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Opel-Betriebsratschef fordert europäische Lösung

Der Opel-Betriebsratschef Klaus Franz hat eine europäische Lösung zur Rettung des Autoherstellers gefordert. Franz sagte, daran müssten auch Großbritannien, Spanien und Belgien beteiligt werden. Er plädierte in diesem Zusammenhang für temporäre Einlagen der EU-Staaten sowie von Bund und Ländern, um Opel zu einem hohen Maße unabhängig vom US-Mutterkonzern General Motors zu machen.

Klaus Franz im Gespräch mit Jürgen Liminski |
    Jürgen Liminski: Das Thema Opel bleibt auf der Agenda der Politik ganz oben. Es ist auch keineswegs ausgemacht, was aus dem Autobauer wird, ob er eine Zukunft gemeinsam mit dem Mutterkonzern General Motors hat oder unabhängig in Deutschland oder in Europa weiterarbeiten kann. Möglich ist eine staatliche Beteiligung, möglich ist auch eine Insolvenz. Bei Opel selbst arbeitet man jedenfalls an einem Rettungsplan, und die Bundesregierung sondiert ihre Option im Ausland, auch in Amerika. Rettungsplan oder Pleite, wie kann, wie wird es weitergehen? Zu dieser Frage begrüße ich Klaus Franz, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats und stellvertretender Vorsitzender im Aufsichtsrat von Opel: Guten Morgen, Herr Franz!

    Klaus Franz: Guten Morgen!

    Liminski: Herr Franz, am Freitag soll es eine Krisensitzung des Aufsichtsrats geben, bis dahin müsste der Rettungsplan fertig sein. Kann man schon die großen Linien skizzieren?

    Franz: Ich habe nachher um 8 Uhr 30 auch eine Sitzung. Nicht jede Sitzung, die derzeit bei Opel stattfindet, sind Krisensitzungen.

    Liminski: Aber sicher ist schon heute, dass Opel es aus eigener Kraft nicht schaffen kann, also bleibt nur Staatshilfe oder ein anderer Investor, was wiederum voraussetzt, dass man sich so oder so vom Mutterkonzern löst. Ist diese Loslösung denn schon beschlossene Sache oder nur ein frommer Wunsch?

    Franz: Nein, nein, wir sind auf dem Weg dazu, und zwar, es gestaltet sich natürlich nicht sehr einfach. Wenn 80 Jahre hundertprozentige Tochter von General Motors, Opel nicht einmal in Europa ein eigenes Bankkonto in der Vergangenheit hatte, dann ist das natürlich schon eine Operation von größerer Tragweite. Und das Problem ist, dass diese Loslösung stattfinden muss und stattfindet innerhalb einer der größten Automobilkrisen, die wir haben, sodass nicht an jeder Ecke jemand schreit, hier, ich möchte mich beteiligen. Aus diesem Grunde sind wir dafür, dass wir wie gesagt temporäre Einlagen der Länder, der Regierungen in Europa, in Deutschland, in den einzelnen Bundesländern bekommen, um auf dieser Grundlage uns zu einem hohen Maße unabhängig zu machen von General Motors. Das heißt, General Motors sollte Minderheitenbeteiligungen haben an diesem Unternehmen. Wir sollten den Technologietransfer von West nach Ost, von Ost nach West, und die Frage der sogenannten Skaleneffekte im Einkaufsbereich sollten wir nutzen mit General Motors zusammen, so wie das andere Unternehmen auch tun. Und dafür ist die Frage der Einlagen, dafür ist das Thema der Politik von uns gebeten und gefordert. Und was wir am Freitag bei dieser Aufsichtsratssitzung unter anderem diskutieren werden, ist der Plan, den des Managements, der Regierung, wie Frau Bundeskanzlerin Merkel es richtigerweise auch nachdrücklich eingefordert hat, jetzt endlich dieser Plan von Opel für ein europäisches Geschäftsmodell auf den Tisch des Hauses kommt.

    Liminski: Damit haben Sie ja doch schon einige Linien skizziert, also Loslösung von General Motors und Einlagen des Staates oder der Länder. Muss man auch damit rechnen, dass Arbeitsplätze entfallen?

    Franz: Ich gehe davon aus, dass wir jetzt im Rahmen dieser Verhandlungen über die Restrukturierung wir uns auch dem Thema der Kapazitätsauslastungen an den einzelnen Standorten, wie sie aktuell, wie sie dieses Jahr, aber auch, wie sie im Szenario, das wir der Bundesregierung vorlegen werden müssen, aussehen wird in den nächsten fünf, sechs Jahren. Und auf der Grundlage wird dann entschieden werden, wo Arbeitsplätze abgebaut werden und wo keine abgebaut werden.

