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StartseiteForschung aktuellEin Gesicht für unseren Urahn29.08.2019

PaläoanthropologieEin Gesicht für unseren Urahn

Vor 3,8 Millionen Jahren streifte ein früher Vorfahr des Menschen durch Ostafrika. Teile des Ober- und Unterkiefers hatten Forscher schon ausgegraben, dazu einige Zähne und Körper-Knochen. Jetzt aber entdeckte Yohannes Haile Selassie einen ganzen Schädel - und rekonstruierte daraus ein Gesicht.

Von Michael Stang

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Schädel des Australopithecus anamensis, daneben Rekonstruktion des Gesichts, durchgeführt am Cleveland Museum of Natural History (Susan and George Klein / Cleveland Museum of Natural History)
Schädelfund erlaubt erstmals Rekonstruktion des Gesichts von Australopithecus anamensis (Susan and George Klein / Cleveland Museum of Natural History)

Eine der wichtigsten Eigenschaften eines Paläoanthropologen ist Geduld. Viele Forschende weltweit graben jahrzehntelang nach Spuren aus der Frühzeit des Menschen und stoßen höchstens auf ein paar versteinerte Antilopenknochen. Doch manchmal ist ihnen das Glück hold, und einigen von ihnen sogar mehrfach. Zu ihnen gehört Yohannes Haile-Selassie. Der Paläoanthropologe vom Cleveland Museum of Natural History hat in den vergangenen Jahren einige bemerkenswerte Frühmenschenfossilien entdeckt und nun kommt ein weiteres hinzu: 2016 stieß er in Äthiopien mit seinem Team auf einen 3,8 Millionen Jahre alten Schädel eines Vertreters der Art Australopithecus anamensis.

Endlich ein Gesicht

"Dieser Schädel erlaubt uns einen ersten flüchtigen Blick in das Gesicht von Australopithecus anamensis. Bisher kannten wir vom Schädel dieser Art nur ein paar Kieferfragmente und Zähne; vom Gesicht gab es bisher keine Fossilien. Jetzt haben wir einen vollständigen Schädel. Und der gibt uns eine Vorstellung, wie dieser menschliche Vorfahre ausgesehen hat."

Das Ergebnis sei durchaus überraschend, sagt der äthiopische Forscher. Denn der Schädel zeige sowohl einfache anatomische Merkmale, wie sie für frühere menschliche Vorfahren typisch sind, als auch komplexere Merkmale, die sich bei späteren Frühmenschen-Arten finden.

(Susan und George Klein / Cleveland Museum of Natural History)Yohannes Haile-Selassie stieß 2016 in Äthiopien auf den Schädel des Australopithecus anamensis. Aus dem Schädel CRA 3 wurde am Cleveland Museum of Natural History das Gesicht rekonstruiert (Susan und George Klein / Cleveland Museum of Natural History)

"Im Lauf der Evolution wurde das Gesicht der Menschen immer flacher. Unsere frühen Vorfahren hatten alle ein vorspringendes Gesicht. Was wir jetzt anhand dieses neuen Fundes lernen können ist, dass es diese anatomisch primitiven Gesichter noch bis zur Entwicklung unserer Gattung Homo gab."

Doch das war es auch schon mit den klaren Antworten, die der bisher älteste Vertreter der Gattung Australopithecus liefert. Überraschend an dem neuen Fund ist für Yohannes Haile-Selassie vor allem die Erkenntnis, dass diese Art offenbar rund 100.000 Jahre lang parallel mit ihrer Nachfolge-Art Australopithecus afarensis gelebt haben muss, zu der auch die berühmte Lucy gehört. Das klingt nach einem Detail, hat aber gewaltigen Einfluss auf das Verständnis der Evolution der Menschheit.  Denn es stellt die Vorstellung einer direkten Ahnenlinie des Homo sapiens infrage. Yohannes Haile-Selassie:

Wer waren unsere frühen Vorfahren? Einfache Antworten sind überholt

"Beim Ursprung unserer Gattung Homo geht es um die Frage: Aus welcher Form hat sie sich entwickelt? Bisher war die Antwort einfach: Es war die Spezies, der Lucy angehörte, also Australopithecus afarensis - einfach weil es aus dieser Zeit keine anderen Funde gab. Jetzt wissen wir aber, dass zwischen 3,8 und 3,5 Millionen Jahren vor unserer Zeit zwei Frühmenschenarten parallel lebten. Wer unsere direkten Vorfahren waren, ist damit nicht mehr so klar. Es könnte sein, dass wir andere Erklärungsmöglichkeiten in Betracht ziehen müssen."

Aus welcher Art schließlich unsere Gattung Homo hervorging, darüber streiten die Fachleute zunehmend. Klarheit bringen können da - wie immer - nur weitere Fossilienfunde. Bis auf Weiteres werden die Paläoanthropologen deshalb im Nebel stochern. Denn sicher ist aktuell nur Eines: Die hübschen Stammbäume, die lange Lehrbuchwissen waren, sind überholt. Viele Frühmenschenarten lebten in Afrika über viele Jahrtausende hinweg parallel nebeneinander. Und wer in der direkten Ahnenreihe von Homo sapiens letztlich steht, ist derzeit völlig offen.

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