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StartseiteBücher für junge LeserAlles nur ein Traum20.04.2019

Peter Sís im PorträtAlles nur ein Traum

Peter Sís gehört zu den renommiertesten Bilderbuchkünstlern der USA. In seiner autobiografischen Bildergeschichte "Robinson" erinnert er sich an ein Erlebnis aus seinen Kindertagen in Prag, das für ihn traumatische Folgen hatte: Bei einem Maskenball in seiner Schule trat er im Robinson-Kostüm auf.

Von Siggi Seuß

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Peter Sís gestikuliert (mago images / CTK Photo)
Peter Sís: "Und ich dachte mir: "Wahnsinn, wie Robinson auszusehen!"" (mago images / CTK Photo)

"Meine Freunde und ich lieben Abenteuer. Wir spielen immer Piraten. Das Meer ist unser Reich. Als das Kostümfest in der Schule angekündigt wird, ist natürlich klar, dass wir als Piraten gehen."

Als würde sich wieder einmal ein Lebenskreis schließen: Der amerikanisch-tschechische Bilderbuchkünstler Peter Sís kehrt mit seiner neuen Geschichte "Robinson" zurück zu seinen Wurzeln, in die Kindheitstage in Prag, Ende der 1950er Jahre.

"Es ist Zeit, zu meiner Kindheit zurückzukehren. Von Kindesbeinen an haben mich die Geschichten meines Vaters beschäftigt, die Geschichten meiner Helden, auch die amerikanischer Politiker und Menschenrechtler – und plötzlich sind meine Kinder erwachsen, haben das Elternhaus verlassen und ich versuche nun darüber nachzudenken, wer ich bin. So habe ich auch eine Geschichte aus meiner Kindheit wiederentdeckt. Genau genommen hat meine Schwester eine Fotografie gefunden, auf der ich als Robinson Crusoe verkleidet zu sehen bin. Als ich ungefähr neun Jahre alt war, ging ich mit meiner Mutter zu einem Maskenball in meiner Schule."

Träume von Abenteurern und Welterforschern

Abenteurer, Welterforscher, Wissenschaftler, große und kleine - das sind die Helden seit seiner Kindheit, seit er die Bücher von Jules Verne und Robert Louis Stevenson verschlungen hat, und sich so aus seiner beengten realsozialistischen Welt wegträumen konnte. Und als der junge Animationsfilmer 1984 nach einem Arbeitsaufenthalt in Los Angeles in den USA blieb und sich dank seines Mentors Maurice Sendak in New York ansiedelte, konnte er seine Träume von Abenteurern und Welterforschern in einzigartig illustrierte und philosophisch tiefgründige Bildergeschichten umsetzen: Columbus, Galilei, der tschechische Abenteurer Jan Welzl, Darwin, Saint Exupéry. Peter Sís führte die staunenden Leser ins alte Prag - auch ins sozialistische Prag vor der Grenzöffnung -, er machte sie mit den Komodowaranen bekannt, wandelte auf den Spuren seines Vaters, eines Dokumentarfilmers, nach Tibet, aber auch auf denen seines Töchterchens Madlenka beim Spaziergang um den Häuserblock, in dem die Familie in Manhattan wohnte. Und nun also, nach Jahrzehnten der Spurensuche in der realen Welt der Abenteurer und Forscher entzündete sich seine Fantasie an einem Kinderfoto, das ihn als Neunjährigen im von der Mutter genähten Kostüm als Robinson Crusoe zeigt.

"Auf der einen Seite hatte ich jede Menge Bücher über Forschungsreisende gelesen. Auf der anderen Seite wollte ich von meinen Freunden gemocht werden. Und dieser Maskenball war Tradition an unserer Schule, immer im September. Mein großer Wunsch war also, so zu sein wie meine Freunde. Aber meine Mutter, die meine Vorliebe für Abenteurer kannte, schlug vor: "Du kannst auch ein richtiger Forscher sein. Ich schneidre dir das Kostüm." Und ich dachte mir: "Wahnsinn, wie Robinson auszusehen!" Ich glaubte ihr also und meinte: "Das passt!""

"Ich will nur noch weg"

"Und Mann – als das Kostüm fertig ist, sehe ich wirklich wie Robinson Crusoe aus. Auf dem Weg zur Schule platze ich fast vor Aufregung. Was sagen wohl meine Freunde? Ich kann es kaum erwarten, dass sie mich sehen! - Aber als ich vor ihnen stehe, lachen sie mich aus und ärgern mich. Mir wird ganz heiß. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr stark und mutig. Ich will nur noch weg."