    Liminski: Die Bundesregierung prüft eine Beteiligung, das tun auch die Länder. Was ist Ihnen denn lieber - Berlin oder Hessen oder nehmen Sie, was kommt?

    Franz: Na ja, ich denke, es wird von allen Seiten ein absolut koordiniertes Vorgehen stattfinden, und das wird dann mit der Bundesregierung und mit den Ministerpräsidenten einvernehmlich geregelt werden.

    Liminski: Bundeswirtschaftsminister von Guttenberg hat mit der amerikanischen Regierung eine Arbeitsgruppe verabredet. Herr Franz, Sie sind auch stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats bei Opel. Hat sich der Wirtschaftsminister vor seiner Initiative in Amerika mit Ihnen, also dem Aufsichtsrat, und mit dem Betriebsrat abgesprochen?

    Franz: Die Absprachen wurden mit uns getroffen, es wurde mit uns intensiv geredet. Es gab auch ein spezielles Gespräch zwischen Herrn Forster und Herrn Demandt zusammen mit Herrn zu Guttenberg. Ich konnte an diesem Tag leider nicht dabei sein, habe aber dann anschließend auch mit den entsprechenden Abteilungsleitern sehr lange und sehr intensiv korrespondiert und telefoniert. Wir sind in einem sehr engen Austausch, und ich halte dies für einen absolut richtigen Ansatz, dass die Bundesregierung mit Timothy Geithner, dem amerikanischen Finanzminister, hier eng zusammenarbeitet, weil es kann doch nicht sein, dass Krisen in Volkswirtschaften über protektionistische Maßnahmen beantwortet werden, insbesondere in globalisierten Unternehmen. Und von daher, jawohl, ist absolut zu unterstützen, ist ein absolut richtiger und guter Zug. Es kann nicht sein, dass ein Projekt wie Renaissance auf General Motors in Nordamerika fokussiert, wo auf der anderen Seite beispielsweise Europa unter die Räder kommen könnte. Wir reden nicht über ein Problem von Opel, sondern wir reden über das Desaster von General Motors in den USA.

    Liminski: Sie haben also nicht das Gefühl, dass über den Kopf der Betroffenen hinweg hier entschieden wird?

    Franz: Vonseiten der Politik oder ...

    Liminski: Vonseiten der Politik, ja.

    Franz: Vonseiten der deutschen Politik auf gar keinen Fall, auf gar keinen Fall, auch nicht der europäischen Politik. Wir sind im Moment dabei - ich habe enge Kontakte mit dem flämischen Premierminister, mit der österreichischen Regierung, mit der spanischen Regierung stehen wir in Kontakt, mit England stehen wir, mit Mendelsohn stehen wir in Kontakt usw. Also es ist ein Netzwerk, weil wir keine isoliert deutsche Lösung für Opel finden, sondern wenn wir eine Lösung finden, dann nur eine europäische Lösung.

    Liminski: Eine europäische Lösung, das heißt keine ausschließlich deutsche?

    Franz: Nein, keine ausschließlich deutsche, weil im Moment ist es so, dass die Opel Deutschland GmbH der sogenannte Risikonehmer für alle Geschäfte von General Motors in Europa trägt, also beispielsweise wenn viele Autos in England verkauft werden unter dem Namen "Vauxhall", trägt das Währungsrisiko Opel in Deutschland, auf der anderen Seite klingelt es bei Vauxhall in England in der Kasse, und das wiederum geht an General Motors Europa. Das heißt, dass in Zukunft ein zukünftiges Geschäftsmodell, die Grundstruktur, wie wir es uns vorstellen, heißt, überall da, wo Opel Vauxhall drauf steht, muss auch das Unternehmen drin sein. Und beispielsweise, was die nationalen Verkaufsorganisationen in diesen oder jenen Ländern einnehmen, abführen, das muss dann auch in diesem Unternehmen konsolidiert werden, das auf der anderen Seite die Ausgaben hat.

    Liminski: Auf dem Weg zur Loslösung von General Motors und hin zu einem europäischen Konzern, und es wird auch mit den Betroffenen bei Opel selbst gesprochen. Das war der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats und Vizeaufsichtsratschef Klaus Franz hier im Deutschlandfunk. Besten Dank für das Gespräch, Herr Franz!