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Opernstiftung adé?

Nach Meinung des CDU-Politikers Norbert Lammert ist das Land Berlin mit seinen drei Opern überfordert und die zuständige Opernstiftung habe auch nicht zur Stabilisierung der Opernszene beigetragen.

Moderation: Katja Lückert |
    Katja Lückert: An den Kulturpolitiker Christoph Stölzl die Frage: Stimmen Sie der Auffassung von Norbert Lammert zu?

    Christoph Stölzl: Na ja, die Stiftung gibt es ja erst so kurz, dass man ihr, glaube ich, noch ein bisschen Zeit lassen muss, um endgültig sozusagen ein Wort zu sprechen, dass sie gescheitert sei.

    Die ganze Opernfrage in Berlin pendelt ja zwischen zwei Polen. Der eine ist Kulturföderalismus pur. Dann ist Berlin ein bloßes Bundesland und muss eben selber zurecht kommen, was es sich leisten kann. Und dann wird man nach Einblick in die Staatsschulden Berlins leicht feststellen können, dass der gesamte Kulturapparat - wenn man dieses hässliche Wort mal benutzen will - samt den Opern natürlich viel zu teuer ist für dieses bettelarme Berlin.

    Der andere Pol wäre zu sagen, Berlin ist die Hauptstadt der Deutschen und Berlin ist ehemalige Preußische Hauptstadt. Preußen gibt es nicht mehr, also muss der Rest der Nation eintreten in diese Nachfolge Preußens und in seiner Hauptstadt die Kultur erhalten. Der Streit zwischen diesen beiden Polen geht ja seit der Wiedervereinigung hin und her und ist noch längst nicht entschieden.

    Und die jetzige Bundesregierung oder Noch-Bundesregierung hat eben mit diesen Deal - so kann man das ja sagen - Lasten zu übernehmen bei der Akademie der Künste und dafür die Opernstiftung mit ins Leben zu hieven, einen Versuch gemacht, der vielleicht scheitern kann, der aber vielleicht auch gut gehen kann.

    Alle Fragen in der Hauptstadt-Kultur müssen - und das ist meine Credo gewesen schon vor der Zeit, als ich Kultursenator war, auch schon als Sprecher des Rats für die Künste - müssen einvernehmlich zwischen der Bundesrepublik und ihrer Hauptstadt gelöst werden. Man kann nicht sagen: Hier Republik, dort Berlin. Sondern man muss sagen: Was wollen wir in Berlin? Und dann kann man das natürlich auf verschiedene Weise lösen.

    Die andere Option, die Herr Lammert angedeutet hat, nämlich die Staatsoper unter den Linden quasi in den Preußischen Kulturbesitz zu definieren, ist natürlich historisch gesehen genauso richtig, wie zu sagen, nein, das ist jetzt Sitzland Berlin und das Sitzland Berlin - dieser hässliche Ausdruck ist ja staatsrechtlich der richtige - ist zuständig für seine Opern.

    Lückert: Also ist es im Grunde egal, wer an der Macht ist. Es geht einfach immer darum, gibt es genug Geld in Berlin?

    Stölzl: So ist es. Es geht darum, ob wir sagen, Berlin ist ein unglaubliches Geschenk durch Erbschaften: die Preußische Erbschaft, die DDR-Erbschaft - von einem Staat, der hässlich und gemein war, aber kulturell ehrgeizig - und die Erbschaft des alten West-Berlin. Man kann sagen, das ist eine Wundertüte, das ist ja unglaublich, was da drin ist. Toll, dass die Deutschen eine so reiche Kulturlandschaft in ihrer Hauptstadt haben, wie finanzieren wir die? Oder man sagt, nein, wir machen Föderalismus pur, das ist ein Ellenbogenföderalismus, dann sind alle für sich selbst zuständig.

    Ich bin natürlich ein Anhänger der ersten Lösung zu sagen, dieses große Geschenk des historischen Erbes Berlins müssen wir gemeinsam pflegen, verwalten. Und dann kann man alle möglichen Formen finden.