"Ich fühlte mich schrecklich und wollte nur noch nach Hause. Gleichzeitig sprach mir eine Erwachsenenjury den ersten Preis für die beste Verkleidung zu. Die Kinder aber dachten: "Das sieht lächerlich aus. Du solltest aussehen wie wir." Das Gute daran war: Ich ging nach Hause, fühlte mich wirklich krank und las mich durch meine Abenteuerbücher. Ich weiß nicht genau, ob ich damals auch den Robinson noch einmal verschlungen habe – aber für diese Geschichte passt es. Etwa drei Wochen ging ich nicht zur Schule."

Peter leidet, zieht sich in sein Zimmer zurück und liest - einsam wie er sich fühlt - noch einmal die Geschichte Robinson Crusoes, seines Helden, den Peters Freunde nicht kennen. Und schläft darüber ein. - Plötzlich haben wir Betrachter des Buches so etwas wie ein Déjà-vu-Erlebnis: Wir erinnern uns an den kleinen Max in Maurice Sendaks Bilderbuch "Wo die Wilden Kerle wohnen",  Max, der im Wolfskostüm in seinem Bett liegt und dessen Zimmer sich mir nichts dir nichts zuerst in einen wilden Wald und einen Strand verwandelt, bevor der kleine Mann zu einer einsamen Insel segelt.

"Als ich an diesem Buch arbeitete, dachte ich überhaupt nicht an Maurice Sendak. Trotzdem ähnelt es seinem "Wo die Wilden Kerle wohnen" sehr. Ja, zwischen den beiden Büchern gibt es eindeutig eine Beziehung. Aber die hab ich nicht absichtlich in die Geschichte gebracht. So wurde daraus eine wunderbare Würdigung für Maurice Sendak, der mir unter die Arme griff, als ich in die Vereinigten Staaten kam. "Was, du willst Kinderbücher machen?", hat er mir damals ins Telefon geschrien. "Wie kannst du da in Hollywood sein? Das ist der allerschrecklichste Ort! Hau sofort ab und komm nach New York, wenn du Bücher machen willst!" Also kaufte ich mir einen alten Wagen und machte mich ohne Landkarte quer durchs Land auf den Weg nach New York."

Auf dem Nachttisch liegt der "Robinson Crusoe"

Doch erst einmal zurück ins Prag der späten 1950er Jahre: Der kleine Peter ist also wieder in seinem Zimmer. Wir sehen ihn aus der Vogelperspektive im Bett liegen, sein Robinsonkostüm liegt verstreut am Boden. Mutter bringt ihm zum Trost eine Tasse Tee. Das Nachttischlämpchen brennt. Auf dem Nachttisch liegt der "Robinson Crusoe". Ein Stoffhäschen sitzt am Boden und scheint ihn trösten zu wollen.

"Mir schwirrt der Kopf. Ich wälze mich hin und her. Ich fühle mich verloren. Ich schwebe davon."

"Ganze Stunden vergehen, vielleicht sogar Tage, bis ich auf einer einsamen Insel strande. Alles sieht fremd aus. Ist außer mir denn niemand hier?"

 Auf den folgenden Seiten tauchen keine Wilden Kerle auf, ja nicht einmal Freitag. Peter träumt sich als Little Robinson eine fantastisch harmonische Inselwelt zusammen, in der er sich eine Baumhütte baut, Gemüse anpflanzt, angelt, sein Refugium kultiviert und sich im Lauf der Zeit so heimisch fühlt, dass er mit den Tieren, die ihm begegnen, Freundschaft schließt. Mit Fuchs, Ziege, mit Wildkatzen, mit einem Papagei. Immer dabei: sein treuer Begleiter, das Stoffhäschen. Dabei verlässt der Erzähler mehr und mehr die akribische Illustrationsdramaturgie, die er in seinen früheren Büchern bis zur Perfektion entwickelt hat - als filigranes Zusammenspiel verschiedenster Techniken und Schriftweisen. Setzt er am Anfang der Erzählung noch auf feinste, teils pointillistische Illustrationen in einer Art Comicerzählung - mit zarten, farbaquarellierten Hintergründen -, verlässt er die Akkuratesse in der Traumsequenz, die ihn auf die Insel führt. Als würde er zur ungezwungenen, hellen und leichten Mal- und Zeichenkunst aus Kindertagen zurückkehren. Je mehr sich Jungrobinson auf dem Eiland zuhause fühlt, desto leuchtender und freier, ja wilder, werden die mit Zeichenstift, Tusche und Wasserfarben zu Papier gebrachten Szenen.

"Das ist eine Art "offenes Buch". Ich hab versucht, mich nicht allzu sehr an meine übliche exakte Zeichendramaturgie zu halten und ganz genaue Entwürfe zu machen, sondern ein bisschen freier zu zeichnen, weil das ganze Buch ja so etwas wie ein Traum ist."

