Rytlewski: Guten Tage, Herr Meurer.
Meurer: Wie glauben Sie denn wird sich Gregor Gysis Rücktritt und die gegen ihn gerichteten Meilen-Vorwürfe für die PDS im Bundestagswahlkampf auswirken?
Rytlewski: Also, die Truppe wird nicht mehr so bunt sein - das ist ja wohl ganz klar. Die Berliner Stadtkoalition zwischen SPD und PDS hatte ja eine hohe strategische Bedeutung, weil sie von der PDS das Odium der rein regionalen Partei und damit auch eine gewisse Zweitklassigkeit nehmen sollte. Das heißt, vor den Augen der Welt war zu beweisen, dass die PDS im bundesdeutschen Parteiensystem und damit eben auch in den nächsten Wahlen als eine normale Partei akzeptiert würde.
Meurer: Aber wenn wir das hören, was Frau Pau gerade gesagt hat, wird Gysi dann in Talkshows munter weitermachen und im Wahlkampf weiter präsent sein?
Rytlewski: Das wäre denkbar. Ich meine, er hat seinen Rücktritt ja mit einer sehr emotionalisierten und moralischen Begründung formuliert, und das könnte natürlich auch zum Thema des Wahlkampfes gemacht werden. Die PDS hat ja bisher kein Thema in ihrem Wahlkampf vorangebracht, welches in der Lage ist zu emotionalisieren. Jetzt könnte man sich vorstellen, dass sich zumindest in diesen Wahlkreisen - das sind ja sehr wenige, um die es da geht, die in Berlin, aber auch in Rostock liegen - eine Trotzreaktion ausbreitet, und die kann man vom Wahlkampfmanagement natürlich im Sinne einer `Jetzt-erst-recht-Wahl` auch ansprechen.
Meurer: Also, denken Sie, dass Gysi als Opfer dargestellt werden wird?
Rytlewski: Wenn man seinen Abschiedsbrief liest, dann versteht er es ja dort, die andere Seite auf die moralische Anklagebank zu bringen, nämlich zu sagen, dass dieses Geschäft der Politik im Grunde immer auch mehr oder weniger ein Geschäft unter Korrumpierten ist, und ich bin derjenige, der nun einfach aussteigt. Da kann man natürlich Anschlüsse zur Wahlprogrammatik der ja im Kern immer noch marxistischen PDS finden.
Meurer: Wird es vielleicht sogar in der Anhängerschaft der PDS den Reflex geben: unser Ostpolitiker Gysi ist von den Westjournalisten abgeschossen worden?
Rytlewski: Ob nun von den Westjournalisten, das sehe ich nicht, weil der Tatbestand ja gegeben ist, und es ist ja noch nicht ganz klar, wie die Informationen von der Lufthansa zur Bild-Zeitung gelangten oder andere Wege genommen haben. Auch unabhängig davon, ob man die Wege herausbekommt, bleibt der Tatbestand und die damit verbundenen Aspekte bestehen. Nein, ich denke, wenn, dann eher in dem Sinne, dass das politische Establishment - dazu kann man auch die Medien rechnen - hier die Gelegenheit genutzt hat, nun den wichtigsten Politiker der Partei in eine schwierige Lage zu versetzen. Das könnte dann doch in diesen Berliner Wahlkreisen, wenn man das dann sozusagen forciert, durchaus zu einer Trotzreaktion führen.
Meurer: Es gibt ja einige, Herr Rytlewski, die eine Parallele zwischen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi ziehen. Beide sind sozusagen völlig abrupt aus der Politik ausgestiegen. Sehen Sie da auch eine Parallele?
Rytlewski: Weniger. Ich meine, im Äußeren haben Sie recht, da gibt es mehre Parallelen. Wir wissen noch nicht ganz genau, wie Gysi sich verhalten wird und ob er sozusagen so lebensweltlich argumentiert wie es damals Lafontaine gemacht hat - er hat gesagt, dass er sich jetzt seiner Familie widmen will, und so weiter. Also, das hatte noch eine andere Begründung. Hier, denke ich mir, ist eher von einer aktiven, weiteren Rolle Gysis auszugehen, und dann könnte das durchaus eben noch eine Rolle in dem Kampf der PDS, sich sozusagen als eine normale dritte Kraft neben CDU und SPD als den größeren Parteien zu etablieren.
Meurer: Noch kurz die Frage: Wie wird sich das für die PDS auswirken? Ist das eine Rückschlag für die Reformer in der Partei?
Rytlewski: Das ist eine ganz zentrale Frage, weil man im Grunde dieses noch nicht entscheiden kann, aber darauf laufen die nächsten Wochen hinaus, nämlich ob die Reformer eine allgemeine Akzeptanz der PDS in der deutschen Öffentlichkeit schon so weit stabilisiert haben, dass dieser Rückschritt keine Auswirkungen hat, ob also die Normalität trägt, oder ob jene, die da sagen, dass sie aus einer marxistischen Tradition kommen und dass sie eine radikalpazifistische Tradition in vielen Fragen haben, die sie offensiv vertreten müssen, dann wäre den Reformern durch den Rücktritt Gysis geschadet.
Meurer: Der Berliner Politikwissenschaftler, Ralf Rytlewski bei uns im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank, Herr Rytlewski und auf Wiederhören.
