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StartseiteForschung aktuellSteht unser Menüplan in den Genen?05.09.2016

Personalisierte ErnährungSteht unser Menüplan in den Genen?

Die rasante Entwicklung der Genomik ermöglicht es, genetische Daten immer schneller zu erheben. Das weckt Hoffnungen für neue Anwendungen - dazu gehört auch die personalisierte Ernährung. Die Schweizer Gesellschaft für Ernährung hat darüber in der letzten Woche mit Vertretern aus Forschung und Industrie diskutiert.

Von Jennifer Rieger

Obst und Gemüse liegen um einen Teller Nudelsuppe. (imago / BE&W)
Kann die Ernährung bestimmten genetischen Voraussetzungen angepasst werden? (imago / BE&W)
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Hannelore Daniel, Professorin für Ernährungsphysiologie an der technischen Universität München

Vincent Mooser, Uniklinik Lausanne

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Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein - so formulierte Hippokrates einst die Ansicht, dass das richtige Essen über Gesundheit oder Krankheit bestimmen kann. Mehr als anderthalb Jahrtausende später behandeln ganze Forschungszweige diese Frage.

Die Nutrigenetik beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen Genen und Ernährung. Das Ziel: maßgeschneiderte Menüpläne, perfekt abgestimmt auf den individuellen Genotyp. Denn einzelne Genvarianten können beeinflussen, wie der Körper auf Nährstoffe reagiert oder wie anfällig er für bestimmte Krankheiten ist. Zum Beispiel:

"Das ist ein Gen, was in allen ethnischen Gruppen auf der ganzen Welt auffällig wird", sagt Hannelore Daniel, Professorin für Ernährungsphysiologie an der technischen Universität München. "Die Genvariante, die wir als Risikoallel definieren bedingt allein ein etwa 35 bis 40 Prozent erhöhtes Risiko eine Typ-2-Diabetes zu entwickeln."

Hilfe bei genetisch veranlagten Krankheiten?

Doch TCF7L2 ist eher die Ausnahme. Hannelore Daniel:

"Es gibt ein paar wenige Gene, deren Varianten durchaus beträchtlichen Einfluss haben auf gesund oder krank und es gibt ganz viele, die ganz kleine Effekte haben."

Hinzu kommt, dass bisher kaum bekannt ist, ob bei einer bestimmten, risikoreichen Genvariante eine bestimmte Diät tatsächlich das Risiko mindert. Vincent Mooser von der Uniklinik Lausanne sieht dabei Parallelen zur Pharmakogenetik, die den Einfluss der Gene eines Patienten auf die Wirkung von Medikamenten untersucht:

"Nutrigenetik ist nicht so weit entfernt von Pharmakogenetik. Bei beiden geht es darum, wie ein Individuum mit Einflüssen von außen umgeht. Bei der Pharmakogenetik sind das Arzneimittel, bei der Nutrigenetik sind es Lebensmittel."

Ein Haufen gemischert, bunter Tabletten (dpa / picture alliance / Klaus Rose)Die Pharmakogenetik untersucht den Einfluss bestimmter Gene auf die Wirkung von Medikamenten - so wie sich die Nutrigenetik mit Lebensmitteln befasst (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Es gibt überzeugende Beispiele dafür, wie genetische Untersuchungen Patienten vor unangenehmen Nebenwirkungen von Medikamenten bewahren können. Ein Begleittest für das HIV-Medikament Abacavir zeigt zum Beispiel, ob ein Patient überempfindlich darauf reagieren könnte - und hat die Anzahl solcher Fälle praktisch auf Null heruntergeschraubt. Das Problem sei allerdings, erklärt Mooser:

"Es ist ziemlich einfach, genetische Marker zu finden, die mit einer Nebenwirkung zusammenhängen. Aber es ist extrem schwer nachzuweisen, dass ein genetischer Begleittest in der Praxis dann tatsächlich hilft, Nebenwirkungen zu vermeiden. Je personalisierter die Medizin oder die Ernährung sein soll, desto größer muss die Population sein, die wir testen, damit sie genug Menschen beinhaltet, die eine gewisse genetische Zusammensetzung aufweisen."

Bei der Nutrigenetik kommt hinzu, dass der Inhalt eines Kochtopfs in seiner Zusammensetzung viel komplexer ist als der Inhalt einer Pille. Auch eine Studie des EU-finanzierten Projekts Food4me, an der Hannelore Daniel beteiligt war, weckt wenig Hoffnung für die Anwendbarkeit von Nutrigenetik.

Bisherige Ergebnisse enttäuschend

Sie zeigte zwar, dass eine personalisierte Ernährungsberatung Menschen dazu bringen kann, sich gesünder zu ernähren. Sie zeigte aber auch, dass dazu eine herkömmliche Beratung ohne genetische Informationen ausreicht. Hannelore Daniel:

"Wir wussten, das wird nicht wirklich einen großen Effekt haben - aber das, was rausgekommen ist, hat mich dann doch ein bisschen mehr enttäuscht, weil es weniger war als das Wenige, was ich erwartet hatte."

Gibt es trotzdem eine Zukunft für die Nutrigenetik? Um das zu beantworten, werden Forscher und Ernährungsberater lernen müssen, genetische Daten in ihrer Gesamtheit auszuwerten und in nützliche Informationen zu übersetzen. Dabei entstehen auch ethische Fragen, zum Beispiel die der kommerziellen Nutzung persönlicher Daten.

Kritiker befürchten außerdem, dass die Nutrigenetik zu einer weiteren Pathologisierung des Essens führen könnte. Mit der praktischen Umsetzung wird trotzdem bereits experimentiert. Verschiedene Forschungsinstitute und kommerzielle Unternehmen sind bereits dabei Apps zu entwickeln, die personalisierte Ernährungsempfehlungen auf Grundlage der Gene abgeben.

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