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StartseiteCampus & KarriereEin digitales Zeugnis für besondere Talente21.10.2019

Open BadgesEin digitales Zeugnis für besondere Talente

Open Badges ist ein neues digitales Format, mit dem Kompetenzen und Talente abgebildet werden, die in klassischen Zeugnissen keine Berücksichtigung finden. Die Technologie könne besonders Bewerbungen und gezielte Personalsuche unterstützen, sagte die Medienwissenschaftlerin Ilona Buchem im Dlf.

Ilona Buchem im Gespräch mit Thekla Jahn

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Eine Schülerin arbeitet am 17.09.2015 in einem Klassenzimmer in der Gottlieb-Daimler-Schule 2 in Sindelfingen (Baden-Württemberg) an einem Tabletcomputer. (picture alliance / Wolfram Kastl)
Digitale Nachweise über soziale Kompetenzen oder Engagement abseits des Lehrplans - das ermöglicht Open Badges (picture alliance / Wolfram Kastl)
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Thekla Jahn: Hat das klassische Zeugnis - auf Büttenpapier, geprägtem Karton oder ganz einfach als Kopie – ausgedient? Nein sagt Professorin Ilona Bachem von der Beuth Hochschule Berlin. Dennoch hat die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin als Kooautorin eine Studie zu diesem Thema verfasst. Tenor: Um im Laufe des Berufslebens seine Leistungen und Kompetenzen auch richtig, will heißen passgenau an mögliche Arbeitgeber weiterzugeben beziehungsweise als Arbeitgeber entsprechend suchen zu können, wären Open Badges sinnvoll: Open Badges - das ist ein technisches Format, mit dem Kompetenznachweise digital erstellt beziehungsweise weitergeleitet werden können. Die Studie wird heute in Bonn beim Hochschulforum Digitalisierung vorgestellt – ich hatte Gelegenheit Frau Professor Bachem am Vormittag zu sprechen. Auch wenn die Zeit der klassischen Zeugnisse noch nicht vorbei sei - sie bricht eine Lanze für digitale Kompetenznachweise. Die seien die Zukunft in unserer sich immer weiter aufsplitternden Berufswelt, in der es kaum noch auf Dauer angelegte, fest umrissene Berufsbilder geben wird.

Ilona Buchem: Wir entwickeln Kompetenzen permanent in verschiedenen Kontexten, und diese werden nicht bewertet, nicht gemessen, nicht sichtbar gemacht, sind aber trotzdem sehr wichtig für unsere Lebensläufe, für unsere verschiedenen Aktivitäten im Leben. Und das können wir sehr gut, sehr modular, granular mit digitalen Kompetenznachweisen zum Beispiel abbilden.

Nachweise für soziale Kompetenzen oder Engagement

Jahn: Das heißt also, dass Sie versuchen wollen, im Laufe eines Lebens während der Ausbildung schon, aber auch im weiteren Verlauf des Berufslebens alles darzustellen, was in irgendeiner Weise als Kompetenzen erlernt wird. Wie soll das gelingen, was schlagen Sie da vor?

Buchem: Ein Beispiel wären zum Beispiel Studierende im Studium. Sie bekommen natürlich klassische Zeugnisse in Form von Modulbescheinigungen, nachher natürlich auch Hochschulabschlüsse. Sie bekommen vielleicht auch Zeugnisse aus Praktika und diversen beruflichen Tätigkeiten, die sie parallel im Studium erwerben. Und wir können digitale Zertifikate, digitale Kompetenznachweise zusätzlich nutzen, um zum Beispiel Soft Skills wie Projektkompetenzen bei Projekten im Studium zum Beispiel anzuerkennen, soziale Kompetenzen zum Beispiel, studentisches Engagement außerhalb der Curricula und Lehrpläne. All das können wir ergänzen zu dem, was Studierende aus dem Studium oder aus der Studiumsphase an Zeugnissen, Zertifikaten sammeln, und können dadurch den Studierenden die Möglichkeit geben, nachher diese verschiedenen Nachweise flexibel zusammenzufügen zu neuen Profilen.

Jahn: Sie nutzen dafür Open Badges, das sind kleine Marken, digitale Marken, sieht fast aus wie so TÜV-Marken. Nutzen Sie die bereits bei sich in der Beuth-Hochschule?

