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StartseiteTag für TagWas hat das Konzil auf Kreta gebracht?27.06.2016

Orthodoxe ChristenWas hat das Konzil auf Kreta gebracht?

Ist es gescheitert - oder setzt es Impulse? Das erste Panorthodoxe Konzil ist am Wochenende zu Ende gegangen. Im Vorfeld waren die Erwartungen hoch - dann stiegen mehrere orthodoxe Kirchen aus und blieben dem Konzil auf Kreta fern. Dabei ist es nicht nur für die rund 300 Millionen Christen weltweit wichtig, es ist auch ein Politikum.

Thomas Bremer im Gespräch mit Andreas Main

Bischöfe mehrerer christlich-orthodoxer Kirchen feiern (19.6) in einer Kirche auf der griechischen Insel Heraklion gemeinsam eine Messe. (AFP PHOTO/COSTAS METAXAKIS)
Bischöfe mehrerer christlich-orthodoxer Kirchen feiern beim Konzil auf der griechischen Insel Kreta gemeinsam einen Gottesdienst. (AFP PHOTO/COSTAS METAXAKIS)
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Thomas Bremer gilt als einer der besten Kenner der Ostkirchen. Er ist Professor für Ökumene, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. 

Andreas Main:   Ist es gescheitert oder setzt es Impulse? Das erste panorthodoxe Konzil ist am Wochenende zu Ende gegangen. Im Vorfeld waren die Erwartungen hoch, dann stiegen mehrere orthodoxe Kirchen aus und blieben dem Konzil auf Kreta fern. Es hat dennoch getagt. Was hat es gebracht? Das ist nicht nur wichtig für die 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit. Auseinanderdriftende Kirchen sind auch ein Politikum, auch vor dem Hintergrund eines auseinanderdriftenden Europas, Stichwort Brexit. Am Telefon sind wir nun verbunden mit Thomas Bremer. Er ist Professor für Ökumene, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Er gilt als einer der besten Kenner der Ostkirchen. Wir zeichnen dieses Gespräch heute morgen kurz vor der Sendung auf, weil Thomas Bremer zwischen 9 Uhr und 10 Uhr eine Vorlesung hält. Guten Morgen, Herr Bremer.

Thomas Bremer:   Guten Morgen.

Main:   Die auf Kreta versammelten Bischöfe haben zum Abschluss ihr Konzil selbstverständlich als Erfolg gefeiert. Wie schätzen Sie das ein? Sind diese Tage ein Erfolg gewesen - oder wird aus dem panorthodoxen Konzil ein panorthodoxes Trauma?

Bremer:   Es ist tatsächlich ambivalent, aber ich würde doch etwas mehr die positive Seite sehen. Es hat ja einen sehr langen Vorbereitungsprozess, über viele Jahrzehnte, gegeben. Dann sah es so aus, als würde es mit allen orthodoxen Kirchen stattfinden, und erst vor wenigen Wochen haben die ersten von den Kirchen, die Sie genannt haben, also zunächst die bulgarische Kirche, und dann am wichtigsten wohl später dann die russische orthodoxe Kirche beschlossen, nicht zu kommen. Aber ich glaube, es war eine kluge Entscheidung, das Konzil trotzdem durchzuführen, mit den verbleibenden zehn Kirchen von 14, die jetzt teilgenommen haben. Und deswegen würde ich eher die positive Seite dieses Konzils sehen.

Konziliarer Prozess eingeleitet

Main:   Was sind denn nun konkrete Ergebnisse, wenn wir mal bei der positiven Seite bleiben?

Bremer:   Also ganz konkret gibt es insgesamt acht Texte, die das Konzil beschlossen hat. Sechs davon waren vorbereitet. Die haben sich auf bestimmte, konkrete Themen bezogen und die waren auch fast alle einstimmig angenommen worden von allen orthodoxen Kirchen im Vorfeld. Das heißt, auch von denen, die jetzt nicht teilgenommen haben. Und darüber hinaus, außer diesen sechs Texten gab es noch zwei weitere. Eine Enzyklika, so heißt das, und das andere eine Botschaft des Konzils, wo die Teilnehmer am Konzil sozusagen die Haltung der orthodoxen Kirche allgemein zur Moderne und zu wichtigen Themen der Welt – Menschenwürde und Krieg und Frieden und solche Themen – ansprechen und formulieren. Und ein weiterer Punkt, der vielleicht nicht so konkret spürbar ist: dass es die Überlegung gibt und dass es wohl ernsthafte Stimmen dafür gibt, dass man so einen Art konziliaren Prozess beginnt. Das heißt, dass man alle – man hat gesprochen alle fünf oder sieben oder zehn Jahre – eine ähnliche Veranstaltung macht. Die orthodoxe Kirche versteht sich ja als konziliare Kirche, und das wäre dann eben eine Art und Weise, diese Konziliarität in die Realität umzusetzen.

Main:   Wie ist es denn zu erklären, dass nationale Rivalitäten, verkürzt gesagt, zwischen slawisch und griechisch geprägter Orthodoxie immer noch eine solche Rolle spielen konnten?

