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Papst Franziskus
Zu Südamerikas Stiefkindern

Ein Kontinent, drei Länder, acht Tage - Papst Franziskus hat sich für seine Lateinamerika-Reise viel vorgenommen. Ausgerechnet sein Heimatland Argentinien besucht er nicht. Doch damit bleibt das katholische Oberhaupt auch dieses Mal nur seinen Prinzipien treu - und könnte dabei noch für manche Überraschung sorgen.

Von Tilmann Kleinjung, Rom | 05.07.2015

Papst Franziskus
Papst Franziskus (picture alliance/dpa/Fabio Frustaci/Eidon)
Papst Franziskus kehrt ans Ende der Welt zurück. So hat er selbst seinen Kontinent genannt, als er vor mehr als zwei Jahren zum Papst gewählt wurde. Es scheint ungewöhnlich, dass er dabei seinem Heimatland Argentinien keinen Besuch abstattet. Doch die Heimat des Papstes ist Lateinamerika, sagt Omar César Albado, Theologieprofessor an der Katholischen Hochschule in Buenos Aires. "Er will an den Adern eines großen Kontinents entlang fahren, die uns untereinander verbinden. Ecuador, Bolivien und Paraguay sind sein Zuhause."
Vor allem aber bleibt Franziskus seinem Reiseplan treu und besucht die Randgebiete, die Peripherie. Ecuador, Bolivien und Paraguay zählen zu den Stiefkindern dieses Kontinents. Kleine Staaten, die mit Brasilien, Argentinien oder Chile nicht Schritt halten können und in denen sich die ungelösten Probleme Lateinamerikas bündeln: Armut, Korruption, Kriminalität.
Franziskus: "Ich möchte Zeuge der Freude des Evangeliums sein und die Zärtlichkeit und Liebe Gottes, unseres Vaters bringen. Vor allem zu seinen bedürftigsten Kindern, den Alten, den Kranken, den Gefangenen, den Armen, allen, die Opfer dieser Wegwerfkultur geworden sind."
Franziskus wird Position gegen Missstände beziehen
"Wegwerfkultur" ist eines der Worte, mit denen Franziskus seine Kritik an Kapitalismus und Ausbeutung besonders gerne beschreibt. Diese Kritik wird vor dem lateinamerikanischen Hintergrund besser verständlich. Wo es in vielen Ländern trotz Wirtschaftswachstums eine massive soziale Ungerechtigkeit gibt. Bernd Klaschka, Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Adveniat: "Der Papst steht auf der Seite der Menschen und er hat eine eindeutige Option gefällt zugunsten der Armen. Er möchte eine arme Kirche für die Armen. Das ist der Ort, von dem aus der Papst handeln und agieren möchte."
Bei einem Besuch in einem Großgefängnis in Bolivien und einem Armutsviertel in Paraguay hat Franziskus Gelegenheit eindeutig Position zu beziehen gegen die Missstände im Strafvollzug und die unwürdigen Lebensbedingungen in den südamerikanischen Megacitys. In Ecuador kann er aus seiner jüngsten Umwelt-Enzyklika zitieren. Hier will die Regierung im ökologisch wertvollen Yasuni-Nationalpark Öl fördern, gegen den Widerstand der dort lebenden indigenen Bevölkerung.
Bernd Klaschka: "Diese indigenen Völker haben großen Respekt vor der Natur, sie achten sie und beuten sie nicht aus. Diese Mentalität möchte Papst Franziskus stärken und sagen: Seid sorgsam mit der Natur und achtet eure Umwelt."
Überraschungen nicht ausgeschlossen
Eine Woche dauert diese Reise. Millionen Menschen werden erwartet. Die Südamerikaner lieben "ihren" Papst und werden ihn mit Begeisterung empfangen. Für Franziskus ist der Besuch auf seinem Heimatkontinent auch ein politischer Balanceakt. Umstrittene Politiker wie Ecuadors Präsident Rafael Correa haben schon im Vorfeld versucht, den populären Papst politisch zu vereinnahmen. Außerdem ist die Reise in die hochgelegenen Andenstädte für den 78-Jährigen auch eine körperliche Herausforderung. Boliviens Hauptstadt La Paz liegt auf 3.600 Metern Höhe. Papstsprecher Federico Lombardi sieht darin allerdings kein Problem: "Er wollte unbedingt auch La Paz besuchen. Er ist überhaupt nicht beunruhigt, sondern überzeugt, dass er auch diese Anstrengung gut meistern wird."
Ein Vorteil: Der Papst kann in seiner Muttersprache Spanisch sprechen. Im Vatikan heißt es, dass die für diese Reise vorbereiteten Ansprachen und Predigten wohl eher für das Archiv sind. Franziskus wird noch mehr als sonst die Gelegenheit zur freien Rede nutzen. Überraschungen nicht ausgeschlossen.