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StartseiteCorso"Wo ist Deine künstlerische Kraft?"24.09.2019

Pedro Almodóvar zum 70sten"Wo ist Deine künstlerische Kraft?"

Die Presse hat Dich in den 80er- und 90er-Jahren als "Enfant terrible" bezeichnet, weil Deine Filme so schrill und antibürgerlich daherkamen. Du, Pedro Almodóvar, gehörtest zu den Erneuerern des spanischen Kinos. Inzwischen bist Du ruhiger und nachdenklicher geworden. Ein Geburtstagsbrief zum 70sten.

Von Sigrid Fischer

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Foto IPP/Daniele Cifala 18/05/2019 Pain And Glory (Dolor Y Gloria Douleur Et Glorie) Photocall - The 72nd Annual Cannes Film Festival nella foto: Antonio Banderas, Penelope Cruz and Director Pedro Almodovar PUBLICATIONxNOTxINxITAxFIN 0 (imago / Italy Photo Press Daniele Cifala )
Pedro Almodóvar (M.) hat die Karrieren von Pedro Almodóvar und Antonio Banderas befördert (imago / Italy Photo Press Daniele Cifala )
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"Ich habe mich nie als Enfant terrible gefühlt"

Jetzt bist Du tatsächlich 70 Jahre alt, Pedro. In Deinem aktuellen Film "Leid und Herrlichkeit" erfahren wir ja, dass es gar nicht so leicht war, dieses Alter zu erreichen - mit den vielen Schmerzen, den physischen und seelischen - und mit den Drogen gegen die Schmerzen. Zuletzt sah ich Dich am Stock über die roten Teppiche gehen:               

"Wenn Du weder schreibst noch Filme mehr drehst, was machst Du dann?"
"Leben vermutlich."
"Du denkst nur an Deine Krankheiten. Du hast zu viel Zeit."

Die künstlerische Kraft fehlt

Ich will ehrlich sein, ich mochte diesen Film nicht so besonders, genau wie die letzten zwei oder drei. Mir fehlt die künstlerische Kraft, die mich früher begeistert hat. Vielleicht ist Dir tatsächlich die Leidenschaft etwas abhanden gekommen, auch darum geht es ja in Leid und Herrlichkeit. Oder Tarantino hat Recht: Irgendwann hat man als Regisseur alles gegeben und kann sich nur noch verschlechtern. Mindestens alle zwei Jahre einen neuen Film drehen, wie Du, Pedro, das kann auch nicht jedes Mal gut gehen.

Die Luftgitarrenszene aus "Attame". Ich glaube, das war mein erstes fesselndes Erlebnis mit einem Almodóvar-Film "Attame – Fessle mich". Der junge, kaum widerstehliche Antonio Banderas hält eine Frau gefangen, Victoria Abril, von der er besessen ist, er will ihr beweisen, dass sie ihn auch liebt, sie das nur noch nicht weiß. 

Seine internationale Karriere verdankt Banderas Dir, und jetzt spielt er Dich in Deinem aktuellen Film. Du hast nie auf die Zugkraft von US-Stars gesetzt, sondern bist den Darstellern aus Deiner Heimat treu geblieben. Und darunter sind vor allem viele tolle Frauen – ein Grund, warum man Deine Filme als Frau kaum nicht lieben kann. Als schwuler Mann kennst Du Dich verdammt gut aus:

"Ach wir Frauen, was tun wir nicht alles, nur um nicht allein zu sein."
" Wir Frauen sind eben einfach toleranter, das find ich gut."
"Und ziemlich bescheuert. Und ein bisschen lesbisch."

Deftiges Gazpacho-Rezept

Bei Deinen Filmfrauen enden Ehemänner beziehungsweise Väter schon mal als Leiche in der Kühltruhe. Wie in "Volver". Überhaupt hängen Liebe, Mord und Totschlag in Deinen Geschichten oft zusammen. Und Dein Gazpacho-Rezept ist auch nicht ohne.

Carmen Maura: "Tomate, pimiento, ..."

Die Schlaftabletten, mit denen sie unter anderem zwei Polizisten lahm legt in "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs", die erwähnt Carmen Maura natürlich nicht.

Im Hintergrund läuft übrigens der wunderbare Soundtrack zu "Sprich mit ihr" von Deinem Hauskomponisten Alberto Iglesias. Den Film über den Krankenpfleger, der aus Liebe eine Komapatientin hingebungsvoll pflegt - mal wieder eine Liebe mit so viel Hindernis – diesen Film erinnere ich am liebsten! Auch, weil Du die Erwartungen an das Bunte, Schrille, Überdrehte, manchmal auch bewusst Kitschige, das zu Deinem Markenzeichen geworden war, nicht bedienst. Klar, am Anfang war das Laute ein Akt der Befreiung vom Franco-Regime. Du kamst ja aus dem Underground der Madrider Künstlerszene der 80er und musstest damit das erstarrte Spanien  provozieren und aufrütteln. "Enfant terrible" nannte man dich, Du siehst das anders, hast Du mir mal im Interview gesagt.

Almodóvar: "Die Presse hat in den 80er- und 90er-Jahren schon viel Anstoß an meinen Filmen genommen. Ich wurde immer schon mit Skandalfilmen in Verbindung gebracht. Trotzdem habe ich mich nie als Enfant terrible gefühlt. Aber dieses Label hängt mir wohl mein Leben lang an."

Lebenskrisen als Dauerthema

Das Gefällige lag Dir eben nie, Pedro, Tabus und Konventionen sind Dir egal, und das ist gut so. Das etwas Leisere und Nachdenklichere steht Dir aber eben auch gut. Zum Beispiel in Deinem Oscar-Gewinner "Alles über meine Mutter":

"Weißt Du was von ihr?"
"Von wem? Von Lola? Ja, leider. Bist Du etwa auf der Suche nach ihr?"
" Ja, ich muss noch was mit ihr klären."

Rosa sucht den Vater ihres verstorbenen 17-jährigen Sohns und findet sie, die Transfrau Lola. Bedauern über Verpasstes, Einsamkeit, Leidenschaft, Tod, Katholizismus, schwules Leben, die Liebe in allen Facetten und Konstellationen – diese persönlichen Themen machen eben auch Deine Filme sehr persönlich.

Die Lebenskrisen beschäftigen Dich offenbar weiter. In Deinem nächsten Film, sagst Du, willst Du von einem Mann erzählen, der sich nicht mehr begeistern kann. Na, hoffentlich erinnerst Du Dich aber auch an das, was Du mir im Interview mal über das Alter gesagt hast:

Almodóvar: "Alles, was Jugend verlängert, ist gut, und ich meine nicht nur die äußerliche, sondern auch die organische und die emotionale Jugend. Ich würde doch lieber 90 werden als mit 50 oder 60 sterben."

Felicidades, Pedro Almodóvar!

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