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StartseiteKalenderblattVom Krämerssohn zum einflussreichen Wirtschaftswissenschaftler 15.05.2015

Paul Anthony Samuelson Vom Krämerssohn zum einflussreichen Wirtschaftswissenschaftler

Seit 67 Jahren schon begleitet Paul Samuelsons "Einführung in die Volkswirtschaft" angehende Ökonomen. Die blauen Bände mit mehr als 1000 Seiten gelten als Standardwerk. Samuelsons hat vieles, was Laien über Wirtschaft wissen, beeinflusst. Vor 100 Jahren, am 15. Mai 1915, wurde er in Gary/Indiana geboren.

Von Andreas Baum

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul A. Samuelson erhält aus den Händen des schwedischen Königs Gustav VI. Adolf den Nobelpreis für Wirtschaft, aufgenommen in Stockholm am 10.12.1970. (dpa / picture alliance / Scanpix)
Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul A. Samuelson erhält aus den Händen des schwedischen Königs Gustav VI. Adolf den Nobelpreis für Wirtschaft, (dpa / picture alliance / Scanpix)

Als Paul Samuelson am Ende seines Lebens gefragt wurde, warum er als junger Mensch ausgerechnet die Ökonomie als Beruf gewählt hatte, war seine Antwort, dass er in einem Kaufmannsladen groß geworden war - was die beste Voraussetzung für seine Karriere gewesen sei. Dieser Kaufmannsladen war die Drogerie seines Vaters in Gary/Indiana, einer Stahlarbeiterstadt im Großraum Chicago, an der südlichen Spitze des Lake Michigan. Der Vater, ein jüdischer Immigrant aus Polen, beherrschte Polnisch, Litauisch, Russisch, Deutsch und Weißrussisch – und die Arbeiter, die oft aus diesen Ländern stammten, redeten sich ihren Kummer in ihren Muttersprachen von der Seele.

"Die Arbeiter hatten keinen Arzt. Deshalb war mein Vater, der Drogist, ihr Arzt. Der Laden wurde zu einem Mekka für sie."

Anfangs, während des Booms der Weltkriegsjahre, wurde in den Werken rund um die Uhr produziert, die Arbeiter verdienten gut. Während der Depression nach 1929 verloren sie ihren Job.

Paul Samuelson, am 15. Mai 1915 geboren, schrieb sich mit nur 17 Jahren an der Universität von Chicago ein. Die Wirtschaftswissenschaften dort waren damals – und sind es heute noch – stark von der Neoklassik geprägt – dem Glauben, dass die Märkte, lässt man sie sich nur ungehindert entfalten, das größte Maß an Wohlstand und Gerechtigkeit schaffen. Doch Samuelson fand an der Universität von Chicago nicht die Antworten, die er suchte, denn in Gary hatten profitable Fabriken schließen müssen, und Stahlarbeiter lebten unverschuldet im Elend. Hinzu kam eine Bankenkrise, die das gesamte Land erfasst hatte.

"In Indiana gingen die meisten Banken pleite - und nicht nur die schlechten. Was nutzte es da, auf perfekten mikroökonomischen Bedingungen zu beharren?"

Samuelson wollte weg vom naiven Marktglauben der Neoklassischen Theorie – in seiner Dissertation versuchte er, mathematisch unterlegt, eine Synthese zu schaffen aus der Chicago-Schule und dem Keynesianismus, der die Eingriffe des Staates einfordert, um die Wirtschaft zu zähmen – auch vereinzelte Anleihen aus der marxistischen Lehre fanden sich in seinem Standardwerk, der "Einführung in die Volkswirtschaftslehre", das Generationen von Ökonomen geprägt hat.

Paul Samuelson beriet mehrere US-Präsidenten, nicht nur die demokratischen, die ihm nahe standen, sondern auch zum Beispiel Ronald Reagan, den er gleichzeitig kritisierte, weil er das Staatsdefizit ins Unermessliche steigen ließ, Großkonzerne verwöhnte, Steuern senkte und ausländisches Geld in die Aktien und Derivate lenkte – Investoren, die sich an Unternehmen beteiligen wollten, aber Steine in den Weg legte.

" Es ist im Grunde genommen völlig unverständlich, dass in jüngster Zeit die viel stabileren Direktinvestitionen unter Beschuss geraten. Wer Produktionsstätten errichtet und ganze Betriebe aufkauft, bringt der US-Wirtschaft einen bemerkenswerten Vertrauensbeweis entgegen und zeigt damit, dass er langfristige Pläne hegt. Aktien– und Anleihebesitzer können hingegen durch einen schnellen Anruf bei der Bank beziehungsweise beim Makler ihr Geld genauso schnell wieder abziehen, wie sie es angelegt haben. Die Labilität der indirekten Investitionen sollte vielmehr Anlass zur Sorge geben."

Reagans Wirtschaftspolitik war Samuelson zufolge zu stark auf den unproduktiven Geldmarkt fixiert und wurde damit seiner Ansicht nach zum Wegbereiter späterer Finanzkrisen. In der Öffentlichkeit wurde Samuelson zum Gegenspieler von Milton Friedman, dem Star der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Friedman hatte die Gier zur Tugend erhoben.

"Was ist Gier? Natürlich sind wir niemals selbst gierig, es sind immer die anderen! Die Welt wird angetrieben von Individuen, die ihren eigennützigen Interessen nachgehen."

Privat waren Friedman und Samuelson gut befreundet – was Samuelson zeitlebens sehr wichtig war.

"Die Tatsache, dass er und ich, trotz politischer Meinungsverschiedenheit , über 40 Jahre gute Freunde blieben, sagt viel über uns aus – noch mehr, so wage ich zu behaupten, über die politische Ökonomie als Wissenschaft."

1971 erhielt Samuelson als erster Amerikaner den Wirtschafts-Nobelpreis.

Mit 89 Jahren, im Jahr 2004, sorgte Samuelson noch einmal für eine Sensation – er empfahl dem Staat, das Tempo der Globalisierung künstlich zu drosseln – und hatte dabei die Wohlfahrt amerikanischer Arbeiter im Sinn, die mit den Billiglöhnen Lateinamerikas und Asiens nicht konkurrieren konnten.

2009 starb Paul Samuelson 94-jährig in Belmont/Massachusetts.

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