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StartseiteEuropa heuteSpaniens Zahlen sind nicht wegen der Widerspruchsregel höher 16.01.2020

OrganspendeSpaniens Zahlen sind nicht wegen der Widerspruchsregel höher

Spanien muss immer wieder als Positiv-Beispiel für die Widerspruchsregelung bei der Organspende herhalten. Tatsächlich sind die Zahlen der Transplantationen dort höher. Das hat einige und vor allem andere Gründe.

Von Marc Dugge

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Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen im Operationssaal eines Krankenhauses (dpa/Soeren Stache)
Zur Transplantation bereit? Immer wieder streiten Experten über die Frage, wie man die Zahl der Organspenden erhöht. Jedes europäische Land findet eigene Regeln. (dpa/Soeren Stache)
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Raquel war gerade mal 41 Jahre alt, als sie kaum noch Luft bekam. Ihr Arzt diagnostizierte ihr eine sogenannte idiopathische Lungenfibrose, eine Krankheit, die die Lungenfunktion in ihrem Verlauf immer dramatischer einschränkt. Bei Raquel war sie im Endstadium. Sie erzählt:

"Es kam der Punkt, an dem ich entscheiden musste, ob ich atme oder ob ich mir in die Hose mache. Wenn ich lachte, bekam ich keine Luft mehr. Und weinen konnte ich auch nicht. Und dann hat die ONT übernommen. Und es ging dieses großartige Verfahren los, das wir in Spanien haben."

Raquel bekam eine neue Lunge - und ein neues Leben geschenkt. Die ONT ist die Nationale Organisation für Organtransplantationen, die dem spanischen Gesundheitsministerium unterstellt ist. Sie koordiniert die Transplantationen, vermittelt Spender und Empfänger, bildet Fachleute aus. Beatriz Domínguez-Gil ist die Chefin der Behörde. Sie kann jedes Jahr neue Erfolgsmeldungen verkünden. Beatriz Domínguez-Gil:

"Der Erfolg des spanischen Organspende-Systems gründet in erster Linie auf der Art und Weise, wie dieses System organisiert ist. Die technischen und rechtlichen Voraussetzungen in Spanien sind sehr gut. So haben wir seit langem etwa ein sehr gutes Transplantationsgesetz. Und außerdem ein außergewöhnlich gutes Gesundheitssystem."

Kompetenz bewirkt mehr als die Widerspruchsmodell

Bei der Gesetzeslage gibt es große Unterschiede. In Deutschland gilt bisher die Entscheidungslösung: Der Spender muss ausdrücklich der Entnahme der Organe zugestimmt haben - etwa mit einem Organspende Ausweis. In Spanien gilt dagegen die sogenannte Widerspruchslösung. Das heißt: Ein Organspender muss zu Lebzeiten ausdrücklich der Organentnahme widersprechen. Doch das sei nur ein Teil des Erfolgs, so Beatriz Domínguez-Gil:

"Es wird immer vermutet, dass die Widerspruchslösung für den Erfolg verantwortlich ist. Aber so ist es nicht. Es ist natürlich gut, dass es dieses Gesetz gibt. Denn damit ist es die Regel, Organe zu spenden. Aber das Gesetz gibt es schon seit 1979. Wir haben unser System, so wie es jetzt ist, erst zehn Jahre später eingerichtet. In der Praxis gehen wir nicht anders vor als die Kollegen in Deutschland, die dieses Gesetz nicht haben. Wir stellen sicher, dass der Spender die Organspende nicht abgelehnt hat - und fragen dazu auch Familienangehörige. Wenn die Familie nicht möchte, dass die Spende stattfindet, werden wir auch nicht aktiv."

Entnahme auch bei Herztod

Aber da ist noch ein großer Unterschied: In Deutschland darf ein Organ erst nach dem Hirntod entnommen werden - in Spanien bereits nach dem Herztod. Seit diese Regelung vor sieben Jahren eingeführt wurde, hat das stetig zu einer größeren Zahl von Spenderorganen geführt. Im vergangenen Jahr stammte rund ein Drittel der Organe von Spendern, bei denen der Herztod festgestellt wurde. Das ist ein Zuwachs von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

ONT-Chefin Dominguez-Gil führt den Erfolg Spaniens in Sachen Organspende aber vor allem auf Experten-Teams zurück. Anders als in Deutschland gibt es in jedem größeren spanischen Krankenhaus ein Koordinationsteam, das sich um Organspenden kümmert. Die Ärzte arbeiten meist auf der Intensivstation, sie kennen die Patienten und ihren Gesundheitszustand genau. So wissen sie, ob etwa eine Krankheit eine Organspende verhindern könnte. Und sie sind eben auch darin geschult, auf die Sterbenden und deren Angehörige zuzugehen, um ihnen die Möglichkeit einer Organspende vorzuschlagen. Das Personal zu schulen, mit der Kompetenz bei Organspenden selbstbewusst zu werben – das empfiehlt Domínguez-Gil auch deutschen Krankenhäusern, denn das sei ein Schlüssel zum Erfolg:

"Wenn ich sterbe, möchte ich um die Möglichkeit wissen, meine Organe zu spenden - und nicht, dass jemand anderes befindet, dass diese Option für mich nicht in Frage kommt. Ich möchte das selbst entscheiden."

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