Atmosphäre neuer alter Frische

So hat er tatsächlich in der Retrospektive zu einer neuen Leichtigkeit der Erzählung gefunden. Ein milder, ja leicht melancholischer Blick auf die Kindertage, verbunden mit der absoluten Beherrschung der Techniken, erschaffen eine Atmosphäre neuer alter Frische. Die Symbolik wird wieder begreifbar, wie in Peter Sís' Madlenkabüchern - selbst für ganz junge Leser.

"Aber ich halte immer Ausschau nach Piraten. - Da sind sie …!"

"Leise schlüpfe ich zwischen die Bäume und verstecke mich. Wollen sie plündern und zerstören? Und werden sie mir wehtun? - Nein!"

Die Freunde tauchen plötzlich in Peters Zimmer auf.

"Meine Freunde wollen spielen und mehr von Robinson Crusoe hören."

"Ich mochte es so sehr, wie Robinson seine Gärten anlegte, und alles sorgsam hegte und pflegte. Er ist einfach so glücklich, weil es auf seiner Insel keinerlei Schlangen und anderes bösartiges Getier gibt - auch keine Moskitos - und er niemals krank wird. Als Kind liebte ich einfach seinen Einfallsreichtum. Da hab ich mir keine Gedanken darüber gemacht, ob er friert, ob er hungrig ist oder einsam. Aber wenn du älter wirst, fragst du dich schon: "Oh, meine Gott, wie findet er einen Arzt und wie kriegt er seine Pillen gegen Depression?"

Peter Sís wird im Mai 70 Jahre alt. Sein Karriereweg ist genauso eng mit dem American Way of Life verbunden wie mit seinen familiären Wurzeln, seinen Jahrzehnten im sozialistischen Prag und mit seinem unstillbaren Drang, den Abenteurern und Welterforschern, den Helden seiner Kindheit, mit Zeichenstift, Tusche und Pinsel auf die Spur zu kommen. Und trotzdem stellt er sich nun Fragen, die er sich vor Jahren so nicht gestellt hat: Ob die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump noch das Land sind, das er einst für seine unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten liebte? Und ob sich für ihn ein Kreis geschlossen hat, der ihn nun auf einen eher kontemplativen Altersweg führt.

Sitzen und genießen

"Jetzt sehe ich jede Menge älterer Menschen, sehe Dinge, die ich vorher nicht bemerkte, weil man erst mit der Zeit Empathie für sein eigenes Alter entwickelt. Vielleicht wär's am besten, im Garten zu sitzen und übers Leben zu philosophieren. Manchmal erwische ich mich tatsächlich dabei, wie ich in meinem wundervollen Garten in Irvington unter dem wunderschönen Baum sitze und einfach die Rehe betrachte, die um mich herum äsen. Ich sitze also da und genieße den herrlichen Sonnenuntergang. Das ist fantastisch. Und es reicht mir."

Die sentimentalen Reflexionen von Peter Sís, zu denen gelegentlich auch die leicht wehleidige Frage gehört, für wen ein Künstler – außer für sich selbst - heutzutage noch Bücher macht, wenn, trotz Kunst und Kultur, Hass und Schwarzweißmalerei allerorten zunehmen, die sentimentalen Reflexionen enden so plötzlich, wie sie gekommen sind.

"Für den Augenblick. Es reicht mir für diesen Augenblick. Und dann denke ich: "Nein, nein, nein! Ich muss etwas tun!" - Das ist ein Altersproblem und es stört mich, weil ich einige Künstler kenne, die sich so vor dem Ende des Lebenskreises fürchten, dass sie wie wahnsinnig weiterarbeiten."

So "crazy" scheint Peter Sís nicht zu sein. Zwar betrauert er das - wie er glaubt - nahe Ende der großen Illustrationskunst für Kinder, die Maurice Sendak einst gesellschaftsfähig gemacht hat, indem er in den Verlagen für diese Kunst kämpfte. Für Peter Sís war die Reise von Los Angeles zu Maurice Sendak nach Connecticut und dann nach New York, damals, 1984, eine Welterforschungsreise ganz nach seinem Geschmack. Und – wie wir wissen - der Beginn einer fantastischen Künstlerkarriere, die sich so wohl nur in den Vereinigten Staaten entwickeln konnte. Und was tut Peter Sís deshalb, wenn er die Augenblicke der Kontemplation in seinem Garten in Irvington genossen hat? - Er öffnet einen neuen Kreis und macht seine Reise im klapprigen Gebrauchtwagen von Los Angeles nach New York, mit Zwischenstopp in Maurice Sendaks Domizil, zum Thema seines nächsten Bilderbuchs. Eine Art Road Movie über den Weg zu sich selbst.

"Und zusammen erleben wir ein neues Abenteuer."

Peter Sís: "Robinson"
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.
Gerstenberg Verlag, Hildesheim, o.P., 16,95 Euro

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