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StartseiteCampus & KarriereSchüler wollen mehr Bewusstsein für Depressionen schaffen20.05.2019

PetitionSchüler wollen mehr Bewusstsein für Depressionen schaffen

Immer mehr Kinder leiden unter Depressionen. Um darauf aufmerksam zu machen, haben Münchner Schüler einen Film gedreht und eine Petition gestartet, die knapp 43.000 mal unterschrieben wurde. Der bayerische Bildungsminister Michael Piazolo hat nun reagiert.

Von Susanne Lettenbauer

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Ein Schüler sitzt im Klassenzimmer, den Kopf auf die Arme gestützt. (picture alliance/imageBROKER)
Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Depressionen betroffen: Im Alter von sieben bis siebzehn Jahren gelten 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler als psychisch auffällig. (picture alliance/imageBROKER)
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60 Minuten bedrückende Erlebnisberichte. Wie fühlt sich Depression an, wenn man an der Schule keine Perspektiven mehr sieht?

"Ich wollte nicht mehr rausgehen, ich wollte nicht mehr aufstehen, ich wollte eigentlich gar nichts mehr machen, ich lag den ganzen Tag nur noch im dunklen Zimmer."

Fünf Gymnasiasten haben das für ihren Film "Grau ist keine Farbe" mit betroffenen Mitschülern aufgezeichnet. Parallel dazu schrieben sie eine Petition, um endlich die Schulämter, Lehrer und das Kultusministerium auf dieses Thema aufmerksam zu machen.

Michael Piazolo: "Wenn man sich die Studien anschaut, ist es sicher eine zunehmende Problematik, der wir uns aber in der Gesellschaft zunehmend bewusst werden und insofern ist es wichtig, es in den Schulalltag mit aufzunehmen und auch darüber zu informieren."

Minister legt Zehn-Punkte-Plan vor

Eigene Petitionen und Bürgerbegehren kennt Kultusminister Michael Piazolo zu gut aus seiner Zeit als Freie Wähler-Oppositionspolitiker, jetzt trifft es ihn selbst. Umgehend hat Piazolo jetzt einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt.

"Das heißt, wir wollen die Lehrer informieren, auch im Bereich der Lehrerbildung und Fortbildung." - "Wir wollen aber auch die vorhanden Schulpsychologen noch stärker sensibilisieren in diesem Bereich."

Der Zehn-Punkte-Plan wendet sich sowohl an Lehramtsstudierende, als auch an Lehrer, Eltern und Betroffene. Als erstes will das Kultusministerium im Lehramtsstudium das Thema Depression stärker berücksichtigen. Es soll ein Ausbildungsmodul für Referendarinnen und Referendare eingeführt werden. Das Beratungsangebot der Schulpsychologinnen und Schulpsychologen wird vereinheitlicht und durch die staatlichen Schulberatungsstellen koordiniert.

Konkrete Unterrichtsbeispiele sollen in die Online-Ebene der Lehrpläne aufgenommen werden, ebenso ein Lern- und Aufklärungsvideo für Schüler und Erziehungsberechtigte, das über die Homepage des Kultusministeriums bereitgestellt wird. Nicht zuletzt kündigt der Minister Maßnahmen zur Stärkung der Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler an - gezielt auf das Thema Depression zugeschnitten.

Zahl der betroffenen Schüler steigt

Die Zahl der betroffenen Schüler steigt, bestätigt Sigfried Hümmer, Kunstlehrer an der Mittelschule von Laaber, einem Dorf bei Regensburg. Sechs Stunden pro Woche ist er als Beratungsrektor Schulpsychologie an 16 Schulen mit rund 3000 Schülern unterwegs. Viel zu wenig, um den gut gemeinten Zehn-Punkte-Plan vom Kultusministerium umzusetzen.

"Bis dato hat man nichts, weder vom Kultusministerium noch von der Regierung irgendeine Unterstützung erfahren."

Die Depressionen begännen immer früher, sagt Hümmer. Neben einem Anstieg der Suizidrate bei Jugendlichen arbeitet er immer häufiger mit spezialisierten Tageskliniken zusammen:

"Ich habe jetzt in diesem Schuljahr schon zwei Kinder in diese Einrichtung bringen müssen, also von der Grundschule her."

Man werde vor allem im Bereich des Personals bereits in Kürze nachbessern, verspricht Kultusminister Piazolo. Allerdings im Rahmen eines bereits bestehenden Programms:

"Es ist so, dass wir jetzt jedes Jahr dieses Programm "Schule öffnet sich" mit hundert bestücken, das sind eben sowohl Schulspychologen als auch Schulsozialarbeiter. Das heißt im Doppelhaushalt sind jetzt zweihundert Stellen enthalten."

Viele Lehrer merken nicht, wenn ihre Schüler depressiv sind

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes BLLV sieht die Pläne positiv. Aber: Die studierte Schulpsychologin würde vor allem den Anteil der Betreuungsstunden im Vergleich zu den Unterrichtsstunden erhöhen.

Die Zahl der betroffenen Schüler sei alarmierend: Im Alter von sieben bis siebzehn Jahren gelten 22 Prozent der Schülerinnen und Schüler als psychisch auffällig, an den Grundschulen sind es zwei bis vier Prozent ärztlich diagnostizierte Kinder. Bei den Jugendlichen 14 Prozent, so Simone Fleischmann. Und die Lehrer merkten es nicht:

"Ein depressives Kind hat ja eben genau die Störung, dass es sich kaum zeigt, dass du es nicht gleich siehst, dass es auch nicht eins, zwei, drei Punkte gibt, wo du sagen kannst, dieses Kind hat es jetzt, sondern du denkst: ‚Hey, was war denn mit dem Simon heute? War der da?‘"

Doch vor allem an Grundschulen, Mittel- und Förderschulen herrsche Lehrermangel, so Fleischmann. Lehrkräften mit der Spezialisierung Schulpsychologie könne man nicht einfach die normalen Unterrichtsstunden für mehr Beratungszeit kürzen. Woher also die Köpfe nehmen, wenn sie sowieso schon fehlen?

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