Bremer:   Das spielt eine gewisse Rolle. Es sind vor allem der Gegensatz zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel, das in der Tradition der orthodoxen Kirche seit der Antike die erste Stelle unter den Kirchen hat, und auf der anderen Seite das Patriarchat von Moskau, das an fünfter Stelle ist, aber das viel, viel mehr Gläubige hat als alle anderen Kirchen, mit Abstand die größte orthodoxe Kirche ist. Und diese Rivalität spielt eine gewisse Rolle. Allerdings gibt es auch andere Punkte. Etwa die Frage nach Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen oder die Frage nach dem Verständnis der Ehe innerhalb der Orthodoxie. Also das sind Punkte, in denen die Kirchen nicht zu einer Übereinstimmung gekommen sind, und nachdem man vorher beschlossen hat, dass man Dokumente nur einstimmig akzeptiert, ist es eben dazu gekommen, dass man sich nicht einigen konnte, und dass einige der Kirchen nicht teilgenommen haben.

"Eine Frage der Machtverhältnisse"

Main:   Dennoch wirkt es ja immer so, als ob Nationalismen eine so starke Rolle spielen, und wir beobachten gerade auch auf der politischen Ebene, wie Nationalismen den Gedanken eines vereinten Europas unterwandern. Ist es zulässig, zu konstatieren, dass es auch den orthodoxen Kirchen nicht gelingt, kulturell nationale Gräben zuzuschütten?

Bremer:   Natürlich spielen die nationalen Unterschiede eine gewisse Rolle und die Nationalismen. Aber nicht nur. Es gibt natürlich eine Reihe von orthodoxen Kirchen, für die das keine Rolle spielt. Also das Patriarchat von Alexandria zum Beispiel ist für ganz Afrika zuständig und hat Diözesen überall in Afrika, und dann kann man nicht von einer Nation sprechen oder von nationaler Prägung. Und ähnlich gilt es für Antiochien, das jetzt nicht da gewesen ist, aber das teilweise arabisch, teilweise griechisch geprägt ist. Also es sind nicht nur Nationalismen. Auch die russische orthodoxe Kirche selbst versteht sich ausdrücklich – und sagt das über sich selbst – als multinationale Kirche. Das sind nicht nur Russen, es sind eben auch Ukrainer und Belarussen und andere, die zu dieser Kirche gehören. Ich glaube nicht, dass, man Nationalismus so deutlich sehen kann, sondern es ist eher eine Frage der Machtverhältnisse. Das glaube ich, spielt eine wichtigere Rolle.

Main:   Ihr Kollege in Münster, Professor Assaad Elias Kattan, der hat hier in der Sendung gesagt, die orthodoxe Kirche müsse langsam mal den Anschluss an die Moderne finden. Können Sie diese Position teilen?

Bremer:   Die würde ich tatsächlich teilen. Man merkt es ein bisschen an diesem Prozess, den wir jetzt die letzten Wochen und Monate beobachten konnten, wie schwierig das ist und wie lange das dauert. Die orthodoxen Kirchen haben eben eigentlich ein solches Konzil wie das jetzt letzte Woche noch nie gehabt. Und man merkt, dass es doch große Unterschiede zwischen den Kirchen gibt, die auch in ganz anderen kulturellen Kontexten leben.

Main:   Sie haben eben angedeutet, dass jetzt so etwas wie ein konziliarer Prozess womöglich eingeleitet sei. Welche Hoffnungen machen Sie sich und was würden Sie, auch wenn das vielleicht gar nicht Ihre Rolle ist, den orthodoxen Kirchen empfehlen? Wie sollten sie vorgehen in der Zukunft?

Bremer:   Das ist natürlich tatsächlich nicht meine Rolle, aber ich könnte mir tatsächlich vorstellen, dass es so etwas gibt wie regelmäßige Treffen. Und man muss dann eine gute Art und Weise finden, die zu organisieren. Das jetzige Treffen ist auch deswegen kritisiert worden, weil es eben sehr stark die Rolle der Oberhäupter, der Patriarchen und Erzbischöfe, betont und die Rolle der einzelnen, so genannten autokephalen, also selbstständigen Kirchen. Denkbar wäre ja auch ein Treffen, wo einfach nur alle Bischöfe kommen, und dann ist es eigentlich egal, sozusagen, zu welcher Kirche sie gehören, und dann würde man etwas diesen Druck herausnehmen, dass man jetzt russisch- oder serbisch- oder griechisch-orthodox ist. Aber wenn es gelänge, einen solchen Prozess zu installieren und Themen in einem bestimmten Kreis regelmäßig zu erörtern und zu versuchen, zu einer Übereinkunft zu gelangen, das wäre, glaube ich, eine sehr wichtige Folge und eine gute, positive Folge dieses Konzils.

Main:   Einschätzungen von Thomas Bremer, Professor für Ökumene, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster. Danke Ihnen ganz herzlich, Herr Bremer.

Bremer:   Bitte sehr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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