Meurer: Wie glauben Sie denn wird sich Gregor Gysis Rücktritt und die gegen ihn gerichteten Meilen-Vorwürfe für die PDS im Bundestagswahlkampf auswirken?
Rytlewski: Also, die Truppe wird nicht mehr so bunt sein - das ist ja wohl ganz klar. Die Berliner Stadtkoalition zwischen SPD und PDS hatte ja eine hohe strategische Bedeutung, weil sie von der PDS das Odium der rein regionalen Partei und damit auch eine gewisse Zweitklassigkeit nehmen sollte. Das heißt, vor den Augen der Welt war zu beweisen, dass die PDS im bundesdeutschen Parteiensystem und damit eben auch in den nächsten Wahlen als eine normale Partei akzeptiert würde.
Meurer: Aber wenn wir das hören, was Frau Pau gerade gesagt hat, wird Gysi dann in Talkshows munter weitermachen und im Wahlkampf weiter präsent sein?
Rytlewski: Das wäre denkbar. Ich meine, er hat seinen Rücktritt ja mit einer sehr emotionalisierten und moralischen Begründung formuliert, und das könnte natürlich auch zum Thema des Wahlkampfes gemacht werden. Die PDS hat ja bisher kein Thema in ihrem Wahlkampf vorangebracht, welches in der Lage ist zu emotionalisieren. Jetzt könnte man sich vorstellen, dass sich zumindest in diesen Wahlkreisen - das sind ja sehr wenige, um die es da geht, die in Berlin, aber auch in Rostock liegen - eine Trotzreaktion ausbreitet, und die kann man vom Wahlkampfmanagement natürlich im Sinne einer `Jetzt-erst-recht-Wahl` auch ansprechen.
Meurer: Also, denken Sie, dass Gysi als Opfer dargestellt werden wird?
Rytlewski: Wenn man seinen Abschiedsbrief liest, dann versteht er es ja dort, die andere Seite auf die moralische Anklagebank zu bringen, nämlich zu sagen, dass dieses Geschäft der Politik im Grunde immer auch mehr oder weniger ein Geschäft unter Korrumpierten ist, und ich bin derjenige, der nun einfach aussteigt. Da kann man natürlich Anschlüsse zur Wahlprogrammatik der ja im Kern immer noch marxistischen PDS finden.
Meurer: Wird es vielleicht sogar in der Anhängerschaft der PDS den Reflex geben: unser Ostpolitiker Gysi ist von den Westjournalisten abgeschossen worden?
Rytlewski: Ob nun von den Westjournalisten, das sehe ich nicht, weil der Tatbestand ja gegeben ist, und es ist ja noch nicht ganz klar, wie die Informationen von der Lufthansa zur Bild-Zeitung gelangten oder andere Wege genommen haben. Auch unabhängig davon, ob man die Wege herausbekommt, bleibt der Tatbestand und die damit verbundenen Aspekte bestehen. Nein, ich denke, wenn, dann eher in dem Sinne, dass das politische Establishment - dazu kann man auch die Medien rechnen - hier die Gelegenheit genutzt hat, nun den wichtigsten Politiker der Partei in eine schwierige Lage zu versetzen. Das könnte dann doch in diesen Berliner Wahlkreisen, wenn man das dann sozusagen forciert, durchaus zu einer Trotzreaktion führen.
Meurer: Es gibt ja einige, Herr Rytlewski, die eine Parallele zwischen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi ziehen. Beide sind sozusagen völlig abrupt aus der Politik ausgestiegen. Sehen Sie da auch eine Parallele?
Rytlewski: Weniger. Ich meine, im Äußeren haben Sie recht, da gibt es mehre Parallelen. Wir wissen noch nicht ganz genau, wie Gysi sich verhalten wird und ob er sozusagen so lebensweltlich argumentiert wie es damals Lafontaine gemacht hat - er hat gesagt, dass er sich jetzt seiner Familie widmen will, und so weiter. Also, das hatte noch eine andere Begründung. Hier, denke ich mir, ist eher von einer aktiven, weiteren Rolle Gysis auszugehen, und dann könnte das durchaus eben noch eine Rolle in dem Kampf der PDS, sich sozusagen als eine normale dritte Kraft neben CDU und SPD als den größeren Parteien zu etablieren.
Meurer: Noch kurz die Frage: Wie wird sich das für die PDS auswirken? Ist das eine Rückschlag für die Reformer in der Partei?
Rytlewski: Das ist eine ganz zentrale Frage, weil man im Grunde dieses noch nicht entscheiden kann, aber darauf laufen die nächsten Wochen hinaus, nämlich ob die Reformer eine allgemeine Akzeptanz der PDS in der deutschen Öffentlichkeit schon so weit stabilisiert haben, dass dieser Rückschritt keine Auswirkungen hat, ob also die Normalität trägt, oder ob jene, die da sagen, dass sie aus einer marxistischen Tradition kommen und dass sie eine radikalpazifistische Tradition in vielen Fragen haben, die sie offensiv vertreten müssen, dann wäre den Reformern durch den Rücktritt Gysis geschadet.
Meurer: Der Berliner Politikwissenschaftler, Ralf Rytlewski bei uns im Deutschlandfunk. Herzlichen Dank, Herr Rytlewski und auf Wiederhören.
