, doch meistens eher privat Vereine sind. Also wie IOC oder FIFA. Und die sich natürlich irgendwie schon bei offensichtlichen Menschenrechtsverstößen oder Brüchen des olympischen Friedens meinetwegen dazu bewegen lassen, Statements zu machen. Aber im Kern sind es doch ja trotzdem irgendwie Institutionen, die von Interessen Dritter geleitet werden und die auch von globalen Geldflüssen abhängig sind."

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Stunde der Wahrheit

Mit anderen Worten: Organisationen wie das Internationale Olympische Komitee, das Internationale Paralympische Komitee oder auch der Fußballweltverband FIFA hätten sich ohnehin nie primär an Kriterien wie Menschen- oder Völkerrecht orientiert. So sei durch den Ukraine-Krieg auch nur noch wenig normative Kraft zu verlieren gewesen. Aber:
"Ja, es ist eine Stunde der Wahrheit. Oder es ist vielleicht auch eine Stunde, in der sie ihre eigenen Praktiken überdenken können. Also wenn man sich überlegt, dass die FIFA große Sportevents nach Russland gegeben hat, nach Katar gegeben hat, da muss man sich einfach fragen, ob das wirklich einer Institution, die meint, sie Vorreiter der Menschenrechte und des Friedens, angemessen ist. Dann ist das vielleicht jetzt auch ein Aufruf an diese Sportorganisationen, sich diesen Themen ernster zuzuwenden. "
Dabei scheinen zumindest IOC und IPC jetzt aufzuwachen. IOC-Präsident Thomas Bach schrieb am Freitag in einem offenen Brief unter anderem:
"Wir werden die Personen und Organisationen, die für diesen Krieg und den Bruch mit dem Olympischen Frieden verantwortlich sind, weiterhin zur Rechenschaft ziehen. Daher sollen keine Sportveranstaltungen auf den Territorien der Russischen Föderation oder der Republik Belarus stattfinden. Keine nationalen oder Staatssymbole dieser Länder sollen bei Veranstaltungen der Olympischen Bewegung gezeigt werden. Wir werden nicht in die Falle des billigen Arguments tappen, dass dies eine Politisierung des Sports sei, die gegen die Olympische Charta gehe, die ja politische Neutralität verlange."

Kurswechsel bei IPC und IOC

Und das IPC schreibt auf Anfrage per Email: "Das IPC wird im Jahr 2022 eine außerordentliche Versammlung einberufen, in der darüber abgestimmt wird, ob die Einhaltung des Olympischen Friedens eine Bedingung für die Mitgliedschaft wird und ob die Mitgliedschaft des Russischen Paralympischen Komitees und des Belarussischen Paralympischen Komitees ausgesetzt oder beendet wird. Das IPC wird bis auf Weiteres keine Veranstaltungen in Russland oder Belarus abhalten.
Es ist ein klarer Kurswechsel. Schließlich waren die Brüche des Olympischen Friedens durch Russland in den Jahren 2008, Einmarsch in Georgien, und 2014, Besetzung der Krim, folgenlos geblieben. 2014 war Russland in Sotchi sogar selbst Ausrichter der Winterspiele.
Jetzt wiederum stellt sich die Frage, was noch alles folgt. Sofern nicht nur das Völkerrecht, sondern auch das Menschenrecht wichtig ist für die großen Sportinstitutionen, dann dürfte sich auch eine Spielevergabe an einen Staat wie China nicht wiederholen.
Pierre Thielbörger erwartet für die Zukunft: "Ich glaube, es hätte jetzt niemand Verständnis dafür, wenn jetzt irgendwie in den nächsten Jahren wieder ein Sportevent nach Russland gehen würde oder wenn die russische Nationalmannschaft weiterhin berechtigt wäre teilzunehmen an großen Sportveranstaltungen. Ich glaube, das ist einfach jetzt der Druck. Und da glaube ich schon, dem werden sich solche Organisationen auch beugen müssen.
Vielleicht ist es ja auch eine Lehre, dass man eben für solche Eventualitäten mitplanen muss. Also dass man eben sagt: 'okay, es ist ja nun nichts Neues, dass Russland versucht, eigene Handlungen zu überspielen und dass sie jetzt dem Olympischen Frieden zuwiderhandeln.'"

"Taiwan ist ein untrennbarer Teil Chinas."

Dabei bleibt Russland womöglich nicht der einzige Staat, für den Vereinbarungen wie der Olympische Frieden eher lästig sind. Während der Spiele in Peking sagte Yan Jiarong, Sprecherin des örtlichen Organisationskomitees:
"Was ich betonen möchte, ist dass es nur ein China auf der Welt gibt. Taiwan ist ein untrennbarer Teil Chinas. Dies ist ein anerkanntes internationales Prinzip, das auch in der internationalen Gemeinschaft Beachtung findet."
Chinas Staatschef Xi Jinping hat schon mehrmals angekündigt, China würde sich Taiwan notfalls mit Gewalt einverleiben. Gemeinsam mit Russlands Staatschef Putin, der bei der Eröffnungsfeier der Pekinger Spiele der einzige hohe Staatsgast war, hat Xi Anfang Februar ein Manifest veröffentlicht. Darin ist von einer „Umverteilung der Macht in der Welt“ die Rede.
Mit dem Ukraine-Krieg hat sich die globale Aufmerksamkeit von der chinesischen Politik plötzlich auf die russische verschoben – was Chinas Ansehen in der Welt zunächst eher nützen als schaden dürfte. Allerdings könnte auch die chinesische Rolle im Weltsport früher oder später stärker hinterfragt werden – nämlich dann, wenn die schon lange angekündigte Einverleibung Taiwans akut wird.
Bis dahin scheint es folgende neue Regeln für den Weltsport zu geben: Auf die Einhaltung des Völkerrechts, das den internationalen Frieden sichern soll, besteht man. In die Menschenrechte, die meist innerhalb eines Staates eingehalten oder verletzt werden, mischt man sich aber nicht ein.