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StartseiteMusikjournal"König Karotte" - witzig, bissig und brisant05.11.2018

Operette in Hannover"König Karotte" - witzig, bissig und brisant

"Le Roi Carotte" ist eines der aufwendigsten und facettenreichsten Stücke des französischen Komponisten Jacques Offenbach. Die Polit-Satire, in der die Mitglieder des königlichen Gemüsebeets die Macht übernehmen, wurde vor fast 150 Jahren uraufgeführt. Nun zeigt die Staatsoper Hannover die deutsche Übersetzung "König Karotte".

Von Dieter David Scholz

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Szene aus der Inszenierung "König Karotte" in Hannvoer (Jörg Landsberg)
Das Werk erlebte bei der Uraufführung 1872 in Paris einen Sensationserfolg mit fast 200 Vorstellung en suite (Jörg Landsberg)
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Musik: Jacques Offenbach, König Karotte

Mit ihrer Opéra-bouffe-féerie schufen Jacques Offenbach und sein kongenialer Librettist Victorien Sardou, der auch für Puccinis "Tosca" das Libretto schrieb, ein neues Genre. Es fusionierte den Prunk der französischen Zauberoper mit dem scharfen Witz der Offenbachiade zu einem hinreißenden Lehrstück über Macht, Korruption und Liebe. Frank Harders vom Verlag Boosey & Hawkes, der 2015 die erste komplette originale Fassung des Stücks herstellte, erinnert daran, dass das Stück aus jener Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stammt, in der Offenbach… 

"… am Théâtre de la Gâité gearbeitet hat, in der er seine eigenen Offenbachiaden zu Opéras féeries umgearbeitet hat, große Ausstattungsschlachten organisiert hat mit hunderten von Kostümen. Es war ja immerhin totales Theater vor der Erfindung von Film und Fernsehen. Und ein großes Spektakel, was ein spektakelsüchtiges Publikum befriedigt hat."

Revolte im Gemüsebeet

Dass dieses Meisterwerk, eines der aufwendigsten und facettenreichsten Stücke Offenbachs, so einen epochalen Erfolg hatte, liegt natürlich auch an der Handlung: Es spielt im fiktiven Königreich Krokodyne, in dem es Hexen und Zauberer gibt, einen königlichen Schwarzma­gier und einen korrupten Polizeichef. Prinz Fridolin ist der Regent des Landes, durch und durch verwöhnt, vergnügungssüchtig und verschwenderisch. Der gute Geist Robin hat sich in den Kopf gesetzt, Fridolin zum Wohle seines Landes auf den Pfad der Tugend zu bringen. Unverhofft bekommt er Hilfe von der Hexe Kalebasse, die den Prinzen stürzen will. Mitglieder des königlichen Gemüsebeets übernehmen die Macht: König Karotte und sein Gefolge aus Radieschen, Rübchen und Roten Beten. Eine Zeit der Prüfungen und Erfah­rungen soll Fridolin Maß und Demut lehren, um ihn zu einem guten, aufgeklärten Herrscher zu formen. Fridolin reist durch fantastische Welten: Zum Zauberer Quiribibi, der ihn auf die Suche nach dem magischen Ring des Salomon schickt. In einen sozialistisch anmutenden Arbeiterstaat der Ameisen, ins antike Pompeji samt Vulkanausbruch und zurück. Die Eisenbahn macht's möglich. Eine augenzwinkernde Reverenz an die technischen Inno­vationen jener Zeit, die Offenbach mit einem Eisenbahnrondo gewitzt musikalisch in Szene setzt.

Musik: Jacques Offenbach, König Karotte

Am Ende des vieraktigen Stücks steht eine Revolution. Das Volk erhebt sich, treibt die Gemüse-Geister wieder unter die Erde und setzt den weiser gewordenen Fridolin wieder in seine alten Rechte ein. Ein sensationell politisches, ein gewagtes Stück. Mit ihm hat Offen­bach – es entstand 1869 - dem Zweiten Kaiserreich einen gnadenlosen Spiegel vorgehalten, es ist ein Schlüsselstück über Pariser Verhältnisse. Das Diplomaten-Couplet des dritten Aktes lässt keinen Zweifel.