Buchem: Ja, das stimmt. Wir nutzen Open Badges an der Beuth-Hochschule. Open Badges ist im Prinzip ein technischer Standard, entwickelt von Mozilla, und mit diesem Standard können wir verschiedene, inhaltlich verschiedene Arten von Zertifikaten, Kompetenznachweisen gestalten. Das, was wir an der Beuth-Hochschule machen, sind verschiedene Sachen: Wir nutzen Open Badges zum einen als Möglichkeiten, Kompetenzen – zum Beispiel Soft Skills, innerhalb der Module im regulären Studium anzuerkennen oder zu visualisieren, zum Beispiel Kompetenz im Bereich Teamführung, Team Leadership Skills. Wir nutzen darüber hinaus Open Badges, um das studentische Engagement anzuerkennen oder auch wertzuschätzen. Unsere Studierenden, wie an allen Hochschulen, engagieren sich in verschiedenen Projekten, Gremien, und dafür vergeben wir digitale Abzeichen eben auf Basis von Open Badges. Und wir nutzen auch Open Badges, um die Kompetenzen der Lehrenden zu visualisieren, zum Beispiel wir arbeiten zusammen mit dem Berliner Zentrum für Hochschullehre, haben da eine Fortbildungsreihe entwickelt zum Thema "Einsatz von digitalen Medien in der Lehre", und die Kompetenzen, die die Lehrenden dort erwerben, werden eben mit digitalen Abzeichen visualisiert. Das passiert eben alles digital in unserem Lernmanagementsystem, wo das alles sichtbar gemacht werden kann.

"Sehr hilfreich" für Hochschulen

Jahn: Jetzt haben die Niederlande in der vergangenen Woche mit SURF eine Einrichtung, die Hochschulen technische Infrastruktur bereitstellt, und die hat Ihren Badges-Ansatz vorgestellt. Es soll also eine Badges-Infrastruktur in den Niederlanden geben. Wie könnte der Standard dann für Deutschland aussehen?

Buchem: Ich finde, diese Entwicklungen, die es in den Niederlanden gibt, sehr lohnenswert und sehr wichtig, und würde mir auch wünschen, dass wir an einer gemeinsamen Infrastruktur, die eben so ein offenes Ökosystem ermöglicht, wie der Surf das auch macht zwischen den Hochschulen, den Austausch eben von Open Badges, aber auch von anderen Elementen, digitalen Elementen ermöglicht, sehr wünschen. Wir haben in unserem Bericht "Kompetenzen sichtbar machen" verschiedene Szenarien entworfen, die mögliche Zukunftsentwicklungstendenzen aufzeigen, und in einem Szenario haben wir das auch angedeutet, dass eine gemeinsame Infrastruktur auch sehr hilfreich wäre, eben um ein Ökosystem zu kreieren, in dem Open Badges als Instrumente der Anerkennung mindestens im System der Hochschulbildung anerkannt werden, wo das Vertrauen auch mit der Zeit für diese neuen Instrumente wachsen kann und wo zwischen den Hochschulen diese Digitale-Kompetenz-Abzeichen, Open Badges, als eine neue Währung im Prinzip auch genutzt werden können.

Jahn: Sie sprechen es gerade richtig an, Vertrauen ist natürlich wichtig. Wer kontrolliert denn solche Open Badges, also solche Spitzenmarken sozusagen für Kompetenzen. Wer kontrolliert, dass es sich wirklich um Qualität handelt?

Buchem: Ah ja, diese Aspekte Kontrolle und Qualität sind natürlich sehr wichtig, allerdings ist das System von Open Badges, so wie das Internet auch aufgebaut ist, sehr dezentral gedacht. Das betrifft Open Badges, aber auch eine weitere Form der digitalen Kompetenznachweise wie zum Beispiel Blockcerts, das sind Zertifikate auf Blockchain-Basis. Auch die basieren auf einem dezentralen Ansatz, das heißt, einem Ansatz, wo jeder im Prinzip die Technologie nutzen kann und eigene Artefakte generieren kann, zum Beispiel eigene Open Badges generieren kann. Das heißt, gibt es keine zentrale Kontrolle, keine Instanz – die sollte es auch nicht geben, weil die Philosophie eben sehr dezentral, sehr offen und eher als Ökosystem ausgerichtet ist. Deswegen, diese Kontrolle ist eher an dem Ende zu sehen, wo zum Beispiel eine Organisation oder eine Person, die Open Badges verleiht … diese Instanz muss sich natürlich Gedanken zu Qualitätskriterien machen, aber auch zu dem Mehrwert, der durch die Digitale-Kompetenz-Abzeichen erzielt werden sollte.

Bei Bewerbungen auf "Besonderheiten" aufmerksam machen

Jahn: Mehrwert ist ebenfalls ein gutes Stichwort. Open Badges, die bringen dann einen Mehrwert, scheint mir, wenn man versucht, mit künstlicher Intelligenz in den Human-Resources-Abteilungen, also in den Personalabteilungen zu arbeiten und Bewerbungen auszuwerten. Wenn man als Mensch, als Human Resourcer sucht, dann, glaube ich, braucht man diese Open Badges nicht, oder?

Buchem: Wir können, glaube ich, heutzutage unsere Welt, die verschiedenen Prozesse, die wir haben, gerade wo wir über Recruiting, HR-Prozesse denken, also Werbungsprozesse, die Technologien nicht mehr ausschließen. Ich kann kaum an Situationen denken, wo Bewerbungen ohne Technologie, ohne technologische Unterstützung stattfinden. Das kann etwas sehr Einfaches sein wie eine E-Mail zum Beispiel oder auch ein Telefon, aber in irgendeiner Form findet diese technische Unterstützung heutzutage immer statt. Und was die Open Badges machen können, ist, die Kompetenzen, die besonderen Talente vielleicht auch hervorzuheben, die sichtbar machen, und zum Beispiel wenn wir jetzt das Ganze im Kontext Bewerbung, Recruiting denken, auf diese Besonderheiten andere aufmerksam zu machen. Das heißt, es ist natürlich eine digitale Technologie, die kann aber dazu führen, dass jemand zum Beispiel auf meine besonderen Talente aufmerksam wird, mit mir Kontakt aufnimmt. Und dann zum Beispiel kommt es zu einem Face-to-Face-, zu einem persönlichen Gespräch, wo das Thema vertieft werden kann. Aber der erste Punkt, wie mache ich andere auf besondere Kompetenzen, Talente aufmerksam, und von der anderen Seite auch gedacht, wo finde ich die Talente und wo finde ich besondere Kompetenzen, nach denen ich suche. Das ist eine Frage, die hier digital natürlich sehr gut unterstützt werden kann, was nicht ausschließt, dass es nachher natürlich zu einem persönlichen Gespräch kommt und das Ganze auch vertieft und validiert werden muss in einem persönlichen Gespräch.

"Wie kann die Qualitätssicherung erfolgen?"

Jahn: Das hört sich an, als ob Sie gar keine Kritik haben an Ihrem Vorschlag Open Badges. Also Open Badges, und alles ist gut?

Buchem: So kann man das natürlich auch sagen, dass alles gut ist. Wir haben in unserem Bericht auch einige Schwachstellen genannt. Die Richtung finde ich wirklich zukunftsweisend, so über die Zertifikate beziehungsweise Nachweise für verschiedene Leistungen zu denken. Aber was wir noch heutzutage beobachten, ist, dass eben diese Qualitätskriterien, über die wir gesprochen haben, dass sie sich noch nicht so wirklich herauskristallisiert haben, dass wir hier noch mehr Zeit und Ideen investieren müssen, wie die Qualitätssicherung erfolgen kann, auch dezentral erfolgen kann. Ein weiterer Punkt ist, dass im Moment die Technologie auch noch nicht einwandfrei funktioniert, da gibt es verschiedene Schwierigkeiten, und das gilt es auch weiterzuentwickeln. Also ganz konkretes Beispiel: die Verweise auf Kompetenzrahmenwerke. Wir haben uns in verschiedenen Kontexten in den letzten Jahren sehr viel Mühe gegeben, Kompetenzrahmenwerke zu erstellen, Kompetenzen als Konstrukte, als Konzepte hierarchisch zu beschreiben.

Jahn: Das wären dann also Referenzrahmen wie zum Beispiel beim Spracherwerb, dass man da also Niveau A1, A2, B1, B2 ... hat.

Buchem: Genau. Und diese Rahmenwerke sind noch nicht maschinenlesbar gestaltet, und die Konsequenz davon ist, dass wir, wenn wir Open Badges zum Beispiel vergeben, auf diese Rahmenwerke nicht einfach verweisen können. Dafür brauchen wir maschinenlesbare Formate, und in diese Richtung muss sich auch die Technologie weiterentwickeln, da ist noch zu wenig Transparenz, und das hängt auch teilweise mit der technischen Entwicklung zusammen.

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