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Partei-interner Wahlkampf der Grünen
Wer wird der zweite Spitzenkandidat?

Die Grüne werden heute mit dem Ergebnis der Urwahlentscheidung ihren zweiten Spitzenkandidaten bekannt geben. Als einzige Frau unter den Kandidaten gilt Katrin Göring-Eckardt als gesetzt. Nach fünf Monaten partei-internem Wahlkampf zwischen Robert Habeck, Anton Hofreiter und Parteichef Cem Özdemir hat die Parteibasis eine Entscheidung getroffen.

Von Nadine Lindner | 18.01.2017
    Katrin Göring-Eckardt, Robert Habeck, Cem Özdemir und Anton Hofreiter.
    Katrin Göring-Eckardt, Robert Habeck, Cem Özdemir und Anton Hofreiter wollen die Grünen in den Bundestagswahlkampf führen. (picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa)
    "Und bitte zu mir nach vorne, Katrin Göring Eckardt, Robert Habeck, Anton Hofreiter und Parteichef Cem Özdemir."
    Fünf Monate partei-interner Wahlkampf. Nicht nur bei Diskussionsveranstaltungen wie hier Anfang Januar in Berlin, sondern auch mit kleinen Youtube-Videos warben Göring-Eckardt, Habeck, Hofreiter und Özdemir für ihre Positionen und um die Stimmen der 61.000 Parteimitglieder:
    "Ich trete bei der Urwahl an, um grün in die Regierung zu führen."
    "Wir sollten eine Partei sein, nicht zwei. Die Flügelstreitereien lähmen uns."
    "Die ökologische Frage wird erneut an den Rand gedrängt. Ich will nicht dem Mainstream hinterherlaufen, nur um in der Mitte zu sein."
    "Mein Name ist Cem Özdemir, ich will Spitzenkandidat bei Bündnis 90/Die Grünen werden. Mir geht es darum, dass wir mit einem entschlossenen, frischen Wahlkampf auch all diejenigen erreichen, die zwar grün ticken, uns aber noch nicht wählen."
    Robert Habeck als klartext-sprechender Außenseiter
    Das Rennen der drei männlichen Kandidaten galt bis zum Schluss als offen. In der Position des klartext-sprechenden Außenseiters: Der 47-jährige Kieler Umweltminister Robert Habeck. Er teilt gern mal aus, gegen seine Konkurrenten, aber auch gegen die eigene Partei:
    "Ich will dafür sorgen, dass die Partei eine Aufstellung findet, die uns nicht bei 9 Prozent verrecken lässt. Und das ist möglicherweise erst der Beginn des Abstiegs nach unten."
    Bekanntester Kandidat: der Parteivorsitzende Cem Özdemir
    Seit 2008 ist Cem Özdemir Parteivorsitzender, damit ist der 51-Jährige sicherlich der Bekannteste unter den Spitzenkandidaten-Kandidaten. Das erhöht seine Chancen, aber für ihn könnte es auch am schmerzhaftesten werden, falls er verliert. Ehrfahren, ehrgeizig, mit außenpolitischem Profil:
    "Ich hab mich da sehr früh positioniert, das wisst ihr, solange ich nicht weiß, dass ISIS nicht besiegt ist. Und das wird nach Lage der Dinge auch militärisch sein müssen."
    Verkehrspolitiker und Parteilinker Anton Hofreiter
    Parteilinker, Verkehrspolitiker, freundlich, aber nicht immer telegen. Das ist der Bayer und Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter, 46 Jahre alt:
    "Dass wir Grüne uns trauen, uns mit der Auto-Industrie anzulegen, der Kohleindustrie anzulegen. Dass die Klimakrise nicht nur verbal bekämpft wird. Das will ich mit euch erreichen."
    Katrin Göring-Eckardt, 50 Jahre alt, ist die einzige Frau und gilt damit als gesetzt. Immer wieder hatte es daran Kritik gegeben. Und das ausgerechnet bei den Grünen, die sich wie kaum eine andere Partei die Frauenförderung auf die Fahnen geschrieben haben. Beim letzten Urwahlforum in Berlin muss sich die Fraktionschefin, die zum Realo-Flügel zählt, verteidigen:
    "Ich glaube, dass allen klar ist, dass ich mir das gewünscht habe. Ich habe auch niemanden unter Druck gesetzt, nicht zu kandidieren."
    Die Stunde der Wahrheit für Habeck, Hofreiter und Özdemir
    Trotz vereinzelten Genörgels, der politische Geschäftsführer Michael Kellner ist trotzdem zufrieden mit der parteiinternen Mobilisierung der 61.000 Mitglieder:
    "Ich kann ihnen sagen, ich freue mich sehr, wir haben eine Wahlbeteiligung von 58,96 Prozent, das ist ein super Wert für eine schriftliche Abstimmung."
    Auch wenn es unterschiedliche Präferenzen für mögliche Koalitionskonstellationen gibt – Özdemir zieht eher schwarz-grün vor, Hofreiter rot-rot-grün, werden sie nicht müde zu betonen, dass man nach der Bundestagswahl mit allen sprechen werde.
    Wie werden sich die Mitglieder entscheiden? Nach persönlicher Präferenz oder eher strategisch? Werden also inhaltliche Positionen im Mittelpunkt stehen oder die Frage, wie gut sie jemand verkaufen kann? Welche Rolle spielen die Parteiflügel, Linke und Realos? Alles Unwägbarkeiten.
    Dass die grüne Basis durchaus für eine Überraschung gut sein kann, das hat sie bereits vor der Bundestagswahl 2013 bewiesen. Auch damals gab es eine Urwahl. Und die langjährige Parteivorsitzende Claudia Roth galt als klare Favoritin. Gewonnen hat das parteiinterne Rennen aber Katrin Göring-Eckardt. Ob es heute wieder Überraschungen gibt? Um 10 Uhr schlägt die Stunde der Wahrheit für Habeck, Hofreiter und Özdemir.