Musik: Jacques Offenbach, König Karotte

Politische Realität überholt die Fiktion

Tatsächlich hat kein anderes Werk Offenbachs seine Feinde und Freunde zu so hitzigen Kon­troversen animiert. 1870 sollte Premiere sein. Aber Revolution und Königssturz fanden nicht auf der Bühne, sondern in der Wirklichkeit des Deutsch Französischen Krieges statt. Als "Le Roi Carotte" nach dem Krieg auf die Bühne kam, war es nichts weniger als ein Stück mit unmittelbarer politischer Vergangenheit und Zukunftsspekulationen. Witzig, bissig und bri­sant wirkt der von Jean Abel ins Deutsche übersetzte Text Sardous auch heute noch, gesättigt mit literarischen und politischen Anspielungen, die beinahe gegenwärtig erscheinen.

"Alle Minister, alle Figuren sind irgendwelche Kommentare zu Figuren, die es damals gab. Und das fällt im Grunde alles weg. Ich muss ja immer denken, der Zuschauer hat sich nicht mit Offenbach beschäftigt, das heißt, ich muss irgendwie eine Essenz rausholen, so dass man Offenbach nicht verrät mit seiner politischen Satire, aber trotzdem den Schritt ins Heute schaffen kann."

Regisseur Matthias Davids schafft es ohne Aktualisierung, die nahe läge.

 "Ich hab's nicht gemacht, weil die Politik sich an Aktualität immer wieder selbst überholt. Ich sag jetzt Mal das Beispiel, was wirklich wahnsinnig nahe liegt, ist der Trump, also die Karotte könnte der Trump sein, das fand ich schon beim Gedanken langweilig, weil erstens kann man den Trump nicht toppen auf der Bühne, weil er toppt sich selber jeden Tag. Das Stück ist ja doch allgemeingültig. Man kann einfach sagen, die Leute, die Macht wollen, bekommen sie und werden ihre Macht auch missbrauchen. Immer wenn man denkt, der neue Machthaber macht es besser, wird es im Zweifelsfall schlimmer werden."

Szenisches und musikalisches Feuerwerk

Matthias Davids setzt in seiner die phantastische Handlung in flottem Tempo virtuos  und szenisch einfallsreich erzählenden Inszenierung auf Comedy-, Revue- und Slapstick-Anspielungen. Es entsteht eine Parabel voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Mathias Fischer-Dieskau hat ihm dazu eine verwandlungsfähige Bühne gebaut, auf der sich simple, aber spektakuläre Bühnen- und Requisiteneffekte zaubern lassen. Man befindet sich im Theater auf dem Theater, Wolkenprojektionen, heranfahrende Schlosskulissen, das antike Pompeji entsteht aus Ruinen, aus dem Boden sprießendes Gartengemüse wird lebendig. Susanne Hubrich hat ein wahres Füllhorn an kostümlicher Phantasie mit Anleihen von der Antike bis zur Offenbachzeit ausgeschüttet. Chor und der Bewegungschor der Staatsoper Hannover tanzen dank der Choreografin Kati Farkas bewundernswert. Eine außergewöhnliche Leistung angesichts der rhythmisch abwechslungsreichen, ständig die Richtung ändernden  Musik Offenbachs. Keine leichte Aufgabe, sie zu animieren. Beim neuen ersten Kapellmeister des Hauses, dem Finnen Valterri Rauhalammi ist sie in besten Händen.

"Es hat große Dialoge, also in der Hinsicht ist es nahe an einer Operette, es hat aber auch zwei lange Finali mit viel musikalischem Gewicht, wie Oper, es hat Elemente von vielen Gattungen."

Mit Verve, Esprit, Tempo und Temperament brennt Valterri Rauhalammi ein musikalisches Feuerwerk ab, das auch dank eines hervorragenden, riesigen Sängeraufgebots das Premieren­publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Ein großer Abend für die Staatsoper Hannover und für Jacques Offenbach.

Musik: Jacques Offenbach, König Karotte

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