    Ich haben zum Beispiel damals als Senator gesagt, es ist eine unglaubliche Sache, wie das auch schon bettelarme Berlin das Libeskindsche Jüdische Museum hochgezogen hat als Bau. Aber für den Betrieb war einfach gar kein Geld mehr da und darum habe ich damals im Übergang des Gebäudes und der Idee an den Bund befürwortet auch vollzogen. Also die Frage, wem das nun eigentlich gehört, ist eine ziemlich theoretische und belanglose.

    Wenn man findet, dass Musiktheater diejenige Kunstform ist, die am meisten international ausstrahlt, weil sie weit über die Sprachgrenzen hinweg Menschen begeistert, dann kann man eigentlich in einer Hauptstadt der Deutschen, die ja mit der internationalen Szene möglichst verbunden sein wollen, gar nicht genug Musiktheater haben. Und da trifft sich das nationale Interesse mit dem des Landes Berlin.

    Lückert: Die Opern-Liebhaberin Angela Merkel war gegen eine Zusammenlegung von Lindenoper, Komischer Oper und Deutscher Oper. Glauben Sie, dass nach einem möglichen Regierungswechsel sich an dieser Organisation der Opern noch einiges ändern könnte?

    Stölzl: Die Stiftung ist ja eine Holding. Die hat ja in ihrer Satzung drin, dass die künstlerische Eigenständigkeit dieser drei Opern gar nicht angetastet wird. Das ist ja, so ähnlich wie bei vielen anderen Opernholdings auf der Welt, mehr eine technische Sache, für die gemeinsame Werbung und die gemeinsame Vermarktung. Also da würde ich sagen, es ist ja gar keine Generaldirektion, keine Generalintendanz gemeint gewesen, die hätten die Opern auch wahrscheinlich gar nicht zugesagt.

    Man kann sich natürlich die Staatsoper unter den Linden als eine Bundesoper vorstellen, als eine Stiftung vermutlich, weil der Bund ja selbst Kulturpolitik doch nur in Maßen machen kann, und dann wäre die Stadt Berlin entlastet und könnte in die beiden verbleibenden städtischen Opern, also Komische Oper und Deutsche Oper, mehr Geld reinstecken.

    Ich finde, man sollte es ganz entkrampft anschauen, solange es kein wirkliches Angebot gibt, solange muss das Stiftungsmodell jetzt gelten und muss auch sich selbst entfalten können.

    Lückert: Blicken wir noch einmal generell auf die Kultur. Was müsste ein neuer Kulturminister anders machen als Christina Weiß?

    Stölzl: Schwer zu sagen. Alle Kulturminister, also alle Staatssekretäre, Bundesbeauftragte für die Medien und die Kultur müssen um Geld kämpfen. Das ist das eine. Um diesen - vor allem in der Ära Kohl ja verdoppelten - Kulturetats des Bundes zu bewahren und möglicherweise zu vermehren, das wäre ja optimistisch gedacht und ich hielte es auch für richtig, weil in wirtschaftlichen Krisenzeiten muss man in die Kultur investieren, weil sie einen in die Zukunft führt.

    Und ansonsten muss jeder Staatsminister, jede Staatsministerin für Kultur dieses ganz komplizierte Klavierspiel zwischen den kommunalen, den Länderinteressen, den Bundesinteressen und denen der Hauptstadt beherrschen. Das heißt, möglichst viel diskret Frieden stiften und möglichst viele Ideen in den Gang setzen.

    Lückert: Werden Sie sich für das Amt des Kulturministers zur Verfügung stellen?

    Stölzl: Kein Kommentar.

    Lückert: Noch kein Kommentar vom Kulturpolitiker Christoph Stölzl, mit dem ich über die Zukunft der Berliner Opernstiftung sprach.
    Christoph Stölzl, CDU
    Christoph Stölzl (CDU